Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1918)
- Date
- 1918-11-29
- Page
- Seite 572 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229339-3229387--74489-3286987- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
licheu Mitteln gezahlt. Selbst die klerikale antisemitische „Reichspost" mußte gestern berichten: „In der Leopoldstadt, und besonders ans dem Nordbahnhof, trat heute auch die bewaffnete jüdische Selbstwehr an die Seite der Polizei. Sie oblag auf dein Bahnhof der Aufrechterhaltung der Ordnung und übernahm den Schutz der Juden in der Leopold-Stadt, die allerdings gar nicht bedroht wurden. I m ü b r i g e n versahen diese zionistischen Wehrleute, die dem Staatsrat unterstellt sind, in einwandfreier Weise ihren Dienst." Freitagabend (1. November) war es im Tempel in der Seitenstättengasse nach Schluß des Gottesdienstes durch die improvisierte Ansprache eines extravaganten jilngen Mannes zu einem peinlichen Tumult ge kommen. Um den Frieden in der Gemeinde zu wahren, wurde von besonnenen Borstandsmitgliedern auf den greisen 88jährigen Präsidenten am Sonntag eingewirkt, daß er vom Amt zurücktrete. Seine Demission wurde am 5. November vorn Borstande mit 15 gegen 6 Stimmen angenommen. In derselben Sitzung wurde, nachdem vom „Jüdischen Nationalrat" (an dessen Spitze neben dem Staatsbahnrat Ingenieur Robert Stricker jetzt auch Tr. B r u n o V o l l a ck von Parnau, ein jüngeres Mitglied der bekannten In- I dilstrietlen-Familie, wirkt) in einem Aufrufe die Anerkennung - der Juden als Nation verlangt war, folgende Kundgebung j beschlossen, die die Anschauung der offiziellen Kreise wider- > spiegelt. I Kundgebung den Wiener Israelitischen Kultusgemeinde. j In der am 5. d. M. unter dem Borsitz des Ersten Vizej Präsidenten Hofrates Dr. Benjamin Rappaport abgehaltenen! Plenarsitzung des Vorstandes der Wiener Israelitischen Kultus-! gemeinde wurde folgender Aufruf beschlossen: i An die Mitglieder der W jener I s r a e l i t i s -che n! K u l t u s g e m e i n d e.! Der Ernst der Zeit, die Sorge für unsere Gemeinde und ihre Angehörigen erfordern den festesten Zusammenhalt aller Juden. Jeder Unterschied in politischer, religiöser und nationaler Beziehung muß zurücktreten, um die Juden Wiens und! ihre Gemeinde - das größte und wichtigste Zentrum der - Juden Deutsch-Oesterreichs — in diesen schweren Tagen nicht! unnötigen Erschütterungen auszusetzen. j Der Borstand der Israelitischen Kultusgemeinde richtet die-! Uvn Appell an alle jüdischen Bewohner Wiens angesichts der! vor kurzem erfolgten Proklamierung des Jüdischen National-! rates für Deutsch-Oesterreich, dessen Schaffung bei allen in! Wien lebenden Juden Beunruhigung hervorgerufen hat, die! nicht auf dem Boden des jüdischen Nationalismus stehen, und! in dem Ailfgeben des Standpunktes, daß die Juden nur eine Glaubensgemeinschaft sind, eine Gefahr in sozialer und wirtschaftlicher Beziehung erblicken. Nach der festen Ueberzeugung des Kultusvorstandes bilden diese Juden die zweifellose Mehrheit in Wien und Deutsch-Oesterreich. Diese Mehrheit will aber die Minderheit, nicht unterdrücken, so wenig sie sich selbst zu den Anschauungen zwingen läßt, die sie nicht teilt. Ter Vorstand hegt die Hoffnung, daß ein Ausgleich der Gegensätze nicht im Kampfe, sondern im Wege gegenseitiger Verständigung gelingen werde. Unter den jetzt bestehenden. Gegensätzen darf jedoch — darüber sind beide Parteien einig — die Lösung jener Aufgaben nicht leiden, die im gemeinsamen Interesse gelegen und dringlich sind. Zu diesem Zwecke wird aus der Mitte des Kultusvorstandes eine Permanenzkommission gebildet, in der beide Parteien vertreten sein werden und die sich mit allen besonderen Fragen zu befassen haben wird, 'die aus der gegenwärtigen allgemeinen Lage sich ergeben, insbesondere aber mit der Ausarbeitung des Entwurfes einer neuen Wahlordnung aitf demokratischer Grundlage. Diese Kommission wird ihre Tätigkeit' so lange fortfetzen, bis nach erfolgten Neuwahlen der Wille und die Anschauung der Gemeinid-mntglieder unzweifeLhaft feststehen und in einem neugewähltein Vorstand Ausdruck gefunden haben Werdern Der Vorstand erklärt schließlich, daß die Schaffung, eines Jüdischen Nationalrates für Deutsck>Oesterreich und auch die tngestrebte Anerkennung der Juden als Nation k e i n e n w i e i m m e r gearteten Zwang für den einzelnen bilden wird it n d d a r f. Jedem Juden wird und muß cs vollkommen freistehen, nach seiner Ueberzeugung sich zu jener Nation zu bekennen, derer s i ch. zugehörig fühlt. In keinem Fall aber - und dies betont d e x V o r st a n d m i t alle nt N a ch - druck m ird den vollen Rechten u n d v o l l e n P f l i ch t e n d e r I u de n a l s Staats b ü r g. e r T eit t s ch - L e sterr ei ch s , d e:n s i e in hinge b tt ngtzvoll e r n n d o p f e r b e r e i t e r T r e tl e e r geben s r n d , Eintrag geschehen. Der Vorstand bittet, unter allen Umständen und unbeirrt durch etwaige- Aeußerungen und Handlungen extremer Elemente treu zur Gemeinde zu stehen. Der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde, Wien." Soziale Mrlorge kür Milche Mervrn- und Gemütskranke. Bon Buronuvorstehcr Nathan E v h n (Charlottenburg). Unter vorstehender Ueberschrift enthält hie eben ausgegebene Oktober-Nummer der Zeitschrift des Central- Vereins Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens „Im Deutschen Reich" einen sehr beachtenswerten Artikel des Herrn Hermann Seckbach (Frankfurt a. M.). Es wird anerkannt, daß die jüdische Wohltätigkeit sich auf fast allen Gebieten in hervorragender Weise bewährt; dennoch gibt es ein Gebiet, welches nrcht genügende Beachtung findet, es ist dies „die Sorge für geeignete Unterbringung jüdischer Nerven- und Gemütskranker". Ich stehe auf dem gleichen Standpunkte wie der Herr Verfasser des Artikels. Vor einer längeren Reihe von Jahren veröffentlichte die „Allgemeine Zeitung des Judentums" einen Aufsatz, der sich mit der gleichen Materie befaßte. Es war damals auf Grund eines Gutachtens eines hervorragenden holländischen Nervenarztes (Nichtjude), dessen Name mir entfallen ist, ausgeführt worden, daß es mehr als wünschenswert erscheine, jüdische Nervenkranke in gesonderten Anstalten zu behandeln. Erstens wegen des Gewissenszwanges, dem sie mangels ritueller Beköstigung in den allgemeinen Anstalten unterliegen, und dann auch wegen der Hänseleien, denen sie oftmals von denandersgläubigen Mitpatienten ausgesetzt seien und die naturgemäß den Gemütszustand auf das ungünstigste beeinflussen. Namhafte Psychiater, mit denen ich über diese Angelegenheit gesprochen habe, nehmen den gleichen Standpunkt ein. Ich habe wiederholt bekannte Philanthropen darauf Hingelviesen, lvie sehr angebracht es wäre, diesem Gegenstand ihr Interesse zuzuwenden, aber der Erfolg blieb leider bisher aus. In allen großen Kurorten, wie Karlsbad, Marienbad, Franzensbad, Teplitz, Soden, Nauheim, Kolberg. usw., befinden sich jüdische Kurhospitäler, welche den geeigneten Patienten Ausnahme gewähren, um sie in erster Reihe durch Gewährung von ritueller Kost vor Gewissenszwang zu bewahren. Auf ein Institut will ich an dieser Stelle besonders Hinweisen, das dem gleichen Umstande sein Entstehen verdankt und seit 20 Jahren seine segensreiche Wirksamkeit ausübt. Ich