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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-11-29 · Heft 48 (29.11.1918) · p. Seite 568

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 48 (29.11.1918)
Date
1918-11-29
Page
Seite 568 (sequence 4)
Language
German
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568 Man sieht aus den oben mitgeteilten Pressestimmen, Plakaten und Flugblättern, wie traurig weit wir es gebracht haben. Das ist der Segender neuen Zeit, das sind die Früchte einer Revolution, die Freiheit zu predigen, Gleichheit und Brüderlichkeit zu verkündigen schien. * Noch schlimmer als in Deutschland sieht es anderwärts aus. In der Provinz Posen scheinen die Juden bedenkliche Ausschreitungen zu erwarten, wie aus folgendem Aufruf hervorgeht, der mir von befreundeter Seite zugestellt wird: Jüdische Mitbürger! Ein jüdischer Volksrat zur Wahrung der nationalen und persönlichen Rechte der Juden in Stadt und Land Posen ist gebildet! Jüdische Mitbürger! Wendet euch an uns in allen Fragen, die den Schutz eurer Rechte, Freiheit und Sicherheit betreffen. Jüdische Soldaten! Sagt uns alle eure Sorgen, und verständnisvoller Rat und Hilfsbereitschaft sind euch sicher! An der allgemeinen Bürgerwehr nehmen wir teil. * Iudenpvg r o m e i n W estgalizieu u n d Pole n. Das Jüdisthe Preßbureau in Stockholm meldet: Eine furchtbare Pogromwelle hat sich über Westgalizien und Polen ergossen. Wie bereits gemeldet, haben polnische Legionäre in Warschau einen Juden und in Siedlce sechs Juden mutwillig erschossen. Aus absolut zuverlässiger Quelle erhalten wir die telegraphische Mitteilung, daß in den galizischen Städten Jaworzne und Suther in der Nacht vorn 6. November ein furchtbarer Judenpogrom stattgesunden hat, und daß die jüdische Bevölkerung der polnischen Städte Dombrowa und Szakowa infolge von gegen sie inszenierten Exzessen, Plünderungen und Brandstiftungen flüchten mußte. Sie hat nur das nackte Leben gerettet. Der „Wiener Morgenzeitung" zufolge überfiel -eine Bande von mit Texten und Schußwaffen ausgerüsteten Bauern, denen sich Studenten und Legionäre zugesellt hatten, die jüdische Bevölkerung von Ehrzauow (Westgalizien), plünderte die jüdischen Geschäfte aus und führte die geraubten Waren auf bereitstehenden Fuhrwerken weg. Die Mitglieder des jüdischen Selbstschutzes wurden entwaffnet nnd „verhaftet". Während der Exzesse wurden neun Juden, davon zwei Kinder, getötet. Es liegen auch Nachrichten über Judenpogrome in einer Reihe anderer Ortschaften vor. Der durch die Pogrome verursachte materielle Gesamtverlust der jüdischen Bevölkerung Westgaliziens wird aus 20 Millionen geschäht. Das britische Außenministerium veröffentlicht folgende Erklärung über die Judenpogrome in Polen i „Gerüchte über antisemitische Pogrome erreichten die Regierung Seiner Majestät. Sollten sich diese Berichte als zutreffend erweisen, so könnte die britische Negierung nur die ernsthafteste Stellung zu solchen Zwischenfällen nehmen. Solche Zwischenfälle sind eine Ermutigung für die Elemente der Unordnung und der Gewalt, die bereits das Leben jeder Bevölkerung zwischen dein Rhein und der Wolga bedrohen. Der eben erreichte Freiheitssteg würde von geringerer Bedeutung sein, falls die Welt die Herrschaft der eben vernichteten Gewalt in anderer Form wiedereingesetzt sehen müßte, die nicht weniger im Widerspruch zu den Freiheitsprinzipien steht. Die Alliierten und die Vereinigten Staaten sind bereit, ihre gesamten Hilfsquellen dem Wiederaufbau der ökonomischen Grundlagen der Ordnung und des zivilisierten Lebens jenen Ländern zu leihen, aber nur zenen Ländern, die durch ihre Handlungen zeigen, daß sie Ordnung und Zivilisation wünschen. Wenn irgendein Volk die Begier zur Unordnung herrschen läßt, so werden die Demokratien des Westens unfähig sein, etwas für die Förderung seines Wiederaufbaus zu tun. Sie werden nur imstande sein, in Geduld und in gezwungener Untätigkeit die Wiederherstellung von Bedingungen, welche den Fortschritten des Friedens die Tür öffnen werden, abzuwarten." * Auch in Rumänien steht es recht bedenklich aus. Darüber entnehme ich dem „Neuen Pester Jounal" folgende Mitteilung aus Bukarest: In dem Maße, als die hiesige jüdische Bevölkerung mit dem Abzug der Besatzung der MiltMnächte zu rechneu beginnt, bemächtigt sich ihrer auch eine große Besorgnis für ihr weiteres Schicksal. Durch die Wendung, die der Krieg .genommen hat, hat jene Strömung im rumänischen Publikum Oberhand gewonnen, die es -tadelt, daß die I irden frage durch einen Druck von außen' gelöst wurde. Die hiesigen Juden fürchten nun, daß die von außen veranlaßte Lösung der Jubenfrage Ausschreitungen gegen sie zur Folge haben werde. Die Erregung unter ihnen ist so groß, daß der Minister des Aeußern, A r i o n, in der „Lumina" das Wort ergreift, um die Juden zu beruhigen und sie zu versichern, daß, wenn die freurde Besatzung abrücke, ihre Stelle sofort von rumänischen Truppen werde eingenommen werden., die für die Atrfr echt e r h a ltu ng de r R u h e sorgen werden. Eine gleiche Versicherung richtet Arion an die österreichischen, ungarischen u.nd -deutschen Angehörigen und erklärt, daß die Furcht der Internierung irgendwelcher Art unb e g rundet fei. * Endlich ist auf merkwürdige Bewegungen in Ungarn, gleichfalls nach dem „Neuen Pester Journal", hinzuweisen. Eine Landesversammlung der ungarischen Judenschast wurde von Zionisten gesprengt. Diese berieten dannweiter und verlangten die Konstituierung eines unabhängigen jüdischen Rates auf der Basis einer freien Organisation. Der Minister Baran'bas Buza hatte erklärt, „das ungarische Judentum kann stolz darauf sein, daß die Juden eine separate Nation bilden. Gleichzeitig will ich aber kundtun, daß von allen hier lebenden Nationen die jüdische am tiefsten in der ungarischen Nation aufgegangen ist". Er hatte zu einer Verschmelzung der beiden Nationen aufgefordert. Die Zionisten, obgleich sie sich als begeisterte Ungarn erklärten, bemühten sich, nachdem sie ihre Gegner hinausgedrängt hatten, sich trotzdem als eigene Nation nt proklamieren, erklärten, daß sie derEinberufung der Versammlung fernständen und beschlossen ihrerseits folgendes: Die ungarische Judenschast schließt ' sich nüt ganzer Kraft dem Nationalrat an, unterstützt die ungarische Volksregierung in dein großen Werke der Schaffung der nationalen Selbständigkeit, bittet die Negierung, den Gtaübensgenosfen in der Provinz, deren Leben und Gut bedroht ist, sofortigen Schutz angedeihen zu lassen, begrüßt die Nationalgarde und fordert die Glaubensgenossen auf, die Nationalgarde in ihrer Arbeit zu unterstützen. Tie Landesversammlung betraut den freien Organisationsrat der unabhängigen Juden damit, die ungarische Volksregierung im Interesse des inneren Friedens des ungarischen Judentums über die Ungeregeltheit der öffentlichen Zustände der ungarländischen Juden aufzuklüren. Die Land esversa nun - lung spricht aus, daß die Landeskanzlei und die orthodoxe Kanzlei nicht berufen seien, die Interessen der ungarischen Judenschaft zu vertreten. Tie Landesversammlung fordert nachdrücklich die Einberufung einer außerordentlichen Generalversammlung der Kultusgememden und die Neubildung der Repräsentanz auf Grund des allgenieinen und geheimen Wahlrechtes. Die Land-esversammlunq lenkt zum Schlüsse die Aufmerksamkeit der Regierung auf den Umstand, daß die Landeskanzlei seit Jahren die Genehmigung der Statuten dos Zionistenvereins verhindert. Aehnlich wie in Ungarn versuchen die Zionisten auch in Deutschland diese Absonderung zu predigen, 'die Wahrung eines nationalen Elementes zu verkünden. Ueber die mannigfachen Versammlungen der Zionisten in Berlin gibt ein ausführlicher Bericht Mitteilung, der im „Gemeindeboten" abgedruckt ist. Wir haben zu wiederholten Malen darauf hingewiesen, daß wir alle diese nationalen Forderungen, namentlich für Deutschland, aufs strikteste ablehnen und baß. wir nichts anderes sein und bleiben wollen als deutsche Juden. Bei all diesen Strömungen von seiten der Antisemiten und der Zionisten, bei der unsäglich traurigen Lage, in der sich Deutschland befindet, können wir das herannahende | Chanukafest nur mit sehr gemischten Gefühlen begehen. Die j Lichter leuchten einer bangen und trübe in die Zukunft blickenden Schar. Sie künden keine Befreiung und keine Freiheit,

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