Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-11-29 · Heft 48 (29.11.1918) · p. Seite 566

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 48 (29.11.1918)
Date
1918-11-29
Page
Seite 566 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229339-3229387--74483-3286981
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

566 Wir einzig Heimatlosen der Erde, Wir wandern in alle Ewigkeiten, Die Letztgebliebnen Unendlicher Schar Heimwärts zu Gott, Der aller Anfang und Ausgang war, Bis daß er uns selber die Heimstatt werde. Der ruhlos wie wir mit Sternen und Jahren Die Welt umwandert und leuchtend umkreist, Und wir ganz ausgehn im Unsichtbaren: Verlorenes Volk, unsterblicher Geist/ Sir Macht. B e r l i n, den 26. November 1918. n Deutschland sieht es immer trüber aus. Die Wafsenstillstandsbedingungen werden in vollster Härte ohne jede Milderung durchgeführt; die Auslieferung der Schiffe und Unterseeboote hat in einer Weise stattgefunden, die jedem ehrlichen Deutschen die Schamröte in die Wangen treibt; die rückflutenden Truppen werden, wenn sie nichtruf Tag und Stunde aus ihrem Standort abrücken, gefangengenommen, die zahllosen Verwundeten, die unmöglich rechtzeitig fortgeschasft werden können, werden als Gefangene betrachtet; der Einzug in Elsaß-Lothringen hat sich unter dem Jubel der französisch gesinnten Elsässer vollzogen, die Besetzung deutscher Gebiete jenseits und diesseits des Rheins steht unmittelbar bevor. Generälfeldmarschall Hindenburg, der sich bis zum letzten Moment als wahrhafter und aufrechter Mann bewährt, erklärt, daß nun ein Widerstand gegen die Feinde unmöglich sei, eine traurige Erklärung, welche beweist, daß das große deutsche Volk auf Gnade und Ungnade seinen Gegnern ausgeliefert ist. Nicht minder traurig sind die Verhältnisse im Innern. Aufruhrversuche ertremer Parteien zeigen sich; die Polen bedrängen in ungerechtester Weise die Provinz Posen; Nordschleswig erklärt in offenster Art seine Zugehörigkeit zu Dänemark. Trotz alles Mähens der Reichsregierung, trotz der Erklärung Scheidemanns, daß ohne das baldigste Zusammentreten der Nationalversammlung ein Friede unmöglich, will eine Gruppe Unentwegter von einer solchen Versammlung nichts wissen, und es ist nur ein schwacher Trost, daß in manchen Teilen Deutschlands die gesamte sozialdemokratische Partei sich für eine solche Nationalversammlung ausspricht, und auch die eben zusammengetretene, aus ganz Deutschland beschickte Reichskonferenz scheint sich für eine solche auszusprechen. Der Zusammenschluß aller Freigesinnten und mancher ehemaligen Konservativen, unter denen sichauch, was wohl bemerkt zu werden verdient, Prinz Friedrich Leopold von Preußen befindet, scheint gerade auf die ganz links Stehenden die schlimmste Wirkung zu üben, so daß sie in verhängnisvollster Art alle Anstrengungen machen, das Zustandekommen regelmäßiger Zustände zu hindern. Dazu kommt, daß infolge des Mangels an Transportmitteln, zum Teil infolge der plötzlich eingetretenen Kälte, zum Teil infolge der zuströmenden Millionen und des j Mangels an dem bisher aus den besetzten Gebieten für die! Truppen und teilweise auch für Deutschland gelieferten > Material, die große, furchtbare Gefahr einer Hungersnot besteht! und täglich wächst. Auch eine wahrhaste Kohlermot droht, I wenigstens für Berlin infolge des Streiks oberschlesischer j Arbeiterder noch nicht beendet ist. Ein schwacher Trost in j allen diesen Uebeln ist der, daß Amerika sich ernst- > lieh bereit erklärt hat, dem Mangel abzühelsen, aber! die Ententemächte, besonders Frankreich in seinem un-! auslöschlichen Haßgefüht, in seiner trotz des errungenen i Steges vorhandenen, ja immer stärker werdenden Rachsucht, scheint durchaus die Aushungerung Deutschlands durchführen zu wollen, die in dem furchtbaren' Kriege nicht gelungen ist, einem Kriege, in dem das Heer und das Volk Deutschlands sich so heroisch gezeigt haben wie noch kein Volk in der Weltgeschichte. Statt ein menschlcches Gefühl zu besitzen, statt diesen Heroismus anzuerkennen, statt der Verhältnisse, der völligen inneren Umwandlung Deutschlands Rechnung zu tragen, statt zu bedenken, daß die einzig Schuldigen, die Herrscher Deutschlands undderen Berater, hinweggefegt sind und daß man es nun mit einem Volke zu tun hat, das lange den Frieden wünschte und" schon lange an Stelle des anfänglichen Siegesgesü'hls und Siegeswillens die tiefe Sehnsucht nach Nachgiebigkeit empfand — denn das Häuflein der Alldeutschen, die einem Prinzip zuliebe, und der Schwere industriellen, die um weitere Gewinne einzuheimsen, die Fortsetzung des Krieges wünschten, zählen in Wahrheit nicht kennen diese wirklichen Barbaren, die sich mit Kultur brüsten, nichts als die niedrigste Befriedigung ihrer Rache. Dabei ist kaum zu hoffen, daß, wenn die Friedensverhandlungen im Ernst beginnen (man spricht von einem vorläufigen Frieden, der schon im Dezember eintreten sollte, während die eigentlichen Verhandlungen frühestens im Januar stattsinden dürsten), irgendwelche Milde und Gerechtigkeit herrschen wird, sondern, wie zu fürchten ist, wird auch hier nur die rohe Gewalt entscheiden und unser armes Vaterland, von dem einzelne Teile schon jetzt so gut wie losgerissen, andere wenigstens besetzt sind oder bald werden, wird auf Jahrzehnte hinaus zur Ohnmachtverdammt sein. Dieses trübe Gefühl wirdverstärkt durch die Unsicherheit, die im Innern über die Zukunft herrscht, durch die Ungewißheit, ob die Führer der „Unabhängigen" und deren Gefolgschaft sich zu vernünftigen Maßregeln entschließen werden, ob sie nicht schon vor dem Zusamrnentreten der Nationalversammlung die einschneidendsten Maßregeln gegen den Kapitalismus, gegen die Großbetriebe und anderes durchsetzen werden, ob sie nicht gegen Schulen und Universitäten und die Bildungsanstalten überhaupt in strenger Werse verfahren, und ob sie nicht durch diese und andere Maßregeln die Arbeitsfreudigkeit und das redliche Wirken des einzelnen mit Gewalt unterbinden werden. Wenn den Deutschen überhaupt, so muß den deutschen Juden noch ganz besonders schlimm zumute sein. Statt daß die allerdings sehr starke Beteiligung an der neuen Regierung die Lage der" Juden im allgemeinen verbessert, scheint diese sich nirr zu verschlimmern. Etwas wie Pogromstimmung, was man bisher in Deutschland seit Jahrhunderten nicht kannte, herrscht in Berlin und anderwärts. Man bemerkt sie in Gesprächen, man spürt sie oc* allem in Anschlägen und Flugblättern. Unter den letzteren befindet sich ein auf rotem Papier gedrucktes, das in seinen: zweiten Abschnitt sich gegen einen faulen Frieden wendet und von den Kapitalisten überhaupt red-et, das aber in dem ersten sich ausschließlich gegen die Juden wendet und, wenn auch nicht direkt, so doch indirekt geradezu zur Vernichtung der Juden aufsordert. Dieser Abschnitt lautet folgendermaßen: „Arbeiter und Genossen! 1500 Millionen Mark haben amerikanische, englische und russische Juden, wie sie sich mit frecher Offenheit in ihren Zeitungen rühmen, aufgebracht, um Deutsche gegen Deutsche, also Brüder gegen Brüder zu Hetzen. Viele Eisenbahnwagen mit verbrecherischen Brandblättern haben sie aus Dänemark geschickt, um mit Hilfe landesverräterischer Schufte unsere Genossen in diesem entscheidenden Augenblicke des Weltkrieges zum Streik zu veranlassen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.