Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1918)
- Date
- 1918-11-15
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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8Jahrgang Nr. 46 Berlin, IS. November 19IS Der Oemeindebote. Beilage zur „Allgemeinen Leitung de^ Judentums. LorrrsponLrn?en und Aschnchtm. E. M. Berlin, 12. November. Einen neue n W e g f i't r d i c j ü di fche W a i se nP f l e ge i n bev Großstadt schlägt die Berliner Jiddische Gemeinde «ein,. Tein empfindlichen Mangel an geeigneten Pslegestellen in jüdischen Familien in Berlin soll durch die Schaffung von Erziehungsheimen außerhalb der Großstadt abgeholfen werden. Die Beschaffung geeigneter Familienpslegestellen war schon im Frieden sehr schwierige und im Kriege haben sich diese Schwierigkeiten bedeutend vermehtt. Bersuche, geeignete Pflegestellen'ausfindig zu machen, scheiterten an der Ungunst der Verhältnisse, und es ist auch nicht zu erwarten, daß dieselben bei Eintreten normaler Zeiten bald eine grundlegende Aenderung erfahren werden. Die Pflegegeldgebühren, die bei Beginn des Krieges 30 Mark monatlich betrugen, sind im Kriege auf 40 bis 45 Mark erhöht worden: ein Betrag, der mit den Teuerungsverhaltnissen der Gegenwart nicht im Einklang steht, so daß in absehbarer Zeit mit weiteren Erhöhungen zu rechnen ist. Die Pslegegelder, welche die Stadt Berlin für ihre Schützlinge zahlt, bewegen sich auf einem wesentlich niedrigeren Niveau, weil die Stadt, welche Tausende von Kindern zu versorgen hat, von der christlichen Bevölkerung im Kriege dauernd um Ueberweisnng von Kindern ersucht wird, welche später adoptiert werden sollen. Es handelt sich hier meist um kinderlose Eheleute, die auch mit dem kleinsten Pflegegeldzuschuß zufrieden sind. Die Waisenkonunission hat sich immer bemüht, die ihr anvertrauten Kinder in jüdischen Pftegestellen unterzubringen. Dies ist leider nicht in vollem Umfange möglich gewesen, weit die Aufgaben der Kommission, welche durch die Uebernahme eines großen Teils der Pfleglinge der Samnrelvormundschast und Ueberweisnng vieler Kinder durch die Stadt erweitert wurden, stark angewachsen sind. Tie Kommission hatte angeregt, eine Anzahl von Waisenheimen in Berlin zu begründen-, in denen zehn bis fünfzehn Kinder verschiedenen Atters unter Führung eines geeigneten Leiters oder einer Leiterin eine fam-ilienähnliche Erziehungsgemeinschaft bilden sollten. Der Gemeindevorstand hat sich diesem Anträge im wesentlichen angeschlossen, jedoch mit der Maßgabe, daß die Einrichtung der Pflegestellen nicht in Berlin selbst, sondern in der Provinz, an Orten, an welchen eine jüdische Gemeinde besteht, erfolgen soll. Die Berliner Gemeindebehörden stehen bereits mit einer Provinzgemeinde in Verbindung, die ein geeignetes Haus zur Verfügung stellen will, an diesem Waisenhan-se sollen zunächst etwa 12 Knaben und Mädchen im Alter von zwei bis sechzehn Jahren untergebracht werden. Von dein Erfolge dieser ersten Anstalt wird es abhängen, ob die Einrichtung ausgebaut und auch auf andere Orte übertragen werden soll. Jedenfalls erscheint diese Maßnahme als geeigneter Schritt zur Schaffung guter Pflegestellen für jüdische Großstadtwaisen. Daß diese Pflegeheime in die Provinz verlegt werden, ist aus pädagogischen, sozialen und bevölkerungspolitischen Gründen vom jüdischen Standpunkt ans besonders zu begrüßen. fr fr Berlin, 12. November. In der letzten Versammlung des Eentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens verlas Geheimer Justizrat Dr. Eugen Fuchs das Schreiben des Führers der b irsch-Dunckerschen Gewerk vereine, Leonor L e w i n , der seine Uebereinstimmung mit der Stellungnahme des Centralvereins zum Ausdruck brachte. Das Schreiben lautet: „Zwingende berufliche Verpflichtungen verhindern mich leider, an der heutigen Kundgebung teilzunehmen und meiner völlige/! Uebereinstnnnmng Ausdruck zu verleihen mit den Bestrebungen, denen die Versammlung dienen soll. Als ein Führer einer auf freiheitlich-nationalem Boden stehenden Arbeiterorganisation, der Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine, bin ich mir der Bedeutung der Stunde voll bewußt. Ich weiß, was für unser Vaterland und die deutsche Arbeiterschaft auf dem Spiele steht, und weiß ferner, daß die Zukunft des deutschen Volkes nur dann gesichert ist, wenn alle Schichten der Bevölkerung, ohne Rücksicht auf ihr politisches und religiöses Glaubensbekenntnis, fest Zusammenhalten. Diesen Standpunkt vor der breiten Oeffentlichkeit deutlich zur Geltung zu bringen, ist auch der Zweck Ihrer heutigen Veranstaltung. Als Jude und Arbeiterführer erkläre deshalb auch ich aus innerster Ueberzeugung, daß ich es für die Pflicht jedes deutschen Staatsbürgers halte, das ehrliche Streben der Reichsregierung auf Herbeiführung eines Friedens, der mit der Ehre und der Sicherheit des Deutschen Reiches vereinbar ist, nach besten Kräften zu fördern, daß es aber weiter Pflicht jedes Deutschen ist, wenn uns durch unsere Feinde ein solcher Friede versagt wird, sich entschlossen hinter die Regierung zu stellen und alle Maßnahmen zu unterstützen, die sie im Interesse unseres deutschen Vaterlandes für notwendig hält. Ich darf dies um so leichter aussprechen, weil ich lveiß, daß ich damit nur die Auffassung aller besonnenen Elemente in der Arbeiterschaft ausdrücke, insbesondere der jüdischen Arbeiter, mit denen ich in Fühlung stehe." gez.: Leonor -Lewin, Redakteur des „Gewertvereins". er. Berlin, 12. November. Der Bund j ü d t s.ch e r A k a - d e m i k e r , die studentische Organisation der konservativen jüdischen Jugend, hat durch das Ableben, des Berliner Arztes Dr. Iwan H a r b u r g e r einen schweren Verlust erlitten. Dr. Harburger, der an den Folgen einer Infektion in einem.Seuchenlazarett gestorben ist, entstammte einer der bekanntesten Familien der hiesigen Orthodoxie. Dr. Harburger gehörte dem Präsidium des B.J.A. seit einer Reihe von Jahren an, in dem er die strengste orthodoxe Richtung vertrat. Harburger war zur Zeit der Lesehalle-Kämpfe an der Universität gegen die antisemitischen Strömungen in der Berliner Studentenschaft wiederholt mit Energie und großem Geschick ausgetreten. Die Tranerfeier für den Verstorbenen hatte eine große Schar von Leidtragenden ans den Friedhof der Adaß-Jisrool- Gemoinde geführt. Die Totenfeier wurde durch das Hazur-Tomim- Gcbet, das Oberkantvr Keiles sprach, eingeleitet. In der Gedächtnisrede f,eierte Rabbiner Tr. M u n k die große Gelvissenhastigfcit des Verstorbenen in seinem Beruf und sein jüdisches Leben. Jede freie Minute weihte er dem Thorastudinm, so daß er durch sein ganzes Leben zmn Lehrer der ganzen Gemeinde geworden -ist. Als dankbares Zeichen seiner Anerkennung verlieh das Rabbinat dem Toten noch die Morenu-Würde. Namens des Bundes Jüdischer Akademiker sprach der Amts- und Berufskollege des Verstorbenen Dr. Willi Hofmann. Er dankte dem Tahingeschiedenen für seine segensreiche Wirksamkeit!, dein der B.J.A. seine jetzigen Erfolge zu verdanken habe. Hieraus ries der Chefarzt des Seuchenlazaretts Tempelhof dem heinigeaangenen Kollegen und vorbildlichen Arzte herzliche Dankesworte auch namens seiner Patientennach. Während der Tranerwoche ist innerhalb des B.J.A. eine Iwan-Harburg er - S t i s t u ng errichtet worden, die zur Förderung des Thorastudiums in den einzelnen Ortsgruppen des B.J.A. dienen soll. W. Posen, 8. November. In Mannheim auf einer Urlaubsreise verschied der Oberarzt d. R. im Ersatzbataillon des Fußartillerieregiments 23 Dr. L. C z a p s k i, Inhaber des Eisernen Kreuzes zweiter Klasse, der jüngste Sohn von Mar Czapski und Frau Auguste, geb. Fischer, im blühenden Alter von 29 Jahren. Unter großer Anteilnahme hat die Beerdigung hier stattgefunden. Obergeneralarzt z. D. und stellvertretender Korpsarzt des V. Armeekorps R o ch s widmete dem Verstorbenen im Namen der Sanitätsoffiziere des V. Armeekorps folgenden Nachruf: ,,Der Verblichene hat den Feldzug von Kriegsbeginn an uritgemacht, bis ihn im Mai 1918 zunehmende Erkrankung zur Rückkehr zwang. Seitdem hat er sein reiches Wissen in unermüdlicher Tätigkeit nnd> großer Pflichttreue in den Dienst des Besatzungsheeres gestellt. Dem geschätzten Arzt und sympathischen Kameraden wird das Sanitätsoffizierkorps ein ehrendes Andenken bewahren." Hanptmann d. L. und Kommandeur des Ersatzbataillons des Fußartillerieregiments 23 Langer beklagte den Verlust dieses liebenswürdigen und allezeit hilfsbereiten Sanitätsoffiziers mit folgenden Worten: „Trotz seiner nur kurzen Zugehörigkeit zum Ersatzbataillon hat er es in hervorragender Weise verstanden, sich allseitige kameradschaftliche Zuneigung sowie das Vertrauen aller, die seine ärztliche Kunst in Anspruch nahmen, zuerwerben." — Homhirvg, 8. November. Die Gemeindebehörden der Deu!tsch-Jsrael.itisch!.'n Gemeinde zu- Hamburg haben zusammen mit den beiden Logen ll. O. B. B., der Berufsberatung der Juden, dem Humanitären Frauenverein und der Kommission für das Wohl-