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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-11-22 · Heft 47 (22.11.1918) · p. Seite 561

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 47 (22.11.1918)
Date
1918-11-22
Page
Seite 561 (sequence 9)
Language
German
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Juden emporgewuchert, wenn sie ihn auch lediglich auf Konto des „Neides" der anderen setzen möWen. Ich will erzählen, was ich darüber weiß. Als bald nach dem 1. August 1914 die großwie kleinkapitalistische Welt vom Lieferungsfieber gepackt war, fanden sich, ganz naturgemäß, unter den Bewerbern um Aufträge (besonders in der Bekleidungsbranche) viele Juden. Darin ist nichts Besonderes zu erblicken, da die Juden eben'mit geringen Ausnahmen dem Handelsstand angehören und ihre Angebote wegen der dringenden Eile der Beschaffungen fürs Heer der Regierung durchaus willkommen waren. Wenn nun seitens der Juden viel „verdient" wurde, so lag dies in der Natur des Preismarktes im heutigen Weltgetriebe, das weder jüdischer noch christlicher, sondern einfach kapitalistischer Prägung ist. Bei den nichtjüdischen Lieferanten aller Industrie- und Handelszweige wird „Verdienen" auch groß geschrieben; das dürfte wohl nirgends bestritten werben. An diesem Punkte also konnte der Antisemitismus nicht erfolgreich einsetzen; er fand aber einen anderen und besseren Anhalt. Soweit die organisierte Arbeiterschaft an der Warenherstellung, besonders in der Bekleidungsbranche, beteiligt war, hielten die Gewerkschaftsvertreter streng auf Einhaltung der Verpflichtungen, die den Fabrikanten m bezug auf Lohn u'sw. von der Militärbehörde anferlegt worden waren, während die armseligen, Nichtorganisierten Heimarbeiterinn e n der Willkür des großen wie der an sie liefernden, zahlreichen kleinen Arbeitgeber preisgegeben waren. Durch Zufall hatte ich eine Bekanntschaft in diesen Kreisen, die mich über die Drangsale der Kriegsbekleidrtngs-Heimarbeiterinnen (Kriegerfrauen zumeist, bzw. Soldatentöchter) informierte. Ich ging ins Gewerkschaftshaus und fragte, ob nichts geschehe, diese Heimarbeiterinnen zu organisieren. Man erwiderte: „Es hat unserseits an Versuchen hierzu nicht gefehlt; sie sind mißlungen, weil jene Notarbeiterinnen, im Glauben, daß der Krieg bald vorüber sein und ihre gegenwärtige Arbeiterinnenstellung alsdann aufhören wird, nicht zu bewegen sind, einer Versammlungseinladung Folge zu leisten; es. sind zumeist Frauen, die nur einige Stunden des Tages für Lohn daheim schassen, im übrigen aber sich dem Haushalt und ihren Kindern zu widmen haben; Frauen zum Teil, die früher nie Lohnarbeit im Heim verrichteten und nicht als „organisierte Arbeiterinnen" klassifiziert sein wollen. Und das schlimmste für uns ist, daß wir diese plötzlich erstandenen Heimarbeiterinnen nach Namen und Straße größtenteils gar nicht anders ausfindig machen könnten als durch Nachforschung von Haus zu Haus bis in die Dachwohnungen. Hierzu bedarf es eines Agitationskorps von mindestens hundert Leuten für die Dauer von zwei Wochen. Bei dem jetzigen Mangel an Personen, die zu solcher Propaganda sich eignen und die erforderlich ist, um die Heimarbeiterinnen zu Sanitätsrat Dr. Scherbe! überzellgen, daß sie einer Organisation angehören müssen, wenn sie ihre Rechte wahrgenommen wissen wollen, kann diese Agitationsarbeit gar nicht in Angriff genommen werden." Die einzelne Heimarbeiterin wußte zwar aus den Tageszeitungen, daß die Militärbehörde den Lieferanten zur Rechenschaft zieht, wenn begründete Beschwerde gegen ihn erhoben wird; keine aber wagte auf Grund ihres Lohnbuches den Nachweis, daß sie geschröpft wird — weil alle Nichtorganisierten der Ueberzeugung waren, daß es für eine Person, die sich beschwerdeführend ans Generalkommando wendet, infolge Vereinbarung der Lieferanten untereinander dann unmiMlich ist, irgendwo ferner Beschäftigung zu finden. Aus diesen A r b e i t e r i n n e n k r e i s e n e r w u ch s zwischen Herbst 1914 und 19 15 et n st arter H a ß gegen das j ü d i s ch e A tt s - b c u tertu m d e r . K l e i de t - branche obwohl man bei genauem Ausfragen ermitteln konnte, daß die Lohndrückerei der sich bereichernden Lieferanten bei allen ohne Unterschied der Konfession die gleiche war; auf den „I u d e n" blieb indes der Vorwurf ausschließlich sitzen. War nun durch. Tausende jener U nglückl ichen der Antis emitismus in München in Fluß gebracht, im demokratischen München, wo man bisher ihn kaum kannte und wo man ihn besonders rm ge s ell s chaftlicheu Verkehr ^) nicht vorfand, so lag,.- wie gewöhnlich in solchen Fällen, zwischen Wahrheit und Uebertreibung, zwischen Tatsache und Legende nur eine kleine Spanne Raumes, und der Judenhaß traf, wie bisher, am empfindlichsten die Unschuldigsten unter den Stammgenossen. Sogleich erlebte ich den Beweis hierfür. Es war im Herbst 1915, als eine mir befreundete Dame mich fragte, ob es währ sei, was sie gehört, daß jüdische Militärärzte Glaubensgenossen bei der Musterung tunlichst „g. v.", wenn nicht „d. u." schreiben. Ich widersprach mit dem Bemerken, daß ich eher das Gegenteil vermute: daß jüdische Militärärzte j e d e n Israeliten lieber als selddienstfähig erklären, wenn sie es mit ihrem Gewissen vereinbaren können. Auch in den schlimmsten Tagen der antisemitischen Hetze früherer Jahrzehnte habe mall über den. jüdischen Arzt keine Beschwerden hinsichtlich der Pflichterfüllung vernommen. Ich sprach mit einem befreundeten (nichtjüdischen) Stabsarzt über das Gerücht und er erwiderte: „Mir ist von dieser Verdächtigung nichts bekannt und ich halte sie für grundlos. Ich selbst habe, weil mit Arbeit überbürdet, mich neulich bei einer mir zugewiesenen! Musterung durch einen jüdischen Kollegen vertreten lassen, der in dieser Arbeit eine große Routine besitzt." Daraus richtete ich an die Redaktion der „Münchener Post" folgendes Schreibell: *) Der einzige Antisemit, den ich bisher in geselligen Kreisen getroffen, war ein adliger Oberst aus Berlin.

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