Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1918)
- Date
- 1918-11-22
- Page
- Seite 562 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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,Werte Genossen! München war bis zum Kriege vielleicht die einzige von: Antisemitismus beinahe freie deutsche Großstadt — trotz if)tei überwiegenden Ultramontanismus. Die Ursache ist vermutlich teils im Natursrohsinn der Bevölkerung, teils in der Eigenschaft Münchens als „Fremdenstadt" zu suchen. Mit Beginn des Krieges hat sich das wesentlich geändert durch die Habsucht der jüdischen Bekleidungslieferanten gegenüber den unorganisierten Heimarbeiterinnen. Aus dem letzten Landtagsausschnßbericht ist zu ersehen, daß eine „Statistik der Juden im Heere" gewünscht, vom Kriegsminister aber abgelehnt wurde; entweder kam der Antrag aus den Reihen derer, die den Juden vorwarfen, zu wenW Soldaten gestellt zu haben, oder derer, die sich über zu geringe Beförderung der Juden beschwerten. In jedem Falle bewegt der An irag die Richtigkeit meiner Annahme, daß der Antisemitismus in München sich bemerkbar macht. Ein weiterer Beweis ist ein in München unrlaufendes Gerücht — das vermutlich der gerechten Erbitterung der gedrückten obgedachten Heimarbeiterinnen entstammt—, daß die jüdischen Militärärzte ihre „Glaubensgenossen" tunlichst für „untauglich" erklären. Letzteres halte ich für reine Erfindung; ich weiß, daß überall in Deutschland jüdische Richter in Kriminalsachen rücksichtslos streng gegen „glaubensgenössische" Frevler verfahren — und dasselbe gilt von den jüdischen Aerzten in verantwortlicher Amtsstellung wie der eines Militärarztes. Ich weiß überhaupt nicht, ob unter den Musteruttgsürzten hier viele Juden sind, möchte es aber gern erfahren, da ich das Thema „Die Bedrohung des Antisemitismus als Folge der jüdischen Militärlieferanten-Habsucht" behandeln will. Wenn i ch mit meiner obigen Frage ans Generalkommando heranginge, würde ich schwerlich Auskunft erhalten. Könnten Sie daher die Freundlichkeit haben, mir die Ermittlung Zn beschaffen: Gibt es in München unter den Musterungsmilitärärzten Juden in starkem Prozentsatz?" Hierauf erhielt ich nach einiger Zeit dm Redaktionsantwort: „Werter Genosse! Ueber diese Fragen erteilt das Kriegsministerium keine Auskunft." Auf dem Parteitag der Sozialdemokratie Bayerns vom 12. Oktober d. I. hielt der Vorsitzende des Landesausschusses, Abgeordneter A uer, ein Referat über die allgemeinen politischen und wirtschaftlichen Fragen der Zeit, das in Nr. 44 dieser Zeitung bereits erwähnt ist. In den in diesen: Referat zitierten Zirkularen ist der Antisemitismus bereits teilweise zu dreisten Verleumdungen gestiegen, die durch ossizielle Akten längst widerlegt sind. Daß „die Juden in ihrer Mehrheit sich vom gefährlichen schweren Militärdienst drücken", wäre, selbst wenn sie es versuchten, ein Ding der Unmöglichkeit. Drückeberger (in Gestalt „Unabkömmlicher") gibt es in allen Schichten der behäbigen und wohlhabenden Bevölkerung, besonders unter den Kriegsgewinnlern; aber auch in den Garnisonen und Etappen, in fast allen Militärbureaus findet man neben Kriegsbeschädigten aller Art und Halbpatienten Leute, die vom Frontdienst mehr als zweckdienlich verschont geblieben sind, ohne daß ihr milderes Schicksal aus anderen Ursachen als des reinen Zufalls sich erklären ließe. Und es ist niemals ein Nachweis versucht worden, daß die Juden zu dieser Klasse eine ungebührliche Rate stellen. Weiter wird behauptet, daß jüdische Avancierte hochfahrend und verletzend sich benehmen. Soweit dies zutrifft, hätten sie aber nur dre schlechten Manieren des alten Systems, in dem sie militärisch ausgebildet wurden, angenommen. In Wirklichkeit beruht die (mir wohlbekannte) Strenge der militärischen jüdischen Dor- - gesetzten in der Besorgnis, ihre Vorderen könnten ihnen die I Fähigkeit, die Disziplin aufrechtzuerhalten, absprechen. Latsachlich hat vor etlichen Monaten ein konservatives Blatt die Untunlichkeit, Juden in Friedenszeiten als Offiziere zuzulassen, damit zu begründen versucht, daß sie außerstande seien, Autorität zu behaupten. Was nun die herausfordernde Putzsucht jüdischer Frauen betrifft — so ist das ein altes Lied und altes Leid, das Hier zu erörtern überflüssig ist, weil es außerhalb des Rahmens des „Kriegsantisemitismus" seinen Platz hat. Genug — der Kriegsantisemitismus ist d a und muß von den Inden in ihrer Gesamtheit dadurch überwunden werden, daß die letztere gutzumachen strebt, was einzelne gesündigt haben. ES*. Hedem dasISemige. (21. Forts.) Roman von M. Pulvermann. ber ihre Verzückung verflüchtigte sich ebenso schnell, wie sie gekommen. Wenn sie die Sachlage eingehend prüfte, so fand sie, daß es doch nicht die rechte Seelenweihe war, nach der sie sich sehnte. Ten Herrn anzubeten, weil er ihr einen selbstsüchtigen Wunsch gewährt, war nicht die innere Herzensstimme, die sich mit dem Ruf vereinigen konnte, der aus den Himmelshöhen drang, war nicht die Flucht des heiligen Geistes, der sich von dem sündigen Fleisch befreien wollte. Was aber war es denn? Sie grübelte eine ganze Weile, bis sich ihr wieder ein anderer Gedanke aufdrängte. Es ist freilich wahr, daß der Gott Israels sich ihr bisher noch nicht offenbart, aber warum war sie denn gar so ungeduldig? Warum hatte sie denn solche Eile, sich mit ihrem neuen Glairben eins zu fühlen? Ihre Zugehörigkeit war doch noch so jung und so neu; sie brauchte ja. nur zu warten und ernstlich zu wollen und - es würde ihr schon gelingen! — Die Gemeinde unten erhob sich jetzt von ihren Plätzen und eine unruhige Bewegung entstand durch das Scharren der Füße, durch das Aufschlagen der Gebetbücher, um aber bald einer plötzlichen feierlichen Stille zu weichen, um ein überwältigendes Schweigen eintreten zu lassen. „Der Schofar! Der Schosar!" flüsterte ihr Chaje Rachel verzückt und begeistert ins Ohr. Ellen blätterte im Gebetbuch nach der Stelle, wo das Ritual für das Blasen mit dem Horn eines Widders angegeben war. Bald hallten die ersten Töne durch den weiten Raum. Zuerst der gerade, kurze Ton, dann drei stoßweise hervorgebrachte Klänge, gefolgt von dem bebenden, zitterigen Triller, was sich dreimal wiederholte. Geheimnisvoll und übernatürlich, wie aus uralten Zeiten, drang der Schall an Ellens Ohr. Solche Töne waren es sicherlich, die die göttliche Offenbarung am Sinai begleiteten; mit. solchen Signalen auch hatte einst der große Nomadenführer während der vierzigjährigen Wüstenwanderung zum Aufschlagen oder Abbrechen der Zelte aufgefordert, und solche Töne waren es sicherlich auch, durch die die Mauern der stolzen Feste Jericho zusammenstürzten. „Tekim—Scheworim—Teruo!" rief der greise, weißbärtigc Rabbiner, und das Widderhorn folgte gehorsam dem Rufe. Und als das „Tekio-^Gedaulo" verklungen war, dessen Ton der Bläser so lange anhielt, bis ihm der Atem ausging, da konnte Ellen einen Seufzer der Erleichterung aus jeder Brust vernehmen, als hätte man eine schwere Not überstanden. Mit strahlenden, vom Befriedigung glänzenden Augen beugte sich Chaje Rachel zu ihrer Schwiegertochter und flüsterte ihr freudig ins Ohr: