Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1918)
- Date
- 1918-11-22
- Page
- Seite 563 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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„Gott sei Dank, hat er geblasen sehr gut! Hat er vertrieben Satan, was ist Ankläger im Himmel und will machen schlecht unsere Gebete. Aber hat er geblasen sehr fein, und wir haben werden ein sehr gutes Jahr!" Obwohl Ellen über den Aberglauben, den das Volk diesem Brauch unterschob, innerlich lächeln mußte, fragte sie sich zu gleicher Zeit, ob nicht in dieser Anschauung doch ein Körnchen Wahrheit enthalten sei, daß irgendein böser Einfluß das Begehren der Seele zu vernichten bestrebt sei, um durch unheilvolle Einflüsterungen den Keim des Guten zu zertreten. Voller Zorn wies sie diesen Gedanken von sich, weil schon wieder etwas anderes ihren Geist beschäftigte. Sie kam sich vor, als säße sie in einer schaurigen Wüste, in einer seelenbeklemmenden Einöde, aus der sie keinen Ausweg fand. Bei allen Menschen hier schienen diese magischen Töne_einen finstern Bann zu brechen und sie zur lichten Höhe emporzuführen, nur sie blieb allein im einsamen Dunkel zurück, wie mit einem Fluch belastet. Ihre Augen füllten sich mit Tränen und sie konnte sich einer neidvollen Empfindung nicht erwehren, daß die Gebete dieser Menschen sich nicht erst durch Geburtslvehen durchzuringen brauchen, die voll erwachsen, frei und edel, unter Begleitung der zauberhaften und erschütternden Triller sich zum Himmel aufschwingen. Für sich hingegen bedeuteten sie nur eine schwache Erinnerung aus der Schulzeit, als sie die biblische Geschichte gelernt oder auch nicht gelernt: eine nebelhafte Erinnerung an einen grausamen Vater, der sein einziges Kind opfern wollte, an Rauch und Flammen, an Blitz und Donner auf einem Berge, wo der strenge Judengott sich offenbart, an wankende Festungsmauern, die die unglücklichen Einwohner nicht vor Tod und Verderben schützen tonnten. Und der Gottesdienst da unten, durch jahrelange Uebungen jedem Beter geläufig, ging unaufhaltsam weiter, mit jedem Augenblick die Andacht steigernd, um immer von dem nächsten an Kraft und Innigkeit überboten zu werden. Ellen war es schließlich gelungen, sich in eine ruhigere Stimmung zurückznvevsetzen, weil sie es für eine Torheit hielt, sich solche Ablenkungen zur Gewißheit zu machen; sie wollte sich fortan fest in der Hand halten, um sich nicht durch Grübeleien und Zweifel in einen panischen Schrecken über ihre ganze Zukunft hin-einpeitschen zu lassen. Der Gottesdienst begann wieder ihre volle Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen. Mit voller Inbrunst gab sich die Gemeinde den Anforderungen der Stunde hin: die Frauen vergossen heiße Tränen, während aus dem Männerraum schwere Seufzer emporstiegen. Der Vorbeter trug jetzt die Stelle vor, die die Natur des heiligen Tages, kurz und passend, als einen Tag des Gerichtes kennzeichnet, wo die ganze Welt jcht vor Gott zu Gericht steht, der Ankläger und Verteidiger, Richter und Zeuge in einer Person ist. „Am Neujahrstage wird es niedergeschrieben und am Tage der Versöhnung wird es besiegelt: wer leben und wer sterben, wer sein Lebensziel erreichen und wer es nicht erreichen soll, wem Ruhe und Frieden und wem Streit und Aufregung, wem Wohlstand und Reichtum und wem Not und Armut beschießen sein wird! ' so las Ellen in ihrem Gebetbuchs bis sie den Schlußsatz vernahm, den die ganze Gemeinde vertrauend und jauchzend, jubilierend und zuversichtlich rief: „Reue, Gebet und gute Werke vermögen das böse Verhängnis abzuwenden!" Dann las sie weiter den Lobgesang zum Preise Gottes und die Vertrauensfreudigkeit auf feine Gnade und Barmherzigkeit, „der nicht begehrt den Tod des Sünders, sondern daß er seinen bösen Wandel aufgebe und wieder lebe . . . denn was ist der Mensch! Eine welkende Blume, ein vorüberziehender Schatten, ein schwindender Hauch, ein verfliegendes Stäubchen, ein zerbrochener Scherben! Mit eurer gewissen Spannung nahm Ellen eine leise Erregung in ihrem Innern wahr, aber sie blieb ihrem Vorhaben treu, um nicht zu grübeln, um zu warten, bis der Sieg sich von selbst Kahn brechen würde. Sie unterließ sogar die Frage, ob der Scharrer, der in diesem Augenblick Herz und Seele in Aufruhr versetzte, schon der Vorbote der Andachtserhebung sei, den sie so sehnsüchtig erwartete, oder ob es nicht etwa bloß die Folge des ungewohnten, seltsamen und dramatischen Anblicks sei. In derselben Ungewißheit blieb sie auch während des ganzen Gottesdienstes, bis zum Ende desselben. Wie in einem Traum folgte sie Ehaje Rachel durch das Gedränge der freudig bewegten, sich beglückwünschenden Menschen zrrm Ausgang, wo Klaßner sie erwartete. Auch er begrüßte sie heiter und fröhlich uud erkundigte sich nach ihrem Befinden. Ellen antwortete, wie ihr die Worte in den Mund kamen, unbekümmert, ob sie bei diesem Anlaß auch angebracht waren, was aber der Fall zu sein schien, da sie keinerlei Erwiderung hervorriefen. Ohne Aufenthalt traten sie den Rückweg an, und Ellen sah mit großer Verwunderung, daß es bald zwei Uhr war; sie fühlte sich dadurch wieder befriedigt. War sie denn wirklich alle diese Stunden im Gotteshause gewesen, ohne das Hinschwinden der Zeit zu bemerken? Wenn dies der Fall war, dann hatte sie sicherlich, wenn auch unbewußt, Eindrücke in sich ausgenommen, die zur gegebenen Zeit doch zum gewünschten Ziele führen würden. (Fortsetzung folgt.) Litrrsrilchr Mittrilmigrn. - - Die verborgene Schrift. Ei n R o in an a it s d e m E l s a ß von Anselma Heine. 1918. Verlag Ullstein n. Co. Berlin und Wien. Preis gebunden 6,50 sMavf. Ein bedeutendes Buch, das mehr und anderes bietet, als der Titel verheißt. Nach diesem könnte man an eine Handschrift denken und etwa eine Variakion des von G. Freytag behandelten Themas erwarten; gemeint ist: die innere deutsche Gesinnung des Elsasses, die, lange verborgen, 1914, bei Beginn des Krieges hervortritt. Ob die von dev Verfasserin behauptete Tatsache richtig ist, wagen wir nicht zu bestimmen. Zum Lobe des Werkes muß freudig anerkannt werden, daß die kulturhistorische Schilderung elsässischer Sitten, Zustände, Menschen 1870 bis 1914 ganz ausgezeichnet ist und daß der eigentliche Roman mit seinen bunten Vorgängen lebhaft intereffiert.. Dagegen möchte ich bemerken, daß die Umwandlung mancher Menschen ' von eifriger französischer, Gesinnung zu deutscher Anschauung oft recht unvermittelt vor sich geht und daß plötzliches Li-ebesausflammeu und ebenso schnelles Zurückweichen von dieser Neigung psychologisch nicht tief genug begründet ist. Wir hätten gewünscht, das; in diesem großen Knlturbitd der ' Inden ausführlicher gedacht würde. Ta sie im Elsaß einen erheblichen Teil der Bevölkerung ausmachen, so wäre es angängig, vielleicht erforderlich gewesen, ihnen größere Beachtung zu schenken. Es wäre eine dankbare Ausgabe gewesen zu zeigen, wie gerade sie, die unter der französischen Herrschaft vollste Freiheit, unbedingte Gleichstellung besaßen, sich zuerst der deutschen Gewalt, die ihnen nicht ganz dieselbe Behandlungsart gewährte, unwillig fügten, bis sie dann doch chen näheren Zusammenhang mit deutschem Wesen erkannten und sich innerlich zu Deutschen umwandelten. An dieser Ausgabe ist die Verfasserin absichtlich vorbeigegangen. Tie von ihr geschilderten Hauptpersonen: Fabrikanten, Aerzte, Apotheker, Adlige und die Nebenpersonen: Postbeamte, Kleinbürger/Handwerker sind durchaus Christen. Ein geborener Jude ist ein vornehmtuender häufig vortömmender Napoleon Cers (ehemals Abraham Hirsch), der aus einem müßiggängerischen französisch gesinnten Lebemann sich in einen, fleißigen, die Konjunktur geschickt benutzenden Lern Cers verwandelt. Nur bei zwei Nebenpersonen wird ausdrücklich gesagt, daß sie Juden sind. Der eine ist ein junger Mann, der als Freiwilliger dient und dem Haupthelden der Geschichte, dem Geheimrat Hummel, [ diient großen zuletzt in Straßburg wirkenden Physiologen, sich als | unerbetenen und lästigen Führer aufdrängt. Der andere ist ein 1 Advokat Bluhm, der auch nicht in die Handlung eingreift. Aber §im