Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1918)
- Date
- 1918-11-22
- Page
- Seite 556 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229339-3229386--74468-3286965- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Bereinigungen aufgestellteForderung nach einem Kongreß, der eine Vertretung der Juden in Deutschland zu schaffen hat, und forderte den vorläufigen Nationalausschuß auf, bis zur Wahl einer Vertretung die erforderlichen Politischen Maßnahmen zu treffen. Wir lieben es nicht, allgemeine Politische Fragen zu erörtern. Aber zwei Forderungen müssen wir stellen. Die gegenwärtigen Machthaber haben, in der Ueberzeugung, die Mehrheit des deutschen Volkes hinter sich zu haben, sich eigenmächtig ihre Stellung verschafft; es sollte ihr Bestreben sein, sobald wie nur irgend möglich eine deutsche Nationalversammlung zu berufen, damit der Wille des deutschen Volkes zum Ausdruck konune. Geschieht dies wider Erwarten nicht, so möge die neue Regierung bedenken, daß die deutsche Nation nicht nur aus Arbeitern und Soldaten besteht. Das deutsche Volk ist groß geworden durch das Bürgertum und die Intellektuellen, die Geistesarbeiter: die einen und die anderen von der neuen Regierung auszuschließen, wäre ein schweres und verhängnisvolles Unrecht. Mögen die Vertreter beider Richtungen in der Vergangenheit schwere politische Fehler gemacht haben, ihre Mitarbeit am inneren Wiederaufbau Deutschlands ist unentbehrlich. * Der Waffenstillstand ist geschlossen; manche seiner Härten sind beseitigt: eine Versorgung Deutschland mit Lebensmitteln und hoffentlich den so notwendigen Rohstoffen ist in bestimmte Aussicht genommen. Die Sozialisten mancher, auch der uns feindlichen Länder arbeiten darauf hin, erträgliche Friedensbedingungen für Deutschland zu erwirken. Es ist nicht ausgeschlossen, daß bald ein Präliminarfrieden zustande kommt. Die eigentlichen Friedensverhandlungen, die naturgemäß sehr lange Zeit in Anspruch nehmen, sollen um Mitte Dezember beginnen. Die Menschheit atmet auf, daß das Gemetzel zu Ende ist. Jeder menschlich Denkende wünscht von Herzen, daß nun auch im Innern sich die Veränderung unblutig vollziehe und daß nach geschlossenem Frieden in Deutschland, trotz der entsetzlichen Demütigung, die jeder Deutsche nur mit Knirschen ertragen kann, trotz der drückenden fast unerschwinglichen Lasten, unter denen jeder einzelne schwer zu leiden haben wird, eine neue Zeit erstehe. Wie richtig die oben angedeutete Vermutung ist, daß die Antisemiten den Juden die ganze Schuld an der Revolution geben werden, ersieht man aus einem Artikel der „Deutschen Wacht", Dresden 00. November). Nachdem diese Anklage unverblümt ausgesprochen, heißt es dort weiter: . „Fallen doch schon bei jeder größeren Nten'chenanmnmlung in den Hauptstädten die fragwürdigen Kulturträger aus dein Osten auf. Es sind das dieselben Leute, die in der russischen Revolution die ausschlaggebende Rolle spielen, die „fremdstärnmigen Elemente", zu denen in einem Anfall von Ehrlichkeit selbst das „Berliner Tageblatt" die Juden zählt. Denn, mn mit dem alten Dingelstedt zu reden, „dies schlaue Volk sieht einen Weg nur offen; solang die Ordnung steht, so laug hads nichts zu hoffen." Ich will dem Dresdener Blättchen nur verraten, daß der angeführte Vers nicht von Dingelstedt, sondern von Goethe ist. daß er aber nicht Goethes, sondern Hamans Meinung (im Puppenspiel „Esther") verkündet; sonst mag es die Oibigen« Ausführungen lesen und sich, wenn es dessen fähig ist, dadurch belehren lassen. * Aus Bayern wird uns geschrieben: Wiederholt wurde seit Jahren in der „A. Z. d. I." die Stellung einzelner maßgeblicher Gruppen oder gewichtiger Vorkämpfer der Zentrumspartei, besonders der praktisch mächtigsten ihrer Organisationen, der bayerischen, als unumwunden verkappt antisemitisch gekennzeichinet: eine Ansicht, die trotz greifbarer Nachweise von anderer Seite abgeleugnet wurde. Jetzt liegt nun wieder einmal ein solcher untrüglicher Beleg vor. Die illustrierte Halbmonatsschrift für Bayerns Land und Bolk, „Das Bayerland", die seit ihrem 30jährigen Bestehen sich, stets wesentliche auf einflußreiche streng katholische Kreise gestützt und nur ebensolche, in der Regel sogar ausgesprochen ultramontane Herausgeber gehabt hat, bringt im 3. Oktober-Heft von einem katholischen Geistlichen, Kooperator Peter B e r g m e i e r in Ebersberg, einen mit Nachbildungen versehenen Artikel über „Die vier Juden im Neuwirtsgarten" zu Ruhpolding", der diese daselbst im Freien stehenden alten bildhauerischen Steindenkmäber (aus dem Mirabellgarten in Salzburg vor 35 Jahren verpflanzt) nicht ohne starke Ausfälle antisemitisch! gefärbten Spottes zu beschreiben fertigbringt. Dafür diene hier nur die körperliche Charakteristik des zweiter!: „Im schelmischen, faltenreichen Gesicht sitzt eine imgemein kräftige, charakteristische Judennase. Die Ellenbogen sind nach Judenart eingezogen, die Hände dagegen seilschiend ausgestreckt. „Gott der Gerechte, bin ein ehrlich Jüd'." Darf der „Kunstfreund" so sprechen, als der der Herr Kaplan auftritt?! * In anderen Ländern geht es den Juden nicht gut. Aus polnischen Grenzorten werden mancherlei Pogrome gemeldet; Vorsteher der jüdischen Vereine und Gemeinden werden vielfach als Geiseln fortgeschleppt. Aus Rumänien werden zwar keine Gewaltmaßregeln gemeldet, wohl aber verhängnisvolle gesetzgeberische Schritte, die sich gegen die Juden richten. So lesen wir: Der Unter rickMminister Mehedi-nti hat durch einen Gesetzentwurf die Schulgebühren ans 200 Lei' jährlich für den niederere Lehrgang und 400 Leijährlich für den höheren Lehrgang festgesetzt. Die Schulbehörden können einen Prozentsatz von Schülern bestim-men, die vonden Gebühren befreit werden, und einen anderen, die die Hälfte 'der Gebühren zählen. Im Absatz über die Befreiung von den Gebühren heißt es, daß diejenigen Schüler dieser Begünstigung teilhastig werden, die „nationalen Zusammenhang und Solidarität bekunden". Diese eigenartige Klausel sowie das gesamte Vorgehen erscheine!: irrt jetzigen Augenblick als eine Verhöhnung des Grundsatzes von der Gleichberechtigung aller Nationen. Es ist daher froh zu berüßen, daß sich ein Rechtsbeistand für die rumänischen Juden gebildet hat, der alle Akten sammeln ' und auf Grund dieser Akten die nötigen Schritte unterj nehmen will. Wir wünschen diesem Rechtsbeistand besten Er-! folg. Denn so viel müssen sich die rumänischen Juden gesagt sein lassen, daß ihnen von außen nicht geholfen werden kann. Wie wenig ihnen die Ententemächte gedient haben, ist in dem Leitartikel der vorigen Nummer gezeigt, und die Zukunft wird immer mehr lehren, daß jede Nation sich selbst ihr Schicksal zu bestimmen hat. Kommt es zu einem Völkerbund, so wird dieser nicht darauf seine Aufmerksamkeit richten, wie die Glaubensgemeinschaften — denn ich bin unverbesserlich in der Ueberzeugung, daß die Juden nur eine Glaubensgemeinschast und keine Nation sind — in ben einzelnen Ländern behandelt loerden. Aber von dem Völkerbund find wir noch weit entfernt. Einstweilen wollen wir auf baldigen Frieden hoffen und froh sein, daß wir keine Kriegsberichte mehr zu lesen brauchen. Und! wir wollen aus tiefstem Herzensgründe wünschen, daß die j inneren Verhältnisse in Deutschland sich in ruhiger Weise fest j gestalten und daß es der neuen Regierung gelingen wird, die! Ordnung aufrechtzuerhalten, die Ernährung zu bessern, Roh-! stoffe einzuführen und einen Frieden unter einigermaßen er-! trüglichen Bedingungen — denn auf mehr dürfen wir leider! nicht rechnen — zu erwirken.