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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-11-29 · Heft 48 (29.11.1918) · p. Seite 567

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 48 (29.11.1918)
Date
1918-11-29
Page
Seite 567 (sequence 3)
Language
German
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567 Es ist ihnen nicht gelungen, unsere ftmium imb Kinder durch Hungerpest hinzumorden, mit Waffen konnten sie uns trotz zehnfacher Ueberlegenheit nicht besiegen. Nun sollen wir Arbeiter die Zeche bezahlen!!! Der letzte Versuch im Januar ist mißglückt, weil die meisten Genossen nicht mittun wollten. Jetzt wi-rd von neuem aufgewiegelt. Wlr sollen unsere Haut zu Markte tragen, damit die reichen Juden noch reicher werden. Dreiviertel unseres Vermögens haben sie bereits in der Tasche, den Rest wollen die Unersättlichen jetzt holen! Wer hat denn eigentlich Interesse am Untergang Deutschlands^. Wir oder das internationale Judentum, das seine Weltherrschaft errichten will? Wer hat die Völker aufeinandergehetzt? Wer betrachtet den Krieg als ein großes Geschäft? Wer will aus dem Frieden wieder ein Geschäft machen? Wer treibt durch Wucher und Schleichhandel die Preise für Ldbensmittel in die Höhe? Wer sieht trotz Not immer noch fett und wohlgenährt aus? Wer drückt sich in den Kriegsgesellschafteu herum statt im Schützengraben? Wir wissen es! Wer steht jetzt in allen Ländern an-der Spitze? In Rußland der Jude Trotzki geborener Bronstein! In Oesterreich sein Dutzfreund, der Jude Adler! Und ebenso steht es in Italien, in Frankreich, in England und in Amerika! Ueberall haben die Juden die Leitung und schöpfen den Rahm ab! Und wer sind unsere Führer? Sind das etwa Männer mit schwieliger Faust, die wissen, wo uns der Schuh drückt, oder sind es nicht auch wieder Juden? Geht die Sache schief, daun müssen lvir die Zeche bezahlen, und geht sie gut, dann saugt der Jude uns aus und macht uns vollständig zu Lohnsklaven! Wer sind jene Leute, die immer von Volksrechten reden, in Wirklichkeit aber nur uns als Stoßtrupps verwenden möchten, um selbst die Macht in die Hände zu bekommen und uns noch besser knechten zu können! Reißen wir denen die Maske vom Gesicht, die frech behaupten, sie kämpiteu mit uns gegen den Kapitalismus, während sie in Wirklichkeit sich stets schützend vor den Juden stellen, der die Kapitalmacht schon fast ganz besitzt und das heutige Elend verschuldet hat!" An vielen Stellen Berlins wurde ferner ein Anschlag angeheftet, der durch seine gefälschte Unterschrift „Der Arbeiter¬ und Soldatenrnt" sich als eine Proklamation einer offiziellen Behörde ausgibt, der aber mit dieser ganz gewiß nichts zu tun hat und zweifelsohne von waschechten Antisemiten ausgeht. Auch dieser muß im Wortlaut abgedruckt werden. Er ist vom 18. November 1918 datiert und lautet so: „Arbeiter, Bürger, Soldaten! Der Kaiser hat abgcdankt. Tie Juden haben ihn beeinflußt, während er regierte, seinen ehrlichen Willen in falsche Bahnen gelenkt, Juden haben das Volk gegen ihn eingenommen, seinen Sturz veranlaßt. Er sprach von zwei Weltanschauungen, merkte aber nicht, daß er selbst auch.im Banne der mammonistischen jüdischen stand. Deutsches Volk! Der Kaiser hat abgedankt, die Republik ist erklärt. Deutsche! Seid ihr frei geworden? Die Namen haben gewechselt, die Götter sind geblieben! Statt der Ballin und Rathenau sind die Hirsch, Arons, Bernstein, Bresin, Cohn am Ruder. Die mischblütigen Bethmann, . Dernburg, Müllner v. Mühlheim (Adjutant des Kronprinzen)! finden Ersatz durch Liebknecht. An Stelle des Freundes Kühl-! rnanns, der Tochter Friedländer-Fults (diese unverständliche Phrase steht wirklich im Aufruf) tritt dessen angeheirateter Neffe Südekum. Deutsche, besinnt eilch, werdet mündig! Lenkt selbst das Geschick! Wilson hat die Juden als Volk anerkannt. Mögen sie dies sein, aber sich nicht in deutsche Angelegenheiten mischen. Wir hatten ein deutsches Kaiserreich. Wir sind ein deutsches Volk, einen deutschen Staat hatten wir nicht." Dieser verbrecherische Ausruf ist bisher unbeanstandet geblieben. Allerdings ist Sorge dafür getragen, daß das Polizeipräsidium und die Regierung aus diese gewissenlosen Aufrufe hingewiesen wurden, aber eine Abhilfe ist bisher nicht erfolgt. Wvnn gegen solche furchtbaren Manifestationen nicht bald eine energische Abwehr erfolgt, so drohen den Juden, zumal in Berlin, die ernstesten Gefahren. Daher ist freudig anzuerkennen, daß sich in Berlin mit Bewilligung, ja mit Hilfe des Polizeipräsidiums eine „jüdische Selbstwehr" organisiert hat. Die der Zionisten ist gebildet, die der jüdischen Jugendvereine im Entstehen 'begriffen. Wir wünschen von Herzen, es möge nicht so weit kommen, daß diese jüdische Selbstwehr in Aktion treten müsse. Bei dieser Gelegenheit mag erwähnt lverden, daß Prof. Nt. Sobernheim a l s D e z e r n e n t s ü r j ü d i s ch e Angelegenheiten ins Ministerium des Innern berufen worden ist. Das ist eine so wichtige und bedeutungsvolle Nachricht, daß lvir sie unseren Lesern mitzuteilen uns verpflichtet fühlen und baldigst ausführlich darauf zurückzukommen gedenken. Wie in Preußen, so lverden auch in Bayern die lmaeherlerlichsten Vorwürfe gegen den „Juden" Eisner erhoben. Ferner tritt in gar manchen Zeitungen unverhüllter Antisemitismus hervor. Sehr merkwürdige und traurige Brechen davon .lverden wir in der nächsten Nummer, veröffentlichen. Selbst in der Zeitschrift „Das freie Wort", die sonst im allgemeinen Gerechtigkeit gegen die Juden forderte, steht ein Aufsatz von R. Zimmermanu, „Weiteres Grund- und Tatsächliches zur Judensrage", als eine Entgegnung auf einen in bewWben Blatt abgedruckten Artikel von L. Heyde. In diesem Aufsätze Zimmermanns werden aus dem Satze „ganz Israel bürgt füreinander" die falschesten Schlüsse gezogen, und es wird geradezu die Forderung erhoben, daß die Juden in ihre „gerechten" Schranken zurückgewiesen lverden müßten, daß also auf hundert „Deutsche" nur ein Jude kommen dürfte. Allerdings fügt die Redaktion eine beruhigende Nachschrift hinzu, die sich gegen die Ungerechtigkeit der letzterwähnten Forderung richtet, die zur Einheit, zu Takt und Entgegenkommen aus beiden Seiten rät. Aber es ist tralirig genug, daß selbst ein freisinniges Blatt seine Spalten nicht mehr den wüstesten antisemitischen Tiraden verschließen kann. In diesem Zusammenhänge rnag dann endlich auf eine ruhige, objektive Betrachtung Paul Nathans hingewiesen lverden, die lvir in einem Berliner Blatte finden unter dem Titel „Jüdische Probleme". Er verbreitet sich über die Schwierigkeiten der Ausrichtung eines jüdischen Reiches in Palästina, untersucht besonders die Forderung der Autonomi-e der Juden in den einzelnen Staatell lind kommt zu dem Schluß: Weit schwerer aber fällt ir* Gewicht, daß diese völlige Absonderung der Juden, diese Bildung eines Staates i.m Staate, bei der jetzigen allgemeinen lieber reizung nationaler Leidenschaften, die Pogromgefahr in verhängnisvollster Weise steigern würde. und Pogrome finden bereits überall in Rußland und in den früheren russischen Randstaaten statt. Die Neigung zur Ausplünderung und Vernichtung der Juden, die scharr heute sich in scheußlichsten Taten manifestiert, wird dann die eigene nackte Barbarei in den nationalen Mantel hüllen, und es können sich damit Ereignisse im Osten vollziehen, gegen die die älteren russischen Pogrome, so grauenvoll sie waren, ein Kinderspiel sind.

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