Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1918)
- Date
- 1918-11-29
- Page
- Seite 573 (sequence 9)
- Language
- German
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573 Meine das jüdische Genesungsheim in Lehnitz. Angeregt durch die Armenkommisision der hiesigen Jüdischen Gemeinde, hat der auf dem Gebiete der werktätigen Nächstenliebe unver-! gessene, verewigte Herr Louis Sachs aus seinen Mitteln das! Heim errichtet, das bereits tausenden jüdischen Frauen und Mädchen Aufnahme gewährte und Wiederherstellung der Gesundheit ermöglichte. Durch alle diese Institute ist erwiesen, daß die Einrichtung jüdischer Heil- und Heimstätten einem dringenden Bedürfmsie entspricht. Für jüdische Nerven- und Gemütskranke aber ist bisher leider in der Tat sehr wenig geschehen. Es besteht zwar ein „Hilfsverein für unbemittelte jüdische Nerven- und Geisteskranke" in Ems unter Vorsitz des Herrn Bezirksrabbiners Dr. Weinharten ebendaselbst: ein Verein, der sich mit der Unterbringung von Geistes- und Nervenkranken in geeignete jüdische Anstalten befaßt. Dieser Verein kann über nur eine begrenzte Tätigkeit schon aus dem Grunde ausüben, weil meines Wissens zurzeit nur eine einzige entsprechende Anstalt in Deutschland besteht, und zwar die Israelitische Kuranstalt in Sayn bei Koblenz a. Rh. Am Schlüsse dieser Ausführungen möchte ich mir erlauben, mich selbst zu zitieren! Im Jahre 1910 sagte ich in einem von mir veröffentlichten Aufsatze über „Kurreisen und Landaufenthalte": „Es sei an dieser Stelle gestattet, an unsere begüterten Glaubensgenossen den Appell zu richten, immer wieder Mittel zur Errichtung von Heil- und Erholungsstätten mit ritueller Verpflegung zur Verfügung zu stellen. Hierdurch wird eine der dankbarsten Ausgaben der jüdischen Armenpflege erfüllt. Erfahrungsgemäß ist ja die Beseitigung von Gewissensgedenken durch Gewährung von ritueller Verpflegung für die Patienten, welche diese Kureinrichtungen aufzusuchen genötigt sind, einer der wichtigsten; Heilfaktoren." Ich wiederhole diesen Appell speziell in bezug auf Bereit-! stellung von Mitteln zwecks Errichtung von Anstalten für! jüdische Nerven- und Geisteskranke, die unser Mitleid und unsere Teilnahme in noch höherem Maße wie die körperlich Kranken verdienen. Ich möchte diesen Appell aber noch er- | weitern, indem ich ihn an die „Zentralwohlfahrtsstelle der; Deutschen Juden" richte, die sich eben anschickt, ihre jüdischj soziale Wirksamkeit zu beginnen. Eine erfolgreiche Betätigung auf dem beregten Gebiet i würde ein unvergängliches Ruhmesblatt in der Geschichte : dieser neuen und vielversprechenden Organisation bilden. j Krük. Dr. Otto Oniower. tto Pniower ist am 23. Mai 1859 in Gleiiwitz geboren, besuchte das dortige Gymnasium bis zur Obertertia und kam 1873 auf das Friedrichs-Mymnasium in Berlin. Hier bestand er Ostern 1878 Das Abiturium und bezog Die Universität derselben Stadt, um als Schüler Karl Müllenhoffs und Wilhelm Scherers deutsche Philologie zu studieren. 1883 wurde er an ihr zum Doktor promoviert. Zwei Jahre darauf machte Scherer «ihn zu seinem Assistenten für die Herausgabe von Müllenhoffs „Deutscher AltertumskundeAls Scherer schon ein Jahr später starb, wurde Pniower in Gemeinschaft mit Mar Roedi-ger die weitere Arbeit an dem Werke von dem preußischen Kultusministerium übertragen. Drei Bände besorgte er dann zum Druck. Seit seinem freiwilligen Ausscheiden im Jahre 1893 ist kein weiterer Band mehr erschienen, so daß das' Unternehmen unvollendet blieb. In demselben Jahre wurde Pniower vom Magistrat von Berlin als Hilfsarbeiter ins Märkische Museum berufen. Im November 1902 erhielt er den Prosessortitel. Im April des gegenwärtigen Jahres wurde er zum Direktor des Museums ernannt. Pniowers selbständige Schriften sind vielfach, wenn auch nicht ausschließlich, Goethe gewidmet. Sie zerfallen in Ausgaben und selbständige Aufsätze und Forschungen. Was die erstewen betrifft, so hat er sich an der großen Weimarer und der Jubiläumsausgabe vonGoethes Werken beteiligt und vielfach an der Pantheon-Edition deutscher Klassiker mitgearbeitet. Er hat in ihnen Goethes Singspiele, Zeitdramen, dramatische Fragmente und Uebersetzungen, Faust,Tasso, Werther herailsgegeben. Auch andere Editionen rühren von ihm her, z. B. die der Briese Fontanes, dessen Werken er eine besonders liebevolle Betrachtung gewidmet hat. Sämtliche Editionen Pniowers, ebenso -wie seine gewaltige, schon erwähnte Arbeit an Müllenhoffs „Altertumskunde" zeichnen sich aus durch gediegene Beherrschung des Stoffes, durch sorgfältige Benutzung der Handschriften, durch vorsichtige kritische Emendationen und Durch feinsinnige, vortrefflich geschriebene, nie bei dem Aenßerlichen stehenbleibende, sondern in das Innere dringende Einleitungen und Anmerkungen. In Den letzten Jahren hat er Richard M. Meyers „Deutsche Literatur bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts" aus dem Nachlaß des verstorbenen Freundes und Lebensgenossen herausgegeben und ergänzt. Daneben veröffentlichte er eine beträchtliche Anzahl von Untersuchungen, Essays und Aufsätzen in Zeitschriften und Zeitungen aus dem Gebiete der deutschen Altertumskunde, Literatur und Kunstgeschichte. Ein Prof. Dr. Otto pniower, Berlin.