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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-11-29 · Heft 48 (29.11.1918) · p. Seite 570

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 48 (29.11.1918)
Date
1918-11-29
Page
Seite 570 (sequence 6)
Language
German
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bte bäuerlichen Niederlassungen - 88 Dörfer und 7 Großbetriebe - mit 10 000 Menschen. „Unsere gesamte Einfuhr aus der Türkei betrug 1912 mit 77,8 Millionen nur rund 16 mal soviel als der Erntewert dieser kleinen jüdischen Kolonien (4-% Millionen Franken). Daraus ergibt sich klar die Qualität dieser jüdischen Schöpfungen." Allerdings hat der Pariser Rothschild, damit ein weit handgreiflicher Förderer als sein Londoner Vetter, für diese Kolonien wenigstens 50 Millionen Franken geopfert, gemäß der packenden Reiseschilderung „I e r u s a l e m" (Leipzig, F. A. Brockhaus, 1918) Sven •ö e d ins, worin der Zionismus eine selbständige Rolle spielt, 100 Millionen außer anderen nicht ermittelten Schenkern. Trotzdem stecken infolge der besonders durch das teure Auskaufen riesigen Kosten heutiger Landkolonisierung im ganzen festen und beweglichen Gut der jüdischen Pflanzer bloß 60 bis 70 Millionen Franken. Endres' Angabe, mehr als 10 Prozent des bebauten Bodens sei dort in jüdischer Hand, beleuchte man erst mit Sven Hedintz schlagendem Hinweis, daß von den 80 000 qkm Palästinas nur 4000 angebaut seien, davon eben 500 als Eigentum (oder Pacht?) von Juden. Erst wenn mehr Land an diese übergehe, laste sich die Erziehung der jüdischen Zuwanderer zur Landwirtschaft sachgemäß lösen, erklärt der osfenäugige welttundige Schwede. Tie dafür nötigen Milliarden (!) müsse das bisher neben dem Franzosen Rothschild und Baron Hirsch recht vorsichtige jüdische Kapital Englands und der Vereinigten Staaten aufbringen. Bei der letzteren starten Judenschast hatte nun jene halbossizielle britisch-ministerielle Bejahung der zionistischen Hoffnung auf einen Rationalstaat nach -der Einnahme Jerusalems im Dezember 1917 erheblich gewirkt. Za, Wilson, auf die Stimmen der Zionisten für die neue Präsidentschaft spekulierend, legte sich noch wesentlich deutlicher fest als Balfours Brief an Lord Rothschild. In seinem Auftrag sollte das Haupt der nordamerikanischen Zionisten, Bundesoberrichter Louis Brandeis, die Unterlagen für die vordermorgenländischen Verhältnisse zu den Friedensberatungen beschaffen. Endres erwartet: „Es ist daher ganz selbstverständlich, daß Brandeis auch die zionistische Frage auf dem Friedenskongreß immer dann in den Vordergrund schieben wird, wenn vom Orient gesprochen wird." Unter den Zionisten in der hohen politischen Beamtenschaft des Sternenbanners zähle man die Botschaften in Konstantinopcl mit: Strauß und Morgenthau. Ueber das Sinken des Zutrauens der bis in unsere Tage im Osmanenreiche maßgebend gewesenen Iuugtürken zum Zionismus bestätigt Sven Hediu die sonstigen Berichte und deckt sich da mit Endres' sorgsam begründetem harten Tadel der jungtürkischen Machthaber, welche die Selbstverwaltung aller nichtosmanischeu Volksbestandkeile unterdrücken. Der schon erwähnte bekannte scharfe Oberbefehlshaber Syriens nebst Palästinas, Tschemal Pascha, fei d e n Juden Freund, dem Zionismus Feind. Auf Aufkleben von Wohlfahrtsmarken als Sammelmittel drohte den jüdischen Kolonisten, als ob dies eine eigene Post andeute, der Tod. Zionistische Gemeindeeinrichtungen aus der Friedenszerr rottete er als Keime eines Staates im Staate aus, sogar die 150 Lrtspoliziften, die ihm wie Ansatz eines Judenheeres vorkamen. Mich» hat aus alle diese bedeutsamen Auslastungen bei F. E. Endres und Sven Hedin, die beide so viel und verschiedenes gesehen und gehört, ihr Kritiker Emil Daniels im soeben erschienenen Novemberheft der „Preußischen Jahrbücher" (Band 174, Heft 2) aufmerksam gemacht. Er sagt: „Die gute Zeit für die Zionisten waren die 25 Jahre unter Abdul Hamid, wo die jüdische Nationalpartei „durch die kmruptiven Mittel der alten Türkei" wirken konnte. Damals bewarben sich neben Sultan Abdul Hamid Kaiser Wilhelm 11., ■ König Humbert von Italien und die Lords Salisbury und Landsdowne wetteifernd um die Synrpathie Theodor Herzls,; des österreichischen Begründers der zionistischen Bewegung. In! den letzten 10 Jahren ist die Läge der jüdischen Kolonien in i Palästina sehr viel schwieriger geworden; mehr noch als durch 1 das Emporkommen des jüngtürkischen Zentralismus durch den j Krieg, der vieles mühsam Geschaffene von Grund aus zerstört hat. Wenn ich in einem früheren Aussatz über die Juden des Ostens die politische Bedeutung des Zionismus nur als eine! rasch vorübcrgegangene Episode wollte gelten lassen, so war ' das, wie ich glaube, für die Zeit bis zur Einnahme Jerusalems! durch die Engländer vollkommen zutreffend. Seitdem aber hat j der Zionismus wieder eine größere politische Wichtigkeit be-! kommen." Ob jetzt nun aber, wo England und sein bluts- und stnnesverwandter Partner jenseits des Ozeans sowohl in .Konstantinopel wie in Berlin und Wien den Gewaltsrieden > diktieren und über das Riesenreservoir der jüdischen Menschen-; masten, Rußland und Polen, neu zu verfügen sich anschicken,! zudem Frankreich das lange ersehnte Syrien beansprucht, sich; das so oft getäuschte heiße Sehnen der Rationaljuden vor der! rauhen Wirtlichkeit schroffster imperialistischer Machtpolitir! des nüchternen Angelsachscntums nicht endgültig stranden wird, das vermag im Augenblick sogar ein raffinierter Diplomat nicht zu beantworten. IBrief aus Wien. Bon Tr. A r m and K a r m -i n f a. Ter deutsch-österreichische Staat. - Inden in der Negierung. Ausbreitung der nationaljüdischen Bewegung. Bildung eines jüdischen „Nationalrats" und einer jüdischen Selbstwehr. Erzion ngene Demission des Präsidenten Tr. Alfred Stern. - AUtifOgelnnlg der Wiener Israelitischen Killtusgemeinde. Wien, 7. November .1918. ie wünschen, daß ich Ihnen berichte, wie sich die Verhältnisse der Juden im neuen „deutsch-österreichischen Staate" gestalten, ob Juden unter den leitenden Persönlich teilen hervortreten und inwieweit sich besonders Aspirationen innerhalb unserer Gemeinschaft geltend machen. Werden in einer Zeit so rascher, fieberhafter Wandlungen, da in Stunden und in Tagen sich das Antlitz von Ländern und Staaten verändert, die flüchtigen Notizen, die ich Ihnen sende, für Ihre Leser beim Erscheinen nicht bereits veraltet und durch die Ereignisse überholt sein? Ich, muß Ihnen zunächst über .unser Wohlergehen im eben erstandenen Staate eine mir bei Ihrer Frage in den Sinn gekommene Anekdote aus dem Traktat Baba Kama zitieren. Ehanina den Agil fragte den berühmten Prediger Rabbi Chija bar Abba: Warum ist in der ersten Version des Dekalogs, im zweiten Buch Moses, das Wort „Wohlergehen" nicht enthalten, wie cs bei der zweiten Version im Deuteronomium vorkommt? Der Meister kam in arge Verlegenheit, da ihm dieser Tertunterschied überhaupt niemals ausgefallen war und er darüber um so weniger jemals nachgedacht hatte. Bescheiden, wie zu jener Zert noch die Prediger waren, wies er den Fragesteller an den viel gelehrteren Rabbi Tanchum. Tiefer wußte es auch sofort und gab dafür, daß die Einschaltung „daß es dir wohlergehe" (beim Elterngebot) erst im Deuteronomium vorkommt, folgende Erklärung: .Bei den „ersten Gesetzestafeln" konnte von Wohlergehen nicht die Rede sein, da es ihnen ja bestimmt war, zerbrochen zu werde n. Sie waren noch nicht das definitive Werk Gottes. Dieses sollte sich erst später in den neuen Tafeln zeigen. Vielleicht irre ich mich - aber mir erscheint auch dee „deutsch-österreichische Staat" keineswegs als Definitivum. Er besteht auch noch gar nicht recht, und es ist daher um so

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