Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-11-22 · Heft 47 (22.11.1918) · p. Seite 560

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 47 (22.11.1918)
Date
1918-11-22
Page
Seite 560 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229339-3229386--74472-3286969
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Die Herren überreichten eine Adresse, in der versichert wird, daß die Mitglieder der israelitischen Kultusgemeinden im tschecho-slowakischen Staate eben solche loyale Bürger sein wollen, wie sie es sprichwörtlicherweise in der einstigen Donaumonarchie waren, und in der verlangt wird, daß die neue Verfassung auch den Juden vollkommene Gleichberechtigung zusichere in bürgerlicher und Politischer Beziehung. Die Abgesandten erhielten die feierliche Zusage, daß die Juden, deren Kaisertreue rühmlichst bekannt war, es nicht zu bereuen ' haben werden, nach dem Sturz der Bankerotteure des alten Regimes Mitbürger des tschecho-slowakischen Staates mit allen Rechten und Pflichten zu sein. Da der im Frühjahr geplante Landesverband der israelitischen Kultusgemeinden in Böhmen noch nicht perfekt ist, da ferner Deutsch-Böhmen einen eigenen Nationalrat mit dem Amtssitze in Reichenberg hat, beschränkte sich das Mandat der Deputation auf die Kultusgemeinden Prags und der Vororte. Mit einer umfassenderen Vollmacht erschien vor den neuen Machthabern der I ü d is che N a t i o n alra t. Er ist der Vertreter der nationalbewußten Juden im ganzen tschecho-slowakischen Staat und erfreut sich in unserem mit einem Male demokratisch gewordenen Zeitalter gleich den sozialdemokratischen Parteien aller Länder eines großen Zuspruchs. Seinem Programm schloß sich der Verband der mährischen Kuttusgemeinden an; bei der rührigen Agitation und dem Pakt mit den Orthodoxen in Oberungarn wird die Slowakei wohl bald folgen. Der Jüdische Nationalrat, dem auch der Dichter Dr. Max Brod angehört und der an Prof. Dr. Engel eine eiserne Arbeitskraft und ein organisatorisches Talent besitzt, überreichte am 28. Oktober dem Nationalrat des tschecho-slowakischen Staates eine umfangreiche Denkschrift über die Situation und die Forderungen des jüdischen Volkes im neuen Staatswesen. Die Forderungen sind: 1. Anerkennung der jüdischen Nationalität und Freiheit des Bekenntnisses zu ihr; 2. volle bürgerliche Gleichberechtigung der Juden und 8. nationale Minderheitsrechte für das jüdische Volk, Demokratisierung und Vereinigung der. jüdischen Gemeinden. „Wir fordern kulturelle Selbstverwaltung in innerjüdischen Fragen; zu denen vor allem die jüdische Erziehung, die Pflege der hebräischen Sprache und unserer Beziehungen zu unserem Zentrum in Palästina sowie auch die Arbeit der jüdischen Gemeinden in Fragen der sozialen Fürsorge gezählt werden müssen. Dort, wo dies die Verhältnisse ermöglichen, sollen auf modernen (keineswegs konfessionellen) Grundlagen jüdische Volks- und Mittelschulen errichtet werden." Gegen den Jüdischen Nationalrat, sein Programm und sein Memorandum protestieren die Tschecho-jüdische politische Vereinigung und der Bund der tschechischen Fortschrittsjuden, die sowohl in ihrer Presse als auch in der am 10. d. M. abgehaltenen, von vielen hundert Personen besuchten öffentlichen Volksversammlung der Zionisten dem nationalgesinnten Judentum scharf zu Leibe gingen. Allein die Sympathiekundgebung Masaryks, des Schöpfers des tschecho-slowakischen Staates, für den Zionismus an die Zionistische Organisation in Amerika; die Botschaft Wilsons an den früheren Präsidenten des provisorischen zionistischen Exekutivkomitees in New Brak; der Empfang des Präsidenten des Schweizerischen zionistischen Verbandes durch den schweizerischen! Bundespräsidenten; der Anschluß des englischen Mnisters Herbert Samuel an den Zionismus; der Sieg der Jüdisch-nationalen Partei über die Verwaltung der Kultusgemeinde in Wien: das alles ist nicht danach angetan, den nicht gerade lammfrommen Pionieren des jüdisch-nationalen Staatswefens den Wind aus den Segeln zu nehmen. Im tschecho-slowakischen Maate werden die Kultusgemeinden eine unliebsame Umgestaltung erfahren, einer schmerzhaften Operation sich unterziehen müffen. Nach dem Ablauf schonungsvoller Uebergangsbestimmungen, welche die völlige Trennung von Staat und Kirche einzuleiten haben werden, wird den Kultusgemeinden das Recht auf politische Exekution, das ist das Recht aus zwangsweise Eintreibung der jüdischen Steuern, entzogen werden. Welches Chaos bei der Indolenz, zumal der kleinen Landgemeinden, dem Judentum im neuen Staate droht, soll hier auch nicht leise angedeutet werden. Wir dürfen uns den Sport eines zersetzenden Partei- Haders nicht leisten. Ssnitstsrat Sr.Schkrbel inJCiffa i.K. <geb. am 26. November 1858). m 26. November feiert unser treuer Mitarbeiter Sanitätsrat Dr. Scherbel in Lissa i. P. seinen 60. Geburtstag. Wir entbieten ihm unseren! herzlichsten Glückwunsch. In Schmiegel (Provinz Posen) geboren, besuchte er das König-Friedrichs-Gymnasium in Gumbinnen, wo sein Vater, Prediger Moritz Scherbel, viele Jahre amtierte. Von ihm. der ebenfalls ein fleißiger Mitarbeiter unseres Blattes war und unsere Leser besonders durch seine „Ostpreußischen Plaudereien" erfreute, hat er wohl die schriftstellerische Ader geerbt. Denn bald, nachdem er sich im Jahre 1883 in Lissa i. P. (der Heimat seines Vaters) als Arzt niedergelassen hatte, entfaltete er eine rege schriftstellerische Tätigkeit, die sich, nach dem Vorbilde von Aron Bernstein!, nicht nur aus Popularisierung der Wissenschaften erstreckte, sondern auch mit besonderer Vorliebe jüdische Probleme umfaßte. Tiefgehende universale und sprachliche Kenntnisse kamen ihm dabei zustatten, z. B. (um nur eins zu erwähnen) in seinem Buche „Ueber Ehen zwischen Blutsverwandten", das jetzt in 3. Auflage erscheinen wird und die bedeutsame Frage der Verwandtschaftsehen nicht nur vom hygienischen und sozialesondern auch vom jüdischen Standpunkte aus behandelt. Von großem Fleiße und eingehenden Studien zeugt auch sein Buch „Jüdische Aerzte und ihr Einfluß auf das Judentum". Beiträge von ihm sind in vielen jüdischen Zeitschriften erschienen, und feit mehr als 30 Jahren ist er Mitarbeiter auch unseres Blattes. Wir hoffen, noch so manche Arbeit aus seiner fleißigen Feder veröffentlichen zu können, und bringen für heute sein Bild als Sanitätsoffizier aus seiner Tätigkeit am Reservelazarett in Lissa i. P. Sein warmes jüdisches Interesse bekundet er in vielen Ehrenämtern, z. B. als Mitglied der Repräsentantenversammlung der Synagogengemeinde in Lissa, deren Schriftführer er ist, als Mitglied des jüdischen Schulvorstandes, als Kurator und Arzt der Wollheimschen Stiftung (Wollheimsches Kranken- und Siechenhaus), als Mitglied des Vorstandes des Literatur- Vereins, deren Bibliothekar er ist, ebenso wie in der Sachsschen Stiftung, usw. Dein vielbeschäftigten und geistig so viel interessierten Manne rufen wir von Herzen zu: all multos annosf Vom krügs-patilkmitismus. Don Adolf Hepner (München). I. Unter vielen anderen, teils normalen, teils anormalen Dingen, die im Gefolge des Krieges sich eingestellt, zeigt sich nun offenkundig, daß er auch seineneigenenAntis e m i t i s m u s hervorgebracht hat. Und dieser ist, wie der des Friedenszustandes, nicht ohne Mitschuld eines Teiles der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.