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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-11-22 · Heft 47 (22.11.1918) · p. Seite 557

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 47 (22.11.1918)
Date
1918-11-22
Page
Seite 557 (sequence 5)
Language
German
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857 Jus und über Kalsltins. III. Berlin, 12. November. er 2. November, der Jahrestag der britischen Erklärung über die Gründung eines jüdischen Reiches in Palästina, ist in manchen Orten als Festtag gefeiert worden. Besonders in Stockholm. Darüber berichtet das dortige jüdische Preßbureau: Unter großer Begeisterung des Publikums betrat Branting die Rednerbühne. Er begrüßte die Versammlung als Schwede und als Repräsentant der Internationale. Er erinnerte an die Leiden des jüdischen Volkes in früheren Jahrhunderten unv während des Krieges. Er sagte, daß, obgleich die Juden in Schweden die volle Gleichberechtigung, genießen, er doch die Sehnsucht derjenigen von ihnen verstehe, die den Zusammenhang mit ihren Volksgenossen in anderen Ländern wiederherzustellen suchen. Die großen Kräfte der jüdischen Bewegung liegen in den jüdischen Volksmafsen des Ostens. Von dort hat die Bewegung auch nach Westeuropa übergegrifsen. Erst in allerletzter Zeit ist die Verwirklichung des Zionismus möglich geworden, und zwar vor -allem durch die englische Erklärung. Die Juden haben der Welt selbst unter den schlimmsten Umständen große Begabungen geschenkt: es sei deshalb als sicher anzunchmen, daß unter mehr günstigen Umständen sie noch Bedeutenderes für die menschheitliche Kultur leisten werden. Die Internationale, die sich aller unterdrückten Völker annehme, habe um so mehr Ursache, die Wiedergeburt des jüdischen Volkes zu begrüßen, als viele Persönlichkeiten aus dein Schoße des Judentums sich hervorragende Verdienste um die Internationale gemacht haben. Der Redner drückte zum Schluß die Hoffnung aus, daß das jüdische Volk in den Völkerbund als gleichberechtigtes Mitglied werde ausgenommen werden, daß es neben der Verwirklichung seines Palästina-Ideals überall, wo es in Massen lebt, Autonomie erlangen und daß es in Palästina und außerhalb Palästinas für den Fortschritt der gesamten Menschheit unausgesetzt arbeiten werde. Bürgermeister Karl Lindhagen, mit großem Beifall ausgenommen, drückte dem jüdischen Volke zur Wiederherstellung seines nationalen Heimes in Palästina seine Sympathien als Pazifist aus. Das jüdische Volk sei das pazisistischste Volk der Welt. Vor zwei Jahrtausenden mußte es sich einem römischen Frieden unterwerfen und heute, wo die Gefahr eines deutschen Friedens für die Welt beseitigt und ein menschheitlicher Friede möglich geworden sei, werde es auch möglich sein, das zwei'tausendjäh-rige Unrecht an den Juden wieder gutzumachen. Das jüdische Volk werde eine Brücke bilden zwischen Asien, Afrika und Europa. Die Pazifisten seien froh, daß das jüdische Volk sich nunmehr wiedergefunden habe; die Auferstehung des jüdischen Volkes sei ein Symbol für das von den Pazifisten der Welt erstrebte Ideal. Bürgermeister Lindhagen schloß seine Ansprache mit dem Ausdruck der Hoffnung, daß die Juden in Palästina in vollster Harmonie mit der nichtjüdischen Bevölkerung leben werden. Die Versammlung faßte einstimmig folgende Resolution: „Zusammen mit den Juden der ganzen Welt gedenkt die heutige Versammlung mit tiefer Dankbarkeit der offiziellen Versicherung der britischen Negierung vom 2. November 1917, daß sie dem jüdischen Volke mit allen Kräften irr seinen Bemühungen zur Wiederherstellung seines nationalen Heimes in Erez Israel beistehen werde. Das feierliche Wort der englischen Regierung, ebenso wie die Zustimmung, die die Strebung des jüdischen Volkes nach -einem freien Heim in Palästina be-i den anderen Staaten und bei der internationalen Dernokratie gefunden hat, sind die Gewähr dafür, daß die Sehnsucht des jüdischen Volkes nach langen Generationen endlich wird in Erfüllung gehen. Das jüdische Volk ist sich dessen bewußt, welch ungeheuere Verantwortlichkeit im gegenwärtigen Augenblicke auf seinen Schultern lastet; aber mit dem bestimmten Ziel vor Augen, in Eintracht und Harmonie mit den menschheitlichen Interessen Palästina als Stätte für die sreie jüdische Arbeit, als ein Zentrum und einen Stützpunkt für die ungehinderte Entwicklung aller seiner schaffenden Kräfte zu erlangen, wird das jüdische Volk mit Freude alle die zur Erreichung dieses Zieles notwendigen Opfer bringen. Indem es sein höchstes Ideal in der Wiederherstellung seiner Selbständigkeit im Lande Israel sicht, proklamiert das jüdische Volk im gegenwärtigen historischen Moment sein Recht auf freie nationale Entwicklung auch in den Ländern, wo es m Massen lebt. Die Bevollmächtigten des jüdischen Volkes auf dem Friedenskongreß sind dazu berufen, diese Forderungen vor dem Völkertribunal zu vertreten." * In einer stark besuchten, von, 260 Delegierten beschickten Versammlung zu London (2. und 3. November) erstattete Professor Weizman, wie dasselbe Bureau meldet, im Namen der Palästina-Kommission folgenden Bericht. Als Me Kommission int Frühling dieses Jahres ihre Arbeit begann, führte ,er aus, war die Zeit sehr kritisch. In jener Zeit sing die große deutsche Offensive im Westen an, und die Operationen der britischen Truppen in Palästma hörten auf. Die Kommission stieß anfangs auf die Opposition der arabischen Presse in Aegypten, die dem Zionismus früher indisserent gegenüber,ge standen, ihn nun aber zu betämpsen begonnen hatte, indem sie behauptete, der Zionismus wolle die Araber in Palästina ihres Bodens berauben. Sie publizierte nüi großem Eifer alle Argumente und Beschuldigungen der Gegner und Feinde des Zionismus. Auch die britischen Okkupationsbehörden in Aegypten und Palästina waren sich anfangs nicht recht klar, über die Bedeutmrg und die Konsequenzen der Balfourschen Erklärung. Eingehende Verhandlungen, die drei Monate in Anspruch nahmen, änderten die Sachlage zu unseren Gunsten. Es ist gelungen, ein gutes Verhältnis mit 'den.arabischen Fellachen herzustellen. Sie haben genug Grund und Boden, sind mit dem britischen Regime zufrieden und haben gegenwärtig schon besseren Absatz für ihre Produkte. Dagegen sind «die Essendis weniger zufrieden-gestellt. Die meisten von ihnen leben außerhalb Palästinas und haben nicht mehr wie früher die Gelegenheit zur Ausbeutung der Bevölkerung. Ihre Freundschaft ist aber auch von viel geringerem Wert für die Juden. — Weizman hatte eine Konferenz mit dem Sohn des Königs der Hedschas, der die arabischen Truppen befehligt und arabischer Thronfolger ist. Es ist gelungen, mit ihm zu einem vollen Einverständnis zu komnten und jedes Mißverständnis zwischen Arabern und Inden zu beseitigen. Ebenso ist es der Kommission gelungen, die besten Beziehungen mit der christlichen Bevölkerung des Landes herzustellen. In mannigfacher Hinsicht wurde mit den maßgebenden Vertretern der christlichen Bevölkerung Hand in Hand gearbeitet, und sie war auch vertreten beider Grundsteinlegung der hebräischen Universität in Jerusalem. Das Verhältnis der britischen Administration zur jüdischen Sach? ist als sehr gut zu bezeichnen. Die Kommission hatte Gelegenheit, in mehreren Konfererizen mit den Okkupationsbehörden ihre Ansichten zu entwickeln, und sie fand sie in jeder Hinsicht 'entgegenkommend. Es wurde vereinbart, daß die Juden ihre Steuern nicht durch arabische Beamte, sondern durch spezielle jüdische Kommissionen absühren sollen. Es wurden eine jüdische Sicherheitspolizei und Organe der jüdischen Selbswerwaltung geschaffen. Es gelang auch der Kommission, die Evakuierung der jüdischen Kolonien, die man anfänglich aus militärischen Rücksichten vornehmen wollte, zu verhindern. Mit großer Wärme sprach Weizman .über den Heroismus und die Ausdauer der jüdischen Bevölkerung in den Kolonien. Er konstatierte, daß die Kolome Petachj-Tikwah und ein Teil des Herzl- Waldes stark beschädigt sind-, während die anderen Kolonien bei weitem nicht so schlecht ab geschni tten haben, als man ursprünglich erwartet hatte. Was das Hilfswerk betrifft,, so sind große Anstrengungen notwendig, um die jüdische Bevölkerung über Wasser zu halten. Es gilt vor allem 3000 Waisen und Hunderte von Witwen zu retten; dazu sind 22 000 Pfund sofort notwendig. Der Typhus hat viele Personen hinge rafft. Die medizinische Kommission tut gute Arbeit. Außer den Kosten für Brot und Reis mußten in Jerusalem noch 20 000 Pfund monatlich verausgabt werden. In Jerusalem wurden Werkstätten errichtet, um den Beschäftigungslosen Erwerbs Möglichkeit zu verschaffen, dag,egen aber wurde die Schnorrkorrespondeuz der Ehaluta- Leute, die demoralisierend wirkt, eingestellt. Leider ist infolge der Kriegsumstünde ein moralischer Niedergang oer Jerusalemer Bevölkerung zu konstatieren. Jerusalem weist heute 500 Prostituierte auf: eine Erscheinung, die vor denr Kriege nicht bekannt war. In den anderen Teilen des Landes, namentlich tu den Kolonien, sind die Zustände glücklicherweise viel günstiger. Die Kommission arbeitete in vollster Harmonie mit den Arbeiterorganisationen. Sie verausgabte für die Genossenschaftszwecke

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