Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1918)
- Date
- 1918-11-29
- Page
- Seite 571 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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571 weniger Anlaß, aus unserem augenblicklichen Anteil an seiner Leitung ernste Schlußfolgerungen zu ziehen. Die „k. k." Be Hörden sind zwar offiziell zurückgetreten (d. h. die Statthalter der Kronländer sind beurlaubt), aber gerade das, was einen Staat nach außen hervortreten läßt, das Auswärtige Amt, bei uns das „k. u. k." Ministerium des Aeußern (Fremde wissen es in der Regel nicht, daß „k. k." die österreichischen, „k. u. k." die gemeinsamen ö st erreich isch-ungarischen Aemter sind) fungiert für die alte Monarchie nach wie vor samt allen früheren Vertretungen im befreundeten und neutralen Auslande. Daran ändert der Umstand nichts, daß im weitläufigen Gebäude am Ballplatz, in der Mitte der zahllosen unverändert wie früher bestehenden Departements, in ein paar entlegenen Hinterzimmern der sozialdemokratische Staatssekretär des Aeußern für den deutsch-österreichischen Staat ungefähr wie ein pflichtmäßig logierter armer Verwandter untergebracht wurde. Das still abwägende Bestehenlassen der alten Autorität zeigt am besten, daß die neue an sich selbst vorläufig noch nicht recht glaubt. Es ist dies auch kein Wunder. Der Staatsrechtslehrer Rudolf Kjellen, der jedes Reich als lebendigen, nach biologischen Gesetzen sich entwickelnden Organismus betrachtet, sagt einmal, daß hinter einem Staat wie hinter einem Menschen elementare schöpferische Kräfte sein müssen; Staaten werden durch Einflüsse gelenkt, deren tiefste Quelle außerhalb ihrer eigenen Erkenntnis liegt. Keine derartige Gefühlseruption hat zu der deutsch-österreichischen Improvisation geführt. Sie war nie direkt beabsichtigt und ist nur auf negativem Wege entstanden. Es ist wirklich nur „der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe", daß wir, nachdem unsere großen Zeitgenossen, die Tschechoslowaken, mit so fabelhaftem Glücke die besten Kronländer uns entrissen, die Ungarn sich gänzlich losgelöst, die Galizianer endgültig ihr Land abgetrennt, die Südslawen das Band zwischen sich und der Monarchie zerschnitten und sich mit den Serben verschmolzen haben — wodurch erst am deutlichsten die Don-Quixotterie des von uns entfesselten Krieges hervortrat —, daß wir nach alledem, einsam und verlassen, ein entlaubter Stamm, uns zur Selbständigkeit resigniert haben. Und nun gar zu einer Republik! Wir mit unserer für Phäaken eingerichteten Reichshauptstadt, in der sämtliche Rechtsanwälte „Hos- und Gerichtsadvokaten", die Kaufleute — teilweise auch Journalisten und Privatbeamte — „kaiserliche Räte" sind und ein beträchtlicher Teil der Bewohner ohne die Monarchie mit sich nichts anzusangen wußte. Wenn aber alle Welt republikanisch wird und dies im Deutschen Reich zeitgemäß erscheint, dann wird man natürlich nicht zurückbleiben. Einen ursprünglichen, unbezwinglichen und darum Erfolg verheißenden Drang zur Bildung eines dauernd geschlossenen selbständigen deutsch-österreichischen Staates kann ich nicht konstatieren. Wie nun aber im Hintergründe die alte Macht noch aus der Wache steht, so sind es im wesentlichen zunächst dieselben politischen Schichten, die die neue Regierung in ihre Hand genommen. Zu Staatssekretären wurden, bis auf zwei Sozialdemokraten, nur Deutschnationale (hierzulande von jeher Antisemiten) und Christlichsoziale ernannt. Im Staatsrate sitzt zwar auch ein Jude, der greise Dr. Julius Ofner, einer der führenden österreichischen Juristen und seit mehreren Jahrzehnten Vorkämpfer der demokratischen Bewegung (er war auch vorher im Reichsrate die Seele des Justizans-- schusses), aber die allgemeine Erwartung, daß er zum Staatssekretär für Justiz ernannt werden würde, ist nicht in Erfüllung gegangen. Dagegen ist ein jüdischer Sozialist, Dr. Julius Deutsch (ein ehemaliger einfacher Arbeiter, der sich durch besondere Fähigkeiten hervorgetan, nachträglich umfassende akademische Studien gemacht und durch gediegene wirtschaftspolitische Arbeiten die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hat), Unterstaatssekretär für das Heereswesen geworden. Von unserem Stamme, nicht von unserer Religionsgemeinschaft, sind der zum Staatssekretär des Aeußern avancierte bekannte Sozialistensührer Dr. Viktor Adler und der Staatssekretär für das Ernährungswesen, Dr. Löwenfeld- R y st (der bereits vorher Ministerialsekretär im k. u. k. Aint für Volksernährung war). Für das Judentum in Wien und in ganz Deutsch-Oesterreich verschwindet aber die Frage der Mitwirkung am neuen Staate und der Gestaltung unserer äußeren Rechtsverhältnisse in demselben gegenüber der internen mit elementarer Macht in weiten Kreisen der Jugend und der heimkehrenden Soldaten hervorgetretenen nationalen Bewegung. Es mag sein, daß zum Erstarken des Zionismus in Westösterreich in den letzten Jahren die Anwesenheit von Hunderttausenden galizischer Flüchtlinge bergetragen hat (schließlich waren es ja in alten Zeiten auch nur Flüchtlinge aus Babylonien, die intensive Kenntnisse des Judentums in Westeuropa, und Flüchtlinge aus Deutschland, die das Judentum im 13. Jahrhundert in Polen verbreitet haben). Es ist ferner sicher, daß Ungerechtigkeiten und Seelenqualen, welche Zehntausende jüdischer braver Soldaten an der Front durch die vier schauerlichen Kriegsjahre zu erdulden hatten, Verfolgungen und Mißhandlungen — namentlich in Galizien und in Russisch-Polen - int Angesichte so vieler wiederauflebender Nationen und aus den Gräbern erstehender Staaten die höhere Sehnsucht nach einem eigenen nationalen und staatlichen Ausleben fördern mußten. Wie dem auch sei — der wahrhaft messianische Posaunenschall der Kunde von der Errichtung einer nationalen hebräischen Heimstätte im befreiten Jerusalem, von der märchenhaften Erfüllung eines zweitausendjährigen holden Traumes hat neue Massen der Juden in den österreichischen Ländern zur aktiven und entschlossenen Beteiligung an der zionistischen Bewegung erweckt. Massenversammlungen werden in den größten Sälen der Residenz abgehalten, in welchen nicht nur flammende Reden für den Zionsstaat gehalten, sondern auch bei den nach vielen Tausenden zählenden Zuhörern ein aufrichtiger seelischer Jubel vernommen und beobachtet werden kann. Und eine ungeahnte Saat ist in der Jugend ausgegangen. In großen Scharen sammelt sie sich um die nationale Fahne, lernt seit einiger Zeit auch fleißig die hebräische Sprache, und es ist kein Zweifel, daß es vielen ernst damit ist, selbst nach Palästina auszuwandern und sich dort produktiver Arbeit zu widmen. Viele junge Leute haben zu diesem Zwecke freiwillig unter Leiden und Entbehrungen längere Zeit auf landwirtschaftlichen Gütern praktisch den Landbau zu erlernen sich bemüht. Als Volljuden von nationaler Gesinnung verlangen sie nun auch stürmisch die offizielle Anerkennung der jüdischen Nationalität im Staate — wogegen sich selbstverständlich die in der Tradition der Gleichberechtigungskämpfe ausgewachsenen Gemeindeführer, welche das Judentum nur als Konfession angesehen wissen wollen, mit aller Kraft wehren. Am 2. November hat eine große Versammlung jüdischer Soldaten stattgefunden, die ihre Solidarität mit der nationalen Bewegung bekundet. Mit Rücksicht auf den geschlossenen Waffenstillstand und die sich zur Aufrechtcrhaltung der Ordnung bildende Dolkswehr wurde im Einvernehmen mit dem Staatsrat, mit dem Militärkommando und mit der Polizei direkt i o n , welche bei der überhandnehmenden Unsicherheit (besonders an den Bahnhöfen) die angebotene Hilfe freudig begrüßte, eine bewaffnete jüdische Gruppe (mit blauweißem Abzeichen) gebildet, welche zur Zufriedenheit der Bürgerschaft den Dienst verrichtet. Der Sold wird aus öffent-