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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-11-29 · Heft 48 (29.11.1918) · p. Seite 569

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 48 (29.11.1918)
Date
1918-11-29
Page
Seite 569 (sequence 5)
Language
German
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569 sondern sie lehren, daß daS Licht, das in der Vergangenheit aufleuchtete, in der Gegenwart erloschen ist. Und doch scheint es in seinem Hellen Glanze zu mahnen, daß das Dunkel nicht undurchdringlich sei und daß nach der Nacht ein Heller Tag erscheinen könne und werde. Man spricht so viel von jüdischem Optimismus; er hat uns aufrecht erhalten m den schwersten Zeiten. Möge er uns stärken in den Wirrnissen der Gegenwart und nicht völlig verzweifeln lassen an einer gedeihlichen Zukunft! Aus und über Kalsltins. IV. n den zionistischen Versammlungen, die an ver- \ schiedenen Orten, auch, in Berlin, zahlreich stattfanden, wurlde die Forderung einer nationalen Heimstätte aufs entschiedenste ausgesprochen. Doch ist in diesen Proklamationen kaum ellvas Neues, Tatsächliches mitgeteilt worden. Auch wubden nicht die Wege dargelegt, auf denen es möglich »sein würde, den Juden wirklich, eine Beteiligung an dem Friedenskongreß zu sichern, auch nicht die Unterlagen geboten für die Aufbringung der Mittel, die zur Begründung und Ausrechterhaltung eines «solchen Staates notwendig sind. Daher halte ich es nicht für nötig, auf die in den einzelnen Versammlungen gefaßten Beschlüsse näher eingugehen. Nur eine einzige Probe mag hier folgen, ein Auszug aus dem „Leipziger Tageblatt", der so lautet: Was dürfen die Juden vom Fried ensschluß erwarten? Diese Frage beantwortete in einer am Sonnabend abend von der Zionistischen Vereinigung zu Leipzig nach dem Festsaal des Zenitraltheaters einberllfenen, äußerst stark besuchten Versammlung Herr Nachuur Gold mann aus Berlin, ein eifriger Vorkämpfer der zionistischen Bestrebungen. Er vertrat den Standprunkt, daß das Judentum in der jetzigen Zeit nicht frühzeitig und entschieden genug seine Forderungen vertreten könne, nachdem es durch den Krieg zu einem nationalen Faktor geworden sei. Als erste und hauptsächlichste Fvrdernng> die das Judentum an die Friedenskonferenz stelle, bezeichnete er die Ueberlassung Palästinas als Heimat und Heimstätte für die jüdische Nation. Werde dieses Verlangen nicht erfüllt, dann sei ihr Verfall unaufhaltsam; ohne Palästina werde auch die Kontinuität der Geschichte des Judentums zerrissen. Nachdem mit dem Zerfall Rußlands und Oesterreichs die Getto sonn, die großen Teilen des Judentums die Wege ihrer Kultur ermöglicht habe, mit zerstört sei, bedürfe es jetzt dringend eines Zentrums. Hinzu kämen wirtschaftlich-soziale Momente. Sicher werde nach dem Friedensschlüsse eine starke Auswanderung der Juden aus Polen, Galizien, Rumänien usw. einsetzen. Wohin solle aber der Auswandererstrorn geleitet werden, wenn die Friedensikonfereniz Palästina nicht als Heimstätte der Juden anerkenne? Als letzte Forderung für die Konferenz bezeichnete der Redner in feinem sehr beifällig aufgenommenen Bortrag die Durchführung. der Gleichberechtigung der Juden in allen Ländern. Nach Meinung »des Vorsitzenden könne die Friedenskonferenz gar nicht anders, als diese Forderungen der Juden anerkennen. Sodann stehe hier eine, leider sehr dürftige Notiz aus dem „Israelitischen Wochenblatt": S t a t i st i s ch e A n g a b e n b e t r e f s e n d die I u d e n Palästina s. Der erste Band der Statistik der Juden Palästinas lSephirath Dehoode Erez Uisroel) ist vom Palästina-Amt in Jaffa heransgegeben worden. In diesem Bande wird nur Judäa behandelt. Das Material ist von M. Wilkanski gesammelt worden, der zum ersten Male der Versuch gemacht hat, zuverlässige statistische Angaben über die Juden Palästinas zu verschaffen. Bekanntlich haben solche Angaben bisher vollständig gefehlt, und man war meistens auf Vermutungen angewiesen. In diesem- Bande sind bloß Tabellen von Zahlen enthalten, ohne irgendwelche Folgerungen oder Vergleiche. Die Angaben beziehen sich mif Bevölkerung, Beruf, ürsprungsort, Sprache und vieles andere. Die Statistik betreffend Galiläa ist noch nicht vollständig; zweifellos wird sie auch später veröffentlicht werden. Endlich fei hier die Fortsetzung des in der vorigen Nummer begonnenen Aufsatzes unseres Mitarbeiters L. F. abgedruckt: Längst belehren diese scheinbar schwankenden, in Wahrheit aber von Anbeginn durchaus folgerichtig britischimperialistisch durchschimmernden Verheißungen und Maßnahmen von englischen Lippen oder Federn den nüchternen Beobachter ziemlich ungeschminkt. Völlig unparteiisch klingt nun daneben, was uns in der jüngsten Vergangenheit eine deutsche Stimme kündet, deren Träger in ziemlich weiten Kreisen maßgebenden Ruf als erfahrener Kenner der innertürkischen Verhältnisse besitzt. Der ehemalige bayerische Hauptmann Franz Karl E n d r e s hatte als kaiserlich ottomanischer Major die verschiedenen einschneidenden Umwälzungen am und im Leibe des „kranken Mannes" vor einem Jahrzehnt und nachher Mitgemacht. Im Laufe der Zeit ist bei ihm ein Umschwung seiner Ansichten im Punkte des Zionismus eingetreten. Hier hat er feil einem Jahre umgelernt und seinen langjährigen Optimismus entscheidend umgebogen. Noch im vorigen Jahre trug er in mannigfachen Bildungsvereinen über die praktischen Seiten des Zionismus recht Günstiges vor. Kein Wunder, zionistische Ortsgruppen Süd- und Mitteldeutschlands ließen den vom Nimbus deutscher Gelehrsamkeit lind des sowohl deutschen wie türkischen Offiziers umkleideten drastischen Bayern fast wie einen außenstehenden Wanderprediger werberisch austreten. Jetzt nun liefert Endres^ Schrift „Z i o n i s m u § u u v Weltpolitik" (München 1918, Duncker u. Hurnblot) einen brauchbaren Ueberblick über den veränderten Stand unserer Frage, welche „zu einem nicht mehr ableugbaren Faktor der Weltpolitik europäischer Großstaaten geworden ist". Sein Urteil fußt aus der durchgreifenden inneren Unduldsamkeit — er gebraucht tatsächlich das Wort Intoleranz — wie er sie dem Judentum zuschreibt; jedoch fürchtet er sie nicht, sobald die Juden Herren im Heiligen Lande wären. Sei doch der Jude der vorbestimmte Besiedler des heutigen Palästina: „Er wird osmanifcher Untertan, er kommt in einen schon bestehenden ziemlich ausgedehnten und ausgesprochenen Kulturkreis seiner eigenen Kultur hinein, und schließlich — was zum Wichtigsten gehört — er kehrt in seine Heimat zurück, bringt also alle die JMponderabilien mit, die nun einmal der Begriff Heimat im Herzen des Menschen auslöst." Endres, der sich damit dieser Darlegung fast bis zum Standpunkt derjenigen äußerlich wohlwollenden deutschen Antisemiten durchgemausert zeigt, welche die ihnen lästigen jüdischen Mitbürger in Bausch und Bogen ins Land ihrer Volksvergangenheit abschieben möchten, beruhigt fromme Gemüter durch die Zusicherung, die Ausübung des christlichen Kultus an dessen geweihten Stätten sei alsdann keinesfalls bedroht, weil die Zionisten gegenüber den christlichen Mächten ihre eigene Schwäche völlig einsähen. In Kürze ein Auszug seiner statistischen Angaben! Palästina, das Endres nach Abzug der Wüstenstrecken auf 27 000 qkm, also so groß wie die preußische Rheinprovinz bemißt, zähle unter 700 000 Bewohnern V? jüdische, Jerusalem deren 50 000 unter 85 000; außerdem überwiegen sie nur in Safed mit 10 000 von 18 000 und in Tiberias mit 4/r» von 10 000, beide in Galiläa. Diese Stadtmenschen seien aber nur zu-m kleineren Teil zionistisch, welchen Unterschied besonders der Türke scharf abwäge. So verweigerte ein Beamter einer Reisenden, als sie aus Anfrage sich Israelitin nannte, den Paß nach Palästina: „Nein! Zionistin; das ist eine andere Religion!" Die Juden von Jaffa (Joppe), 10 000 von 50 000, erbauten für ihren engeren zionistischen Kulturkreis schöne moderne Stadtviertel; in kleinerem Maßstabe die 2000 zu Haifa an der phönizischen Küste Galiläas. Endres bezeichnet die Zionisten als das Salz Palästinas, ihre Kolonien, zweifellos zu hoch greifend, als die Oasen des ganzen Orients. Dieses Lob meint außer der beträchtlichen Minderheit der Städter

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