Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1918)
- Date
- 1918-11-22
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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Handels- und Finanzwelt waren in der Trauergemeinde anwesend, auch von auswärts waren viele Abordnungen, namentlich der Schiffahrtsgesellschaften, erschienen. Bei der Trauerfeier im Hanse hielt der Freund des Verewigten, Herr Max M. Marburg, Sohn unseres unvergeßlichen Gemeindevorstehers Moritz Marburg, dem Verewigten einen tiefempfundenen Nachruf. Er betonte seine großen Verdienste um den Hamburger Handel und um die Schifffahrt unserer Vaterstadt. Albert Ballin. war eine Kraftnatur. Kraftvoll war in ihm der Wille und kraftvoll .und groß sein durchdringender Verstand, und worin und stark schlug das Herz. Ein genialer Kaufmann. Seine Beziehung zürn Kaiser war begründet durch seinen aufrichtigen Wunsch, an der maßgebenden Stelle richtiges Verständnis für die wirtschaftlichen Fragen 31t' erwecken. Er scheute auch hier nie davor zurück, offen seine Meinung zu sagen. Rdstlos-, stets weiter strebend, steckte er sich seine Ziele immer höher. Der persönliche Vorteil war ihm gleichgültig. Wie oft hat er Stellungen ausgeschlagen, die ihnr noch größere Machtfülle bringen konnten; aber treu blieb er seiner ursprünglichen Tätigkeit, treu blieb er' seiner heimatlichen Arbeit und treu seine 11t Glauben, den e r nie v e r l e u g n e t e , trotz oder richtiger gesagt infolge der vielen Anfeindungen. Seine ganze Tatkraft konnte er noch einmal zur Geltung bringen, für die Vorarbeiten zum Wiederaufbau der deutschen Handelsflotte. Auch bei dieser Arbeit zwang-er sich wieder 31t dem Glauben an einen glücklichen Ausgang des Krieges. Die Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs der letzten 30 Jahre kann man sich in Deutschland ohne Albert Ballin nicht vorstellen. Unter den vielen Helfern, die uns Leim Wiederaufbaudes Deutschen Reiches fehlen werden und auf die wir stark rechneten und rechnen dursten, steht sein Name mit an erster Stelle. Bei seiner Gabe, sich in neue Verhältnisse hineinzu fühlen, wäre er einer der berufensten Führer gewesen. Wir leben in der Zeit des großen Sterbens. Das Recht der Trauer über den Tod eines einzelnen wird uns fast genommen. Albert Ballins Heimgang hat un§ aber so tief und schmerzlich getroffen, daß wir sein Bild trotz der überwältigenden Ereignisse in Dankbarkeit festhalten wollen und müssen. In Erinnerung wollen wir leine schaffensstarke Gestalt wachhalten, uns ansporneud zu neuer Tätigkeit in neuer Zeit! Auf dem Friedhof sprach der Präsident der Handelskammer Herr F. E. Heye den Dank der Hamburger Kaufmannschaft aus. Hierauf sprach Herr Mar v. Schink e l im Namen des Aufsichtsrates der Hamburg-Amerika-Linie herzliche Worte des Abschiedes. — Bad Dürkheim, 15. November. Auf Anregung des Shnagogenvorstan'des, des Herrn Reallehrers Ludwig Strauß, von der Vereinigung der Vorstände pfälzischer Gemeinden, ist in betreff des bayerischen Schulgesetzes eine Petitionan das Kultusmini steriunr unddie Kammer der Abgeordneteu eingereicht worden. In dieser wird die Bitte ausgesprochen, daß die Auflösung einer israelitischen Volksschule erst dann erfolgen möge, wenn die Anzahl der Schüler unter zehn gefunken ist, und daß -im -Falle der Auslösung die jüdischen Lehrer an einer christlichen Schule Verwendung finden möchten. C. K. Hürde u Wests., 13. November. Auf eine fünfzigjährige Tätigkeit in unserer Shnagogengemeinde blickt mit dem heutigen Tage der Rentner Le vH Strauß zurück. Im Jahre 1868 als Repräsentant und Friedhofskonunissionsmitglied gewählt, nahm derselbe am 18. November desselben Jahres zum erstenmal an einer Sitzung der Shnagogengemeinde teil. Nachdem Herr Strauß 24 Jahre diesen beiden Körperschaften angehört und durch seine unermüdliche wertvolle Mitarbeit manches Gute hat schaffen Helsen, wnrde er im Jahre 1892 als Vorstandsmitglied gewählt und bekleidet seit vier Jahren das Amt des ersten Vorsitzenden. Mit seltener Aufopferung und Hingabe hat Herr Strauß die ihm übertragenen Aemter verwaltet und freudig bringt ihm die gesamte Gemeinde, deren allgemeiner Beliebtheit sich derselbe erfreut, zu seinem goldenen Amtsjubiläum ihren Glückwunsch dar. Mögen dem Jubilar, der im Januar kommenden Jahres sein achtzigstes Lebensjahr erreicht und der in voller Geistessrische und körperlicher Rüstigkeit an allen Ereignissen noch vollen Anteil nimmt, noch ungezählte Jahre und ein sonniger Lebensabend beschieden sein, zur Freude seiner Familie und zum Wohle der hiesigen Gemeinde. er. Gtuttgart, 15. November. Unter großer Beteiligturg. aus allen .Kreisen unserer Gemeinde fand auf dem Israelitischen Friedhofe die Beisetzung des gefallenen Oberleutnants b. R. und Kompagnieführers Heinrich Kohn statt. Oberkirchenrat Dr Krön er zeichnete in bewegten Worten ein getreues Lebensbild des zu den größten Hoffnungen Berechtigenden, nach 50monatigem treugeleistete Kriegsdienste an der Spitze seiner Kompagnie Gefallenen. Im Namen des Ersatzbataillons und Feldregiments legte ein Ober-, leutnant des Regiments einen Kranz am Grabe nieder und schilderte kurz und eindringlich die vorbildlichen soldatischen Eigenschaften des von Vorgesetzten und Kameraden hochgeschätzten Offiziers, in dem seine Kompagnie den Verlust ihres geliebten, treusorgenden Führers betrauert. Nach den traditionellen Gebeten beendete ein Musikvortrag der Garnisonmusik die ergreifende Trauerfeier. Angsrn. Z. Budapest, im November. Am 6. November nachmittag fand in der hauptstädtischen Redoute eine Versammlung von Delegierten der ungarischen israelitischen Kultusgemeinden statt, an der Vertreter von mehr als 300 Kultusgemeinden teilnahmen. Seitens der Regierung wohnten der Versammlung Ackerbauminister Buza und der Staatssekretär im Kultusministerium Juhasz-Nagy bei. Der Vorsitzende der Versammlung, Hofrat Franz S z e k e l y , erklärte, die Versammlung bezwecke, dem neuen Ungarn, dem Nationalrat und der Volksregierung Treue zu geloben, die auswärtigen jüdischen Körperschaften zu bitten, daß sie mit ihrem ganzen Einfluß das Streben der Negierung nach Integrität Ungarns und Erzielung eines ehrenhaften Friedens unterstützen, endlich die Bildung einer ständigen Organisation zur Wahrung der Interessen des ungarischen Judentums. Nachdem sich der Minister und der Staatssekretär entfernt hatten, kam es in der Versammlung zu stürmischen Szenen. Zionistische Studenten unterbrachen durch Pfeifen, Lärmen und Zwischenrufe die Redner, die von einer jüdischen Nationalität nichts wissen wollten. Schließlich sah sich der Vorsitzende genötigt, die Sitzung zu suspendieren, um sich mit den führenden Persönlichkeiten und den Delegierten in einen anderen Saal der Redoute zu begeben, wo sie ihre Beratungen sortsehten. Hierbei wurde das Streben der Zionisten, die ungarische Judenschaft als Nationalität zu betrachten, verurteilt. Schließlich wurde ein Beschlußantrag in dem vom Präsidenten in seiner einleitenden Ansprache vertretenen Sinne ein* stimmig angenommen. Kolen. Z. Warschau, 15. November. Der 33 et ein z u r Unterst ü tz u n g a r m er jüdischer M ü t t e r blickt auf sein 10jährigies Bestehen zurück. 1908 wurde beim Bethaus in der Milastraße 44 ein Verein für Wöchnerinnenfürsorge gegründet, um arme jüdische Wöchnerinnen durch Zuwendung von Geldmitteln, Wäsche und Lebensmitteln in ihren Wohnungen zu unterstützen. Die aus frei Willi gen Beiträgen einer sehr geringen Mitglieder zahl gebildeten Mittel konnten bei der steigenden Zunahme der Hilfsbedürftigen nicht mehr genügen. Die Tätigkeit konnte nicht mehr auf eine Straße, wie anfangs, beschränkt, mutzte auf alle Armen ausgedehnt werden. Daraus wurde eine Satzung ausgearbeitet und eine planmäßige Werbung von Mitgliedern eingeleitet. Die Mitgliederzah'l wuchs 1914 von 300 auf 1220. die Beitrüge stiegen von 1451 auf 3765 Rubel. Die gesundheitswidrigen Zustände, unter denenarrne jüdische Wöchnerinnen bei ihrer Entbindung sich befanden, veranlaßte den Verein 1909 zur Errichtung eines Asyls. 1910 waren dort schon 170 armeFranen nntergebracht, 1916 1033. Der Krieg wirkte aus die Entwicklung sehr nachteilig. Die Mitgliederzahl von 1220 (1914) ging ans 350 (1917) zurück. Das Weiterbestehen ließ sich nur durch tatkräftige Werbung von freiwilligen Spenden und Sammlungen ermöglichen. An freiwilligen Spenden gingen 1916 7424 Rubel gegen 3410 Rubel 1915 ein. Eine Lotterie brachte 1917 85 047 Mark. Der vom- Verein vertretene Gedanke brach sich bald Bahn, was besonders in den Abschlutzzifsern der Jahre zum Ausdruck kommt. Während das 1. Jahr mit 1283 Rubel ab schloß, weisen die folgenden Jahre erhebliche Steigerung auf. So bezifferte sich das Vermögen 1910 auf 5517, 1913: 17 457, 1915: 25 665, 1917: 126 514 Mark. Der