Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1918)
- Date
- 1918-11-15
- Page
- Seite 552 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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552 Gebeten da unten etwas mechanisch und eintönig herging, itn’b sie hätte dem Vorbeter 'besser folgen können, wenn er ein langsameres Tempo eingeschlagen: doch sicherlich lag dies nur an ihrer eigenen Schwerfälligkeit, weil sie 'der Aufgabe bis jetzt noch nicht -gewachsen war. Jetzt entstand unten eine Bewegung, und die Gleichmäßigkeit des Gottesdienstes erfuhr eine Unterbrechung. Die heilige Lade wurde geöffnet, aus der der Vorbeter eine Gesetzrolle entnahm, die er hoch emporhob und unter feierlichen Gesängen nach dem Vorbeterpult trug. Dort wurde der Silberschmuck mit den seinen Glöckchen und das weiße, mit Gold bestickte Mäntelchen entfernt und die Verlesung der Heiligen Schrift begann. Die ernsten dorischen Melodien, einfach, aller musikalischen Schnörkel bar, waren ganz der feierlichen Gelegenheit angemessen. Nur empfand Ellen ein gewisses Mißbehagen bei der Störung, die durch das fortwährende Kommen und Gehen der Männer entstand. Ja, daß sogar diele bei dem wichtigsten Teil des Gottesdienstes sich ganz teilnahmslos verhielten und, wie sie aus Mienen und Bewegung schließen konnte, über gleichgültige Dinge Plauderten. Ellen blickte in das Gebetbuch, und sie sah, daß der Abschnitt, der eben vorgelesen wurde, von der Geburt Isaaks, des Sohnes Abrahams und Saras, handelte; ferner von der Vertreibung Hagars und Jsmaels aus dem Hause des Patriarchen, wie Mutter urrb Kind in der Wüste sich verirrten, durch den Beistand Gottes aber von dem Tode des Verschmachtens bewahrt blieben. Nach diesem wurde noch ein Prophetenabschnitt aus dem Buche der Richter vorgetragen, der von Hannas Kinderlosigkeit und von der Erfüllung ihres sehnlichsten Wunsches, durch die Geburt Samuels, handelt. Für Ellen waren beide Abschnitte von besonderer Bedeutung; sie erachtete es als eine günstige Vorbedingung, als eine Art Weissagung, daß gerade bei ihrem ersten Erscheinen im Gotteshause der geheiligte und erhabene Gegenstand der Mutterschaft den wichtigsten Teil des Gottesdienstes bildete. Zum ersten Male fühlte sie sich frei, um sich ohne Grübeln und ohne Nachdenken diesem Gegenstände hingeben zu dürfen. Jawohl, mit der ganzen Kraft ihrer Seele wünschte sie, des- Mutterglückes teilhast zu werden. Für sie war dies mehr als ein natürliches, menschliches Empfinden. Was für andere Frauen nur einen Zusatz, eine Vermehrung der Glückseligkeit ausmachte, war für sie eine Lebensnotwendigkeit. So sehr sie sich mit ihrem Manne eins fühlte, soviel er sie auch an seinen Arbeiten beteiligte und in alle seine Pläne und Absichten sie eingeweiht, es durfte doch kaum ausreichen, um alle ihre Empfindungen zu beeinflussen, um alle ihre Gedanken auszufüllen. Dafür gab es nur einen einzigen Faktor, wenn ihr Leben eins und unteilbar bleiben sollte: einen Sprößling ihrer gemeinsamen Liebe. Es war d-aher mehr Angst als Verwunderung, mit der sie sich die ernste Frage vorlegte, warum sie denn nicht früher daran gedacht, daß noch andere Mittel nötig werden könnten, um ihren Bund mit ihrem Gatten zu festigend Folgerichtig knüpfte sie daran noch eine andere Frage: Was aber sollte geschehen, wenn das Mittel, das ihr allein geeignet schien, doch ausbleiben solltet Bald aber drängte sich ihr wieder ein anderer Gedanke auf, der sie erleichtert aufatmen ließ. Endlich schien sich in ihrer schwerfälligen Tiefe doch eine starke Triebkraft offenbart zu haben, um sie mit göttlichen und heiligen Gedanken zu beschäftigen. Hier war ja etwas, das die Andacht weckt und zu Gott führt, um so beten zu können wie einst Hanna im Heiligtirm zu Siloah. (Fortsetzung folgt.) Svnchlaal. Hochgeehrter Herr Geheimrat! Die Frage, die Sie mehrmals hintereinander anschnitten, ob ans dem Judentum Ausgeschiedene oder gar Getaufte noch „zu uns oder zu unseren Feinden" gehören, sollte einnml, da diese Dinge durchaus nicht so einfach liegen, fern von Leidenschaft, Parteihaß und vorgefaßten Gefühlsregungen, ruhig und sachlich, mit wissenschastl-icher Nüchternheit — möchte ich beinahe sagen - untersucht werden. Auf den ersten Blick erscheint es fast paradox, diejenigen zu lMs zu rechnen, die sich absichtlich, vorsätzlich und geflissentlich von uns 'lvsgesag-t haben. Man sollte meinen, daß der deutlich und unmißverständlich betonte Wille der Getauften keiner weiteren Erläuterung bedürfe und respektiert werden müßte, zumal bei vielen die Erwähnung in jüdischen Blättern peinliche Empfindungen auslösen wird. Nekrologe gar würden sich die meisten sicherlich energisch verbitten, wenn das eben noch möglich wäre. Allein jedes Ding hat zwei Seiten, und auch dieses Ding läßt sich von einem ganz anderen Standpunkt aus betrachten. Wir tun den Exjuden wohl kein Unrecht, wenn wir ihre Leistungen und ihre Werke auf unsere Berdienstseite bruchen. Sie gehören nun einmal dem jüdischen Stamme an, haben aus seinem Mark ihre Kräfte und tiefsten Anlagen gesogen und sind, bewußt oder unbewußt, oft unmittelbare Produkte jahrtausendealter jüdischer Geisteskultur und Gemütspflege. Die abgefallenen Zweige und Blätter haben aus denselben Wurzeln ihre Nährkräfte gezogen wie die noch festsitzenden. Ja, ihre Abstammung erklärt in vielen, wenn nicht in den meisten Fällen ihre geistige Svnderart, die ohne sie gar nicht zu verstehen wäre. Der unermeßliche Beitrag, den das Judentum zur Menschheitskultur geliefert hat und noch weiter liefert, wäre mangelhaft und voller Lücken, wollte man diejenigen aus der Rechnung streichen, vle, jüdischem Boden entsprossen und ihm oft ihre Eigenart verdankend, später in schnödem Undank dein- Judentum den Rücken kehrten. Wir sind, zumal cs des Fallobstes so viel gibt, um unserer selbst willen gezwungen, die Geschiedenen in unserer Liste weiterzuführen, obwohl sich auch Empfindungen melden, die das Gegenteil ratsam erscheinen lassen. Es geschieht -- wie gesagt nicht der Getauften, sondern unferetwegen, wenn wir von ihrem Wirken und Schaffen Vermerk nehmen. Was nun Fritz Mauthner betrifft, so versteht er es vortrefflich, seiner jüdischen Vergangenheit eine Dosis Judenseindlichkeit beizumischen, die ihn den Judenfeinden aller Zeiten ebenbürtig an die Seite setzt. Aus einer Sammlung von Rückäußerungen über die Judenfrage, die der eingegangene jüdische „Generalanzeiger" veranstaltete. hat sich mir wegen ihres judenfeindlichen Kolorits keine so fest und tief ins Gedächtnis gebohrt wie die Fritz Mauthners, trotzdem Antisemiten vom reinsten Wasser unter den Ausgefragten vertreten waren. Fritz Mauthner riet den preußischen Behörden, die Ostgrenze für die polnischen Juden luftdicht abzusperren; dann werde es in Deutschland keine Judenfrage mehr geben, weil es in sehr absehbarer Zeit dann keine Juden mehr geben wird. Diese durchaus folgerichtige Logik hat mit den Pharaonischen Maßregeln zur Ausrottung der damaligen Juden eine verzweifelte Ähnlichkeit. Ergebenst Bernhard T r a u b e n b e r g. * Im März d. I. erging durch die jüdischen Blätter die Warnung vor einer Frau in Worms, die bei jeder Gelegenheit jüdische Familien durch Bettelbriefe belästigt. Nachdem diese Warnung anscheinend nichts geholfen hat, stehen wir nicht an, mitzuteilen, daß es sich um Frau Clara Meier, Worms, Lmdwurmstrahe 10, handelt. Wie schon früher mitgeteilt, halten sich von den zehn Kindern, auf die sich die Gewohnheitsbittstellerin, deren Mann sich in guten Erwerbsvorhältnissen befindet, beruft, die drei unbeschäftigten erwachsenen Töchter im Hause auf. Sollte eine Notlage eintreten, so würde die jüdische Gemeinde, wie in früheren Fällen, helfend einspringen. B e r l r n , 12. November 1918. Deutsch e Z e n t r a 1 st e l l e f ii r j ü.d i s ch e W n nbierar m e n f ü r s o r g e.