Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1918)
- Date
- 1918-11-22
- Page
- Seite 555 (sequence 3)
- Language
- German
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555 dem Wiederaufbau des neuen Preußen und 'des neuen Deutschland dienstbar machen, aber auch für die Kräftigung unseres (Klaubens und unserer Glaubensgemeinschaft. Und so wie einst nach Jena und Auerstädt au.f kriegerischem Gebiete ein Leipzig und Belle Alliance folgte, so können wir hoffen, daß alle ungeheuren Opfer, die wir um des äußeren Geschehens willen vergeblich gebracht haben, für die freiere und bessere Gestaltung unseres Staatslebens nicht umsonst gewesen sind. Und so wie wir dereinst nach all -den herrlichen Siegen unserer tapferen Helden ausriefen: „Es ist eine Lust zu leben", so werden wir in einem freien und glücklichen Staate die gleiche Beseligung genießen. Denn wir haben eben den herrlichsten Sieg errungen nach dem Worte des Dichters: „Sich selbst bekriegen ist der allerschwerste Krieg, Sich selbst besiegen ist der allerschönste Sieg." Sir Woche. B e r l i n , 19. November 1918. ach stürmischen Tagen ist äußerliche Ruhe eingetreten und es scheint die Aussicht vorhanden zu sein, daß die neue sozialistische Republik sich ungestört entwickelt. In ihr sind gar manche aus dem Judentum hervorgegangene oder ihm noch angehörige Männer an leitender Stelle tätig; von ihnen zu sprechen, soll unsere Aufgabe sein. So viel kann schon gegenwärtig gesagt werden, daß die Teilnahme vieler Juden an dem neuen Regiment eine Bßvinträchtigung der Juden, eine Kränkung ihrer Rechte vollständig ausschließt; die neue Zeit, in deren Anbruch wir stehen, muß, wenn nicht alles täuscht, unserer Gemeinschgft die lange vergeblich geforderte völlige Gleichstellung bringen. Eine andere Frage ist, ob nicht die auch prozentual starke Teilnahme der Juden au der neuen Regierung bei den politisch Zurückgebliebenen einen schlimmen Eindruck machen wird. Diese aller freien Entwicklung feindlichen und daher auch der Gleichberechtigung der Juden mißgünstigen Elemente, diese Leute, die von einer Vorherrschaft der Juden schon zu einer Zeit redeten, da eine solche nur in der Einbildung der Antisemiten vorhanden war, wevden nun, wie zu befürchten ist, ihre Abneigung gegen die vollzogene Umwälzung auf die Juden übertragen, sie werden sich in der falschen Meinung stärken, daß die ganze Revolution von den Juden, gemacht fei. Es ist daher nicht ausgeschlossen, daß unter den Feinden der Revolution und der Republik — denn eine solche besteht tatsächlich, da mit sehr geringer Ausnahme sämtliche deutsche Fürsten abgedankt haben oder abgesetzt sind — die antisemitische Strömung überhand nimmt. Aus -diesem Grunde inüssen wir erklären, daß die Revolution durchaus keine von Juden ausgehende gewesen ist, daß ein Zusammenwerfen von Sozialdemokratie und Judentum vollkommen ungehörig genannt werden muß. Sind auch die Begründer der Sozialdemokratie, Marx und Lassalle, Juden gewesen, so sind ihre Ausbildner und ihre große Gefolgschaft aus Christen und Juden zusammengesetzt, und das sozialdemokratische Bekenntnis ist, wenn es auch unter der jüdischen wie in der christlichen Jugend viele Bekenner zählen mag, unter den an Alter und Erfahrung reifen Juden sehr wenig verbreitet. Aus diesem Grunde müssen wir den Vorwurf, daß die Revolution von Juden gemacht sei, auf das entschiedenste zurückweisen. Wir Juden werden versuchen, wie alle Deutsche, uns in dem neuen System zurechtzufinden. Wir Aelteren werden große Mühe haben, dies zu tun; die Jugend, die zum Teil unter j der neuen Herrschaft und durch diese ihre Ideale erfüllt sieht, | wird das leichter vermögen. > Gerade an diese Jugend ergeht eine dringende Mahnung. Es wird uns von vertrauenswürdiger Seite mitgeteilt, daß einzelne Delegierte des Arbeiter- und Soldatenrates, junge Burschen jüdischen Bekenntnisses, bei ihrem Auftreten sich herrisch und übermütig gezeigt und durch ihr ganzes Gebaren das Mißfallen derer, denen sie entgegenzutreten hatten, besonders aber die Empörung ihrer eigenen Glaubensgenossen hervorgerufen haben. Es ist nun freilich begreiflich, daß die des Herrschens Ungewohnten in der neuen Rolle, die ihnen zugefallen ist, sich ungebevdig und übermütig zeigen; aber sie s-llen und müssen ihrer exponierten Stellung eingedenk sein und bleiben. Sie müssen bedenken, daß sie durch eigenmächtiges Verfahren, durch herrisches Auftreten, durch jedes ungeberbige und höhnische Wort nicht nur die Widersetzlichkeit geradezu herausfordern, sondern daß sie durch jede Ungebühr die Gemeinschaft gefährden, der sie entstammen, und feindliche Gesinnung gegen das Judentum anfachen und verstärken. Gerade diesen jungen Leuten sei Bescheidenheit, Achtung vor dem Gesetz, Enthaltung von jeder Ungebühr dringend ans Herz gelegt! Zu den Maßnahmen oder Plänen der neuen Regierung gehört die Trennung von Kirche und Staat. Eine solche Trem nung ist keine sozialdemokratische Forderung; sie ist vielmehr einer der Grundsätze jeder liberalen Richtung seit lange gewesen. Das Aufhören der Staatskirche ist ein Ereignis, dessen sich jeder freiheitlich Gesinnte von Herzen freuen muß. Scheinbar hat diese Trennung mit dem Judentum nichts zu tun; in Wirklichkeit ergeben sich daraus wichtige Konsequenzen. Auch die Verfügung, daß sämtliche Wahlen nach allgemeinem, gleich,em, geheimem Wahlrecht vorzunehmen sind, daß zu den Wahlen alle zugelassen sind, die das 20. Lebensjahr erreicht haben, ferner, daß die Frauen an solchen Wahlen teilnehmen dürfen, aktiv und passiv, kann und wird für die jüdischen Gemeinden von weittragender Bedeutung sein. Auf alle diese Dinge sei in der Wochenübersicht nur kurz hingewiesen; sie sind so wichtig, daß sie in einem besonderen Artikeldemnächst erörtert werden müssen. Aber an die Vorstände der Gemeinden, an unsere großen Organisationen sei schon jetzt die Mahnung gerichtet, sich baldigst mit solchen Fragen 31t beschäftigen. In Berlin sind die für den 19. anberaumten Wahlen zur Repräsentantenversammlung inhibiert worden; wann und wie sie vorgenommen werden, ist noch nicht bestimmt, über diese und andere in das ganze Gemeindeleben tief eingreifende Verhältnisse in der Repräsentantenversammlung verhandelt und beschlossen worden ist, finden die Leser i!n „Gemeindeboten". Was die Zionisten im allgemeinen, was sie für Deutschland i-m besonderen fordern, ersieht man aus folgender Zeitungsnotiz: Die Zionistische Bereinigung für Deutschland veranstaltete am Mittwoch eine Versammlung ihrer Berliner Anhänger, in der folgende Forderungen aufgestellt wurden: Palästina als nationale Heüystätte für das jüdische Volk; tatsächliche Durchführung der vollen Gleichberechtigung der Juden in allen Ländern; nationale Autonomie für die jüdische Bevölkerung der Länder jüdischer Massensiedelung sowie aller anderen Länder der Welt, deren jüdische Bevölkerung Anspruch auf sie erhebt; Beseitigung aller Ausnahmebestimmungen gegen ausländische Juden, insbesondere sofortige Aufhebung der in Deutschland bestehenden Grenzsperre gegen die Juden: Umwandlung der jüdischen Kultus- (Shnagogen und Religions-)Gemeinden in Deutschland in jüdische Vvlksgemeinden auf demokratischer Grundlage und unter Sicherung der Rechte von Minoritäten, sowie Schaffung eines Reichsverbandes der jüdischen Volksgemeinden als Vertretung: der jüdischen Volksgemeinschaft in Deutschland mit dem Recht der autonomen Regelung aller jüdischen Angelegenheiten. Die Versammlung begrüßte die von dem Zentralkomitee der zionistischen