Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-11-22 · Heft 47 (22.11.1918) · p. Seite 559

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 47 (22.11.1918)
Date
1918-11-22
Page
Seite 559 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229339-3229386--74471-3286968
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

sss Sie 3uötn int tschecha-stowakischkn Staat. Von Pros. Dr. Emanuel Schwarh (Prag). ie Erde taumelt wie ein Trunkener." Einen späten Kommentar zu diesem Bibelwort erleben wir in unseren Tagen. Throne wanken, Dynastien stürzen, Kaiser gehen, Könige flüchten. Die alte Welt bricht zusammen, aus ihren Trümmern ersteht eine neue. So soll es nach unserem überlieferten Schrifttum auch bei der Weltschöpfung zugegangen sein. Viele Gebilde zerschlug der Schöpfer, bis er endlich von dem letzten gefunden hatte, daß es gut sei. Hier fließt die Quelle des jüdischen Optimismus, der in jedem Geschehen einen höheren Willen erkennt und zu allem, wie es auch kommen mag, bemerkt: Was Gott tut, ist wohlgetan. Solange die politischen Umwälzungen ohne tiefere Erschütterung sich vollziehen! solange der Weg zur neuen Ordnung durch Ruhe und Sicherheit führt, steht es uns nicht an, dem unverwüstlichen Optimismus der Alten untreu zu werden. Wir haben keinen Grund, die alte Ordnung, weil sie nicht mehr ist, anzuklagen. Sie hat uns den gewährleisteten Schutz und Schirm geboten; wir wollen nicht undankbar sein und einen Stein werfen in den Brunnen, aus dem wir getrunken haben. Wir hingen in Liebe und Treue an den Habsburgern und empfinden schmerzlich ihren jähen Stltrz. Ihre Farben trugen ivir in überkommener Ehrfurcht, vor ihren Emblemen beugten wir uns in heiliger Scheu. Wir werden loyale Bürger sein auch inmitten eines frei gewordenen Volkes und hoffen in unserem unerschütterlichen Optimismus, daß es gut sei auch in dem neuen tschecho-flowakischen Staat. Der tschecho-slowakische Staat ist am 28. Oktober ohne merkliche. Wehen geboren worden. In dem Augenblicke, als die Absendung der Andrassy-Note an den Präsidenten der Vereinigten Staaten Amerikas bekannt wurde, prangten die Straßen Prags in festlichem Fahnenschmuck. Der Uneingeweihte riß erstaunt die Augen auf, dann wurde ihm der Bescheid: der tschecho-slowakische Staat ist proklamiert worden. Wie ein Heuschreckenschwarm ergoß sich die jubelnde Menge über die ruhige Stadt. Bald tauchten die ersten hohen Leitern auf. Wo ein kaiserlicher Adler vom First eines Staatsgebäudes grüßte, wurde er von plumper Hand herabgeholt. Wo das erbgesessenc „k. k." (kaiser königlich) an einem Post- und Telegraphenamt oder an einer Trafik (Tabak- und Zigarrenladen) entdeckt wurde, ist es ohne Erbarmen herabgerissen worden. Es rast der See und will sein Opfer haben. Keine Firmentafel, kein Aushängeschild, auf dem neben dem Namen des Geschäftsinhabers auch nur ein deutsches Wort stehengeblieben war, wurde verschont. Aengstliche Naturen — »nd wen hat der Uebermut des Siegers nicht schon ängstlich gemacht — verhängten und verklebten freiwillig die deutschen Aufschriften an den lockenden Schaufenstern der elegantesten Kaufhäuser. Die arg verstümmelten Fenster und Türen an den besuchtesten Warenhäusern präsentierten sich mit ihrem Notverband wie stumme Helden, die sich den Blutverlust nicht altmerken lassen. Blut ist in der Tat auch nicht geflossen; überall herrschte bewunderungswürdige Ruhe und Ordnung. Der tschecho-slowakische Staat beansprucht die Gewalt über Böhmen, Mähren, Schlesien und Nordwestungarn, über ein Hoheitsgebiet, aus dem etwa 300 000 Juden siedeln. Soweit die tschechische Zunge reicht, ist keinem Juden aus dem Wege zur Neuordnung ein Haar gekrümmt worden. Die Führer, deren.Zucht und Disziplin neidlos anerkannt werden soll, haben das jauchzende Volk noch in der Gewalt. In Deutsch- Böhmen hingegen, wo die alldeutsche Presse Gift gegen die Juden speit und mit dm kleinen, aber noch lange nicht verbrauchten Mittelchen Hatz . und Zwietracht sät, sind Ausschreitungen nicht unterblieben. In Karlsbad sind Flugblätter aufreizenden Inhalts mit Wissen der führenden Faktoren verbreitet und angeschlagen worden. In Falkenau a. d. E. haben Plünderungen jüdischer Läden und Wohnhäuser stattgefunden. Auch in Nordwestungarn, in Thrnau und Preßburg, ist jüdisches Eigentum geraubt worden. In der Slowakei sollen auch Pogrome eingesetzt haben, die denen in Rußland nicht nachstehen. Hier herrscht Ordnung, strenge Ordnung. Darauf sieht schon die neue, wenn auch nur vorhergehende Staatsregierung: der Nationalrat. Er zählt 200 Mitglieder, an deren Spitze der bekannte Dr. Kramarz steht. Auch Juden gehören dem Nationalrat an; insbesondere sind es tzxei konfessionslose Sozialdemokraten, denen verantwortungsreiche Aemter zugedacht sind. Ein Ministerium ist noch nicht gebildet. .Die Stelle des Handelsministers wurde dem Herrn Leon B o n d i, dein Präsidenten der Handelskammer, angeboten, der aber dankend abgelehnt hat. Die Staatsform ist noch nicht gewählt; sie wird von der Konstituierenden Nationalversammlung festgelegt werden und dürste nach dem ganzen Auftakt die der demokratischen Republik sein. Die neue Verfassung soll besser als die alte jedem Bürger die volle Gleichberechtigung gewährleisten. Die Bevorzugung der einen Konfession vor der anderen ist total ausgeschlossen, weil die Trennung von Staat und Kirche auf das gründlichste durchgesührt werden soll. Der Religionsunterricht, der durch eine ethische Unterweisung zu ersetzen wäre, wird aus der Staatsschule gewiesen und bildet die ureigenste Angelegenheit der Religionsgenossenschaft. Der Artikel 2 des Staatsgrundgesetzes vom 21. Dezember 1867 lautet: Vor dem Gesetze sind alle Staatsbürger gleich. Im Artikel 14 desselben Staatsgrundgesetzes heißt es: Der Genuß der bürgerlichen und politischen Rechte ist von dem Religionsbekenntnisse unabhängig. Und doch konnte es Vorkommen, daß ein jüdischer Mittelschullehrer, gegen den nichts als seine bekannte Tüchtigkeit vorlag, in Wien überhaupt nicht ankommen, in Prag nicht vorwärtskommen konnte, bis er eines Tages Universitätsprofessor wurde, in allen Ehren, mit allen Würden und mit allen Rechten. Der Artikel 15 des oben zitierten Staatsgrundgesetzes lautet: Jede gesetzlich anerkannte Kirche und Religionsgesellschaft ordnet und verwaltet ihre inneren Angelegenheiten selbständig. Das störte aber die gesetzgebenden Körperschaften nicht, der katholischen Kirche viele, viele Millionen, der evangelischen Kirche auch ein ganz nettes Sümmchen Jahr um Jahr zu bewilligen, während die jüdische Glaubensgemeinschast leer ausging. Die deutschen Mittelschulen werden überwiegend von 'jüdischen Schülern besucht. Den Religionsunterricht erteilen mit der gleichen Lehrverpflichtung der Pfarrer und der Rabbiner; ersterer als etatmäßiger Professor mit nach Rangklassen abgestuftem Iahresgehalt und Teuerungszulagen, letzterer „nach Bedarf" gegen eine schäbige „Remuneration" ohne Rücksicht auf die Kriogsjahre und ohne Einsicht in die zahllosen Petitionen aller möglichen Fachorganisationen. Das alles soll anders werden; fortan wird es nicht nur aus dem Papier stehen: Vor dem Gesetze sind alle Staatsbürger gleich. Freie Bahn dem Tüchtigen! Die Konfession darf niemandem ein Hindernis sein für die Erlangung der höchsten Aemter und Würden, sofern nur die Tüchtigkeit erprobt ist. In diesem Sinne äußerte sich Dr. Rosin, der Vertreter der neuen Regierung, als die Repräsentanz der Prager Kultusgemeinde im Verein mit den Abordnungen der Kultusgemeinden in den Vorstädten Karolinenthal, Weinberge, Smichow und Zizkow unter Führung des Präsidenten Obernnanzrat Dr. Koserak und unter Intervention des Leon Bondi zur Begrüßung des Nationalrates erschienen war.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.