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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-11-22 · Heft 47 (22.11.1918) · p. Seite 558

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 47 (22.11.1918)
Date
1918-11-22
Page
Seite 558 (sequence 6)
Language
German
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558 17oOÖO Francsund für hebräische Kurse 100 000 Francs Außerdem wurde ein Budget für die Errichtung von zwei Arbeiterheimen in Aussicht gestellt. Die hebräische Sprache ist in Palästina zur lebenden geworden. Die jüdischen Arbeiter gehören zu den eifrigsten Bersechtern s der hebräischen Sprache. Die Vorlesungen an der hebräischen Universität werden wahrscheinliich in fünf bis sechs Jahren beginnen können. Die politischen Bedingungen für die Errichtung der jüdischen Heimstätte in Palästina sind sehr günstig. Die ersten Schritte in dieser Richtung sind bereits getan. Die Errichtung eines Judenstaates ist im gegenwärtigen Moment noch nicht erwünscht. Tie jüdische Bevölkerung wünscht Palästina unter britischem Schutz (trusteesbip), bis das Land reif sein wird, sich selbst zu verwalten, Tie Arbeit der Kommission ist noch nicht beendet. Die Voraussetzung für das Gedeihen des jüdischen Siedlung,s-werkes ist ein ungeteiltes Palästina. Tie Agrarfrage muß unverzüglich mit allem nötigen Ernst in Angriff genommen werden. Die Tatsache, daß der Grund und Boden in Palästina größtenteils brachliegt, daß 60 Prozent des Grund und Bodens sich in den Händen der Efsendis befinden, macht das jüdische Werk im Lande möglich. Weizman schloß seinen Bericht mit dein Hinweis darauf, daß die Errichtung einer jüdischen Heimstätte nicht nur gewaltige Geldmittel, sondern vor allem auch außerordentlich viel Energie, Geduld und Arbeitskräfte erfordert. * Im Gegensatz zu diesen Mitteilungen lasse ich nachstehenden Aufsatz folgen, der, durchaus nüchtern gehalten, nach lauteren Quellen Tatsachen mitteilt, die beachtenswert genug sind- Sie werden von den Zionisten verschwiegen, sind aber wohl geeignet, zu einer richtigen Vorstellung über den Stand der Palästina-Angelegenheit beizutragen. Neueste Aussichten des zionistischen Staates in P a l ä st i n a. Neben die aus unmittelbare englische Quellen, nämlich die halbamtliche „Geschichte des Weltkrieges', welche mit Unterstützung der britischen Regierung erscheint, gestützten Nachrichten, wie wir sie vor einiger Zeit in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" verössenttichen konnten, treten jetzr weitere gut vcglaubigte, aber wirklich ungeschminkte Tatsachen. Wir verdanken sie größtenteils der „Deutschen Orientkorrespondenz". Die im folgenden zwischen Gänsefühchen gesetzten Stellen stammen wortwörtlich daraus. Als im November 1917 das ägyptische Heer der Engländer siegreich gegen Palästina vormarschierte, versicherte Minister Lord Balfour dem Präsidenten der Zionistischen Vereinigung. Lord Rothschild, die englische Regierung stünde dem ziomstrschen Streben nach einer „Staatswerdung" Palästinas als nationaler Siedelung des jüdischen Volkes sympathisch gegenüber; aber es dürfe nichts unternommen werden, was gegenüber den bürgerlichen oder kirchlichen (!) Rechten der übrigen Konfessionen Palästinas eine Schmälerung bedeute. Ganz ähnlich äußerte sich bald daraus Lord Cecil m einer von Zio nisten einberufenen Londoner Versammlung. Diese zugesagte Förderung der zionistischen Bestrebungen durch England bezweckte, das Judentum „bei seinem kulturellen und wirtschaftlichen Einfluß auf die übrigen Völker für die Entenre zu gewinnen". Etwa ein Jahr verfloß seitdem, ohne daß bisher etwas der Art geschah. Im Gegenteil: im Juli 1918 sprach sich der englische Minister Barnes ausdrücklich gegen das zionistische Staatsprogramm aus. Nichtzionistische Kreise bekämpfen obige Erklärungen Balsours und Cecils. Hingegen nehmen die deutschen Zionisten den Standpunkt ein, den jüdischen Staat müsse das Wohlwollen aller Mächte, insbesondere der Türkei, tragen und er dürfe kein Staat von Gnaden der Entente werdett, Tatsächlich äußerte sich auch Talaat Pascha als bisheriger türkischer Großwesir über das zionistische Programm freundlicher, als dies seinerzeit der in Jerusalem als Oberbefehlshaber kommandierende Minister Djemal Pascha getan. Das erstere ging aber dem englischen Imperialismus wider den Strich. Weiter kam hinzu, daß mohammedanische S t i m m e n a u s A s i e n laut wurden, welche sich entschieden gegen den angeblichen englischen Palästinaplan wandten. Diese Stellungnahme der von der Londoner Regierung vorläufig wohlweislich noch gehätschelten Araber dämpften zweifellos Englands amtliche „Begeisterung" für den jüdischen Staatsentwurs, soweit eine solche überhaupt vorhanden gewesen. Großen Einfluß aus die weitere Entwicklung der zionistischen Pläne übten aber ans vor allein die Kundgabe der Ansicht des Vatikans und Englands durchsichtige Notwendigkeit, ihr Rechnung zu tragen. Aus naheliegenden Gründen legt die römische Kurie Wert darauf, die zionistische Sehnsucht nicht befriedigt zu sehen. Voran leitet die päpstliche Diplonmtie dabei die Rücksicht auf reine Gefühlswünsche aus der Christenheit, welche mit Nachdruck verlangen, „die heiligen Stätten vor anderen Invasionen zu schützen. Eine volle Erfüllung der zionistischen Wünsche mußte von den Christen als eine Beeinträchtigung ihrer Interessen aufgesaßt werden." Das sah man auch in England an offizieller Stelle ein: man erkannte da, wie auf den Widerwillen des Papsttums Rücksicht zu nehmen sei, wo doch die römisch-katholische Hierarchie in der Lage sei, die immer revolutionär gesinnten Iren zu beeinflussen. „Deshalb ließ E n g l a n d s e i n bisheriges w eit - ausgreifendes P a l ä st i n a p r o j e k t fallen." Augenblicklich scheint der bezügliche Meinungsaustausch zwischen London und Ronr folgendermaßen zu liegen: Das britische Ministerium hat, so heißt es, dem päpstlichen Staatssekretariat vorgeschlagen, alle diejenigen Völker, die im Mittelalter an den Kreuzzügen teilgenommen, sollten über Palästina eine Art Schutzherrschaft aufrichten, und das seien in erster Linie Frankreich, Italien, England (geschichtlich ganz unrichtig: außer den beiden Hauptführern des ersten Krenzzuges, dem Brüderpaar Gottfried und Balduin, die deutsche Reichsfürsten waren, haben die Kaiser Konrad HI., Friedrich Rotbart und Friedrich II. solche unternommen). Als oberster Schutzherr würde der Papst selbst dastehen. Der jüdische Staat dürfte auf einen weit kleineren Umfang beschränkt sein, als England halbamtlich ursprünglich verlautet hatte. Die den christlichen Gläubigen heiligen Stätten sollten für exterritorial, d. h. außer jedem bestimmten Herrschaftsbezirk, erklärt werden. „Es gilt aber nicht als ausgeschlossen, daß es gelingen wird, alle jene Stätten, welche für die Christenheit von historischer Y(, doch wohl religiöser!) Bedeutung sind, als Eigentum der- Christenheit zu erklären. Damit würde dann der Plan des zionistischen Reiches endgültig gescheitert sein." Inzwischen haben aber der militärische Zusammenbruch der bisherigen Besitzerin des gelobten Landes, der Türkei, und der dieser aufgehalste Gewaltfrieden viele Unterlagen der zionistischen Berechnung glatt ausgeschaltet und der heutige Siegeshochmut Englands und seiner Verbündeten mag binnen kurzer Frist auch dem phantastischsten und optimistischsten Zionisten, -zumal in Deutschland und Oesterreich, die Augen darüber öffnen,^ wie höhnisch die großbritannische Staatskunst auch in dieser Nebensrage der weltumwirbelnden Politik der Gegenwart ihre Partner wieder einmal — derb bayerisch gesprochen! — ausgeschmiert hat! L. F.

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