Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1918)
- Date
- 1918-11-22
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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7 Berlin, 22. November 1918 S2. Jahrgang Nr. 47 Der Oemetndebote. Brllsge zur „Allgemeinen Leitung deK Judentums". korrkspondrnsrn und Kschrichtrn. E. R. Berlin, 17. November. Die heutige Tagung der Re Prä - f e n t a n t e n v e r s a m m l u n g stand unter dem Eindruck der gewaltigen Ereignisse der letzten Tage. Der Borsitzende, Geheimrat Dr. Minden, streifte diese in der Eröffnungsansprache und bemerkte zum Schluß: Ueber eines können wir schon jetzt klar sein, daß auch die Stellun.g. unserer Gemeinde und die Stellung des Judentums in Deutschland großen Beränderungen unterliegen wird, auf die sich jeder in seinem Kreise vorbereiten muß. Wir müssen darüber klar ,}it werden suchen, in welchem Sinne wir der uns als Inden gestellten Aufgabe gerecht werden. Das eine Dunen wir wohl alle geloben, daß wir, solange es uns irgendmöglich ist, mit unserem Körper und unserem Geist unserer Gemeinde dienen wollen. Wir werden unsere Stelle nicht verlassen, sondern unsere Arbeiten nach wie vor Zum Besten des Gemeindewohles leisten. Im Anschluß an diese Ansprache, die von der Berfa nun lring beifällig ausgenommen wurde, teilte der Vorsitzende mit, daß der Gemeindevorstand sich konstituiert und zum Vorsitzenden den Geheimen Sanitätsrat Julius Stern, Zum ersten Stellvertreter des Vorsitzenden Herrn Leopold B a d t, Zum zweiten Stellvertreter Dr. Wilhelm Feilchenfeld gewählt hat. Geheimrat Minden sprach den gewählten Herren den Tank der Versammlung für ihre Bereitwilligkeit ans, in dieser schweren Zeit die Bürde der Leitung der Geschäfte der größten jüdischen Gemeinde Deutschlands zu übernehmen. Dr. M i n d e n teilte dann noch mit. daß die Gemeindeverwaltung eine Million Mark auf die 9. Kriegsanleihe gezeichnet hat. - Angenommen wujrden folgende Zuwendungen: 500 Mark von Herrn Aron G r a b o w s k i für Grabeserhaltung. 15OOO Mark von dem Inhaber der Firma L. Hirschhorn für Errichtung einer Zimmerstiftnng. 2580 Mark von Herrn Alexander Lachmann. 1500 Mark von Frau Nüchel S!lb ermann zu Grabeserhaltungen. 300 Mark von Frau Meta L i p P m a n n zur Abhaltung von Jahrzeiten. 250 Mark von Herrn Bernhard B a g i n s k h aus Lissa zur Grabpflege (Erhaltung eines Grabes). Bon Herrn Dr. Hans Schiff einen Männer- und Frauenstand in der Neuen Synagoge im Mietswert von 45 bis 60 Mark. - In bezug aus Punkt 8: „Bewilligung der Subvention an den Deutsch-Israelitischen G'meinöebund" bemerkt Herr Professor K a l i s che r : „Meine Herren! Ich will nur konstatieren, daß der Vorstand sich im Gegensatz zur Repräsentantenversammlung auf den Machtstandpunkt stellt. Der Zeitpunkt ist ja vorzüglich gewählt sowohl in politischer als auch sozusagen in gemütlicher Hinsicht kurz vor dem 5Ojährigen Jubiläum des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes. Wenn dem Deutsch- Israelitischen Gemeindebund die Erfüllung seiner Aufgaben, die sich auf das Heil der kleinen Gemeinden und das Wohl vieler Stiefkinder der Natur erstrecken, erschwert oder zum Teil unmöglich gemacht wird, so fällt die Schuld auf das Haupt des Vorstandes der Berliner Jüdischen Gemeinde." - Von Herrn Sanitätsrat Dr. Steinthal ist ein Antrag eingegangen, die Nepräsentantenversammlung wolle dahin wirken, daß am Chanukafest, ferner auch an Purim und am Abend der Simchath-Thora-Feier die beiden „Jugend-Rabbiner" Dr. G a l l i n e r und Dr. K e l t e r m a n n in je einer Synagoge des Westens Predigten halten, damit auch die Eltern wüßten, wem sie ihre Kinder ander trauen. Herr Syndikus Lilienthal spricht sich dagegen aus, es könne dies als eine Zurücksetzung der anderen Rabbiner ausgelegt werden. Die Herren Professor Türk und K a l i s ch e r dagegen wünschen den Antrag Steintyal erweitert zu sehen. Die Herren Galliner und Kellermann möchten auch für das ganze Jahr zu Predigten, bei denen auch Erwachsene zugegen sind, herangezogen werden. Ungeachtet der Erklärung des Syndikus Lilienthal, daß die beiden Herren dadurch zu sehr belastet würden, wird der Antrag Steinthal angenommen. . Hierauf referiert Herr Benas L e v y über den Nachtragsetat für 1918. Für das laufende Jahr ist nicht nur mit dem gleichen Mehrbedarf wie im vorigen, sondern mit einer Steigerung von mindestens 25 Prozent zu rechnen, so daß der Mehrbedarf an laufenden Ausgaben rund 700 000 Mark über den Voranschlag hinaus betragen wird. Da huch in dem Etat für 1917 eine entsprechend hohe Summe für unvorhergesehene Ausgaben bereits vorgesehen war, sind demnach die für 1918 für unvorhergesehene Ausgaben eingestellten 700 000 Mark um weitere 700 000 Mark zu erhöhen. Zu dieser Erhöhung der laufenden Ausgaben kommt der Mehraufwand, der erforderlich wird infolge der im Laufe des Rechnungsjahres 1918 bewilligten Ansgaben. Die Versammlung stimmt den Ausführungen zu. Ju die Abordnung von Mitgliedern der Versammlung in das Kuratoriünr der Adolph Reichenheimschen Stiftung werden die Herren P l o t k e und P i n c u s gewählt, in den Schul- und Talmud-Thora- Vorstand Herr Dr. Jsmar F r e u n d. -- Es folgen Rechnungsabschlüsse, denen Entlastung erteilt wird. Nur bei dem Rechnungsabschluß für die festgottesdienstlichen Veranstaltungen kommt es zu einer etwas erregten Aussprache, an der sich die Herren T i e tz, P l o t k e, P in. c u s , Sa ch s, T ü r k und Benas L e v y beteiligen. Man einigt sich in dem Antrag, den Vorstand zu ersuchen, Wandel zu schassen in den unleidlichen Zuständen in den Synagogen betreffend Funktionen der Kantoren bzw. deren Stellvertreter. In Frankfurt a. Nt. ist vor einigen Jahren die Zentralstelle für Mazzothversorgung geschaffen worden, zum Zwecke der Regelung der Mazzothversorgung für das ganze Reich auf Grund eines Abkommens mit der Reichsgetreidestelle. Herr Dr. S o n dhei m c r , Vorsteher der Frankfurter Israelitischen Gemeinde, hat sich zu diesem Zwecke mit einem Anteil von 20 000 Mark beteiligt und das Interesse der Gemeinden Berlin, Frankfurt, Breslau, Köln, München, Hamburg und Leipzig dort vertreten. Der Vorstand bittet die Versammlung, Herrn Dr. Svndheimer auf den von ihm bei der Zentrale für Mazzothversorgung eingezahlten Betrag von 20 000 Mark 12 669 Mark und außerdem 5 Prozent Zinsen vorn Tage der Einzahlung zu erstatten. Der Antrag wird genehmigt. - An den Gemeindevorstand werden häufig Anfragen nach einem Erbbegräbnis auf dem alten Friedhof in der Schönhauser Allee gerichtet. Der Vorstand hat nach Besichtigung des Friedhofes die Schaffung von 20 neuen Erbbegräbnissen beschlossen und den Preis von 5000 Mark für jede einzelne Grabstelle festgesetzt. Auf dem Friedhof in Weißensee ergibt sich bei den Reihenb'egräbnissen für das Quadratmeter ein durchschnittlicher Erlverbspreis von 160 Mark, der sich bei Mauererbbegrälmissen auf 180 Mark erhöht. Die Versammlung tritt beiden Beschlüssen bei. - - Für die Beisetzung und Trauerfeier für den verstorbenen Vorsitzenden des Gemeindevorstandes, Herrn Kommerzienrat E i s n e r , werden nachträglich 3935 Mark 71 Pfennig belvilligt, ferner für die Anlage einer einfach gehaltenen provisorischen Beleuchtung vor der Synagoge Kottbuser Ufer einmalig 250 Mark und die Betriebskosten von rund 100 Mark jährlich. Belvilligt lverden ferner: Für die Vornahme von Reparaturen im Hospital, im Waisenhaus Pankow, in den Synagogen Levetzow- und Lützowstraße 25 000 Mark, für die Neueinrichtung des Röntgen-Instituts im Krankenhaus 30 000 Mark, dein Israelitischen Krankenhenn in Neuenahr 300 Mark, dem Nabbiuerverbaud in Deutsche land 1500 Mark, dem Verein Talinnd-Thora-Knesseth Jisrvel für 1918 2500 Aiark, wobei Herr Professor K a l i s che r das segensreiche Wirken des Vereins und die Opferwilligkeik der Eltern für die Kinder hervorhebt. -- Königsberg i. Pr., 15. November. Der H i l f s a u s f ch u ß des Verbandes der jüdischen L e h r e r v e r e i n e i in Deut s ch e n R e i ch e versendet folgenden Bericht über seine Hilfstätigkeit während des Krieges: Der Hilfsausschuß des Lehrerverbundes, im Jahre 1910 vom Verbandstage der jüdischen Lehrervereine im Deutschen Reiche eingesetzt, ist durch den Krieg vor eine außerordentlich große und schwere Aufgabe gestellt worden. Die Notlage der jüdischen Beamtenschaft hat sich naturgemäß durch die Einziehung vieler Lehrer und Kantoren zum Heeresdienst und durch den meist damit verbundenen vollen oder teilweisen Verlust ihres Einkommens, sowie durch die allgemeine, immer noch steigende Lebensmittelverteuerung in bedeutendem Maße erweitert und verschlimmert. Dazu kam die besondere Notlage der Familien unserer gefallenen jüdischen Lehrer und Kultusbeamten, deren Zahl schon über 70 gestiegen ist undzumeist ohne gesicherte Versorgung gewesen und geblieben'.