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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-11-22 · Heft 47 (22.11.1918) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 47 (22.11.1918)
Date
1918-11-22
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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9 sind. Tie großen jüdischen Verbünde haben zur Linderung der Kriegsnot unserer jüdischen Beamten nichts Besonderes unternommen. Tie Beihilfen der Gemeinden und einzelner Gemeindeverbände all ihre jüdischell Beamten erwiesen sich für die wirklichen Bedürfnisse zllmeist zu geringfügig. Wir mußten uns deshalb entschließen, selbst mit einem allgemeinen Aufruf an die jüdischen Gemeinden und die wohlhabenden jüdischen Glaubensgenossen für unsere kriegsnotleidenden jüdisckeu Beamten heranzutreten. Ter Aufruf hat rund 36 000 Mark erbracht. Wir hatten zum mindesten auf 100 000 Mark gerechnet - für das wirkliche Bedürfnis unserer etwa 1800 jüdischen Lehrer ulld Kultusbeamten, von denen sicher 75 Prozent zurzeit in Notlage sich befindeil, und bei der sonstigen reich wohltätigen Art unserer Glaubensgenossen gewiß eine nur sehr bescheidene Annahme. Voe allem haben unsere Großgemeinden fast ganz versagt. — Trotz alledtm war uns mit den aus der allgemeinen Sammlung erlangten 36 000 Mark eine wesentliche Hilfe für unsere Hilfstätigkeit geboten, und wir danken allen herzlichst, die dazu beigetragen haben. Die Verhältnisse gebieten, daß wir uns in Kürze mit einem neuen Aufruf für unsere Hilfsbedürftigen an die jüdischen Gemeinden und ihre wohltätigen Mitglieder wenden müssen. Wir hoffen diesmal auf einen besseren Erfolg und cutf Bewilligung jährlicher Beiträge mit Rücksicht auf die andauernden Hilfsbedürfnisse eines großen Teiles unserer jüdischen Lehrer und Kantoren. Durch die allgemeine Sammlung sollte die eigene Hilfeleistung unserer Verbandsmitglieder für die hilfsbedürftigen Kollegenfamilien in keiner Weise vermindert werden. Im Gegenteil, es galt uns als unbedingte Voraussetzung für das sittliche Recht, an andere für unsere Notleidenden herantreten zu dürfen, daß wir selbst zunächst unser Möglichstes zu ihrer Hilfe beitragen. Die „Lehrerspenden" (Lehrerkriegsbeiträge) erbrachten in den Kriegsjahren rund 16 000 Mark, im letzten Jahre allein 4342 NOrrk. Wir hoffen, daß sich, trotz der fast auf unserer gesamten jüdi-- schell Beamtenschaft liegenden schweren Kriegsnvt, auch die Kriegsbeiträge und Spenden unserer Lehrer und Kantoren für unsere Kriegshilfe durch weitere Beteiligung unserer Mitglieder daran noch wesentlich erhöhen werden. Die Gesamteinnahme für unser Hilfswerk betrugen in den Kriegsjahren 1914/17 rund 60 000 Mark, die Gesamtausgaben in dieser Zeit rund 23 000 Mark. Im letzten Jahre allein wurden 47 Familien mit 10 357 Mark aus unserem Hilfsfonds lullerstützt. Berücksichtigt werden konnten vorläufig nur die schlimmsten Fälle: Familien mit niedrigstem Einkommen, mit großer Kinderzahl, Kriegerwitloen und Krankheitsfälle. Zu einer allgemeinen Aushilfe wenigstens der bedürftigsten Gehaltsgruppen reichten die vorha»denen Mittel nicht aus. Es wird von dem Ausfall der neuen Sammlung abhüngen, ob wir im nächsten Jahre, in das wir bereits mit 8500 Mark laufend Über die Kriegszeit bewilligter Unterstützungeil vom Vorjahr eingetreten sind, in der Linderung der großen Not unserer jüdischen Lehrer und Kantoren weiterkommen können. Eine besondere Sorge für uns bildeten in dieser schweren Zeit unsere Altpensionäre, soweit sie durch rechtzeitigen Anschluß an unsere jüdischen Lehrerpensionskassen sich ein besonderes Anrecht auf unser Fürsorgeinteresse erworben haben. Es ist zu bedauern, daß unsere Gemeinden nicht selbst darauf dringen, daß jeder jüdische Lehrer und Kultusbeamte sich einer unserer Lehrerpensionskassen anschließt. Der Beitrag - ist ganz geringfügig und der Versorgungszuschuß neben der gesetzlichen Angestelltenverficherung unbedingt erforderlich. — Eine besondere wohltätige Wirksamkeit vermögen wir noch durch den uns unterstellten „Direktor Adlerschen Darlehnsfvnds" auszuüben. Diese Kasse kommt vornehmlich für Fälle in Frage, bei denen keine „Unterstützung", sondern nur eine kollegiale Aushilfe gewünscht wird oder wo es sich um größere Beträge zubesonderem Zweck handelt, -die nicht '.chenkweise vergeben werden können. Aus dem Direktor Adlerschen Tarlehnsfonds sind bisher 20 000 Mark an Darlehen ausgegeben worden, im letzten Jahre rund 4000 Mark, darunter ein Darlehen im Betrage von 2000 Mark zur Nachzahlung an -die staatliche Alterszulagenkaffe beim Uebertritt in den öffentlichen Schuldienst. Die Kaffe hat einschließlich noch ausstehender Darlehen von 11 944 Mark ein Vermögen von 31670 Mark. Tenn Tarlehnsfonds wurden im vergangenen Jahre 1100 Mark all Spenden neu zugewendet. — Tie geldliche Hilfe bleibt bei 'der durch die Zeitverhältnisse noch verschärften Not in loeiten Lehrer- und Kantorenkreisen die nächste Aufgabe, die wir ums stellen muffen. Daneben aber' s.llchen wir auch durch pflegliche, persönliche Hilfe manchen Notstand zu lindern und, wenn möglich. ganz 31t beseitigen. Als neue Einrichtung zu solchem Zwecke ist der von der „Wissenschaftlichen Vereinigung jüdischer Lehrer und Lehrerinnen in Berlin" geleitete.Familienbeirat für die hilssbedürftige.n jüdischen Lehrer und Kantoren geschaffen worden, an den sich alle „Ratsuchenden fortan bei wirtschaftlichen Fragen, in Versicherungsangelegenheiten, für Gesundheitspflege und ' für Kinder-ausbildlkmg zu wenden haben. Wir bitten, unseren Bestrebungen zur wirtschaftlichen und sozialen Aushilfe unserer jüdischell Lehrer und Kantoren aus drückender Not allseitig mitschaffende Unterstützung zu gewähren. W. Posen, 15. November. In der letzten Stadtverordnetenversammlung kam es zu unliebsamen Auseinandersetzungen. Eine große Unruhe entstand, als Oberbürgermeister Tr. Wilms aus eine Bemerkung des Stadtverordneten Lowandowski auf Ausführungen zurückkam, die dieser kürzlich in einer politischen Wählerversammlung gemacht hatte. Der Oberbürgermeister wies die Anscknlldigungen als durchaus unhaltbar zurück. Stadtverordneter I a f f e tat dies namens der jüdischen Mitglieder der städtischen Körperschaften. Es sielen hierbei manche heftige Wendungen, die dazu angetan waren, die ohnehin erregte Stimmung noch mehr 31t erhöhen. Oberbürgermeister Tr. Wilms: Ter Stadtverordnete Lewandowski sagte vorhin, der Bolschewismus stehe vor der Tür. Ich möchte mich gegen diese Bemerkungen wenden. Die Zeiten sind gegenwärtig sehr, ernst, und da ist es doppelt notwendig, mit seinen Worten vorsichtig zu sein. Mit Rücksicht auf die Stadtverordnetenwahleu haben in letzter Zeit mehrfach Versammlungen stattgefunden, in denen städtische Einrichtungen itrrb Angelegenheiten der Kritik unterzogen wurden. Kritik ist wünschenswert, zweckmäßig und förderlich, darf aber nicht zu Vorwürfen führen, die durchaus unberechtigt oder gar beleidigend sind. Aus diesern Grunde halte ich mich verpflichtet, auf eine Wahlversammlung einzugehen, die vor kurzem stattgefunden hat. In dieser Versammlung hat Stadtverordneter Lewandowski einen Bericht über städtische Angelegenheiten erstattet und dabei unter ariderem ausgeführt: „Die Stadt Posen zähle 165 000 Einwohner, davon seien 125 000 Polen, 5800 Juden, der Rest Deutsche. Nebenbei bemerkt, find diese Ziffern sämtlich unrichtig. Er führ dann fort: „Dieses Häuflein Juden regiert die ganze Stadt, Deutsche und Polen sind machtlos. Die Juden bearbeiten die ganze Stadt wie der Hund einen Knochen." Diese Bemerkung wurde aus der Versammlung mit Zurufen: „Raus mit ihnen, werft sie hinaus!" unterstützt. Ueberall haben sich die Juden hineingedrängt, überall haben sie das Uebergewicht. Alle Lieferungen, Kriegsgewinne sind in die Hände der Juden gefallen. Tie Juden wirtschaften zum ungeheuren Nachteil der Stadt: kein Wunder, wenn desto mehr Gewinn in ihre Taschen fließt. Sind sie reich geworden, dann verschwinden sie nach Neu-Jerusalem, Berlin." Gegen diese maßlosen und durchaus unberechtigten Vorwürfe muß schürfstens Stellung genommen werden. Die Vertretung der jüdischen Bevölkerung in der Stadtverordnetenversammlung ist allerdings im Verhältnis zur Bevölkerungszahl eine sehr starke. Sie hat dies in keiner Weise aus genutzt, die der Stadt schädlich, fein könnte; im Gegeut-eil sind gerade durch die intensive Mitarbeit einer Anzahl führender Hnren aus der jüdischen Bevölkerung die Entwicklung und der Aufschwung Posens in den letzten Jahren in ganz bedeutendem Maße gefördert worden. In einer Zeit so starker Spannungen allüberall in der Welt und auch bei uns sollte ein Stadtverordneter doch Vorwürfe nicht erheben, die so maßlos scharf und unbegründet und geeignet lind, Haß und Unfriede zu stiften. — Stadtverordneter Jasfä: Der Herr Oberbürgermeister hat Ausführungen, welche der Stadtverordnete Lewandowski in einer Versammlung gemacht hat, verlesen. Wir hören hiervon heute zum erstenmal, und es ist schwer, hierauf im ernsten Augenblick die richtige Antwort zu finden. Herr Lewandowski hat namentlich Beschuldigungen gegen den jüdischen Teil der deutschen Bevölkerung und gegen die jüdischen Mitglieder der städtischen Körperschaften erhoben, die zu gemein und zu niedrig sind, als daß man sich mit ihnen befassen könnte. Ich stelle deshalb fest, daß Herr Lewandowski auch nicht die Spur eines Beweises für seine unerhörten Behauptungen beigebracht hat und daß es sich sonnt um elende Verleumdungen handelt. M. Hamburg, 17. November. Die Be st a< 11 n n g des Herrn Albert Ba l l i n , des Generaldirektors her Hamburg-Amerika - Linie, der bis zu seinem Tode ein treues Mitglied der Deutsch- Israelitischen Gemeinde war, gestaltete sich zu einer überwältigend großen Trauerkundgebnng. Die hervorragendsten Vertreter der

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