Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1918)
- Date
- 1918-11-15
- Page
- Seite 551 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Übersetzung gedruckt sind, der - Oeffentlichkeit zu übergeben, begleitet von einem Abriß seines Lebens und Wirkens, für den sich leicht ein Bearbeiter finden würde. Gab der Vortrag selbst reichlich Gelegenheit, Karpeles als Redner zu bewundern, so verstärkte sich dieser Eindruck noch, weint nachher ein Bankett die Teilnehmer an der Veranstaltung vereintem Hier Pflegte, nach mehr oder minder gut gemeinten und gelungenen Ansprachen, in denen es an Anerkennung für den Redner nicht fehlte, schließlich Karpeles selbst sich zu erhebet, und alle Blicke hingen an dem durchgeistigten Antlitz des Mannes, dessen gütige und ausdrucksvolle Augen mit einem unverkennbaren Anflug von Schelmerei über die Tafelrunde schweiften. Wie verblaßte jetzt alles, was 'vorher von den Festteilnehmern gesagt worden war! In improvisierter, der Situation und den vorher gesprochenen Reden meisterhaft angepaßter Form wußte er geschickt von seiner Person zur Sache überzugehen; mit blitzendem Geist und funkelndem Humor, dem aber der ernste Hintergrund nicht fehlte, mit einer geradezu bewundernswerten oratorischen Sicherheit und einer nie versiegenden Fülle der glücklichsten Einfälle bewirkte er, daß die Herzen der, Hörer ihm zuflogen und alles in tiefer Bewegung fühlte, daß man diesen Mann bewundern müsse und lieben, aber zugleich, daß die Seele dieses Mannes von einem heiligen Feuer erfüllt sei, dessen Glut selbst die Nüchternsten ergriff. - Es war Gustav Karpeles nicht vergönnt, sein Leben auszuleben und im Greifen-alter die Früchte reifen zu sehen, die er in unermüdlicher und selbstloser Arbeit gepflanzt hatte; gleich dem großen Lehrer seines Volkes durfte er das Land der Verheißung nur in der Ferne erblicken. Doch ist es ihm erspart geblieben, das grauenhafte Werk der Zerstörung schauen zu müssen, das unsägliche Leid mitzusühlen, das über die Kulturwett hereinbrach und auch Israel, dem ewigen Dulder unter den Völkern, neue und furchtbare Prüfungen auf-erlegt hat. Wenn aber die Tage des Wiederaufbauens und der seelischen Erneuerung kommen werden, dann wird auch Gustav Karpeles' Name wieder genannt werden; denn zuversichtlich darf man erwarten, daß diejenigen, für die er so vieles geleistet, zu denen er so oft und gern gesprochen hat, sein Gedächtnis als ein lebendiges bewahren und ehren werden und daß wenigstens in den Kreisen der deutschen Juden — um es mit den schönen Worten des antiken Geschichtschreibers zu sagen - , „was wir an ihm geliebt, was nur an ihm bewundert haben, bleibt und bleiben wird". ff Jedem das Seinige. l -JO. Forts.) Roman von M. P u lv e r m a n n. ätte Ellen nicht die Begleiter an ihrer Seite, so hätte sie sich einbilden können, daß sie sich auf dem Wege zur Markthalle befinde. Artur hatte recht: es wäre besser, wenn sie noch etwas länger zu Hause verweilt. Aber sie nahm sich zusammen und richtete sich energisch auf. Fort mit der trügen einschläfernden Ruhe! Sie mußte alle Erinnerungen an die Vergangenheit anslöschen, ihr Herz sollte jetzt wie ein iveißes, unbeschriebenes Blatt sein, um die kommenden Ereignisse deutlich einzeichnen zu können. Mutig imb entschlossen überschritt sie die Schwelle des Gotteshauses. Chaje Rachel führte sie die Treppe hinauf, zu den: Frauenabteil, wohin Ellen ihr willig folgte, da ihr der Brauch bekannt war, daß Frauen und Männer gesondert beten. Klaßner hatte ihr von dem Ausruhr und von der Aufregung der frommen Juden erzählt, als einige Reformer dieses Ueberbleibsel orientalischer Sitte abschaffen wollten. Für Ellen hatte die Sache weiter kein Interesse; was lag daran, daß die Geschlechter getrennt beten müssen, wenn sie nur überhaupt beten! Sie wurden beide zu Plätzen in der ersten Reihe geführt, zu denen sie durch Klaßners ehrenamtliche Stellung berechtigt waren. Einige Frauen waren bereits anwesend, und Ellen bemerkte den kampfbereiten Blick in den Augen ihrer Schwiegermutter, aus dem aber doch Stolz und Befriedigung leuchtete, womit sie das neugierige Anstarren der Anwesenden begegnete. Es war natürlich, daß die vornehme, feingekleidete ehemalige Christin großes Aufsehen im jüdischen Gvtteshause erregte. Ellen vermochte Artur im Männerraum zu sehen imb sie erwiderte sein Lächeln, mit dem er sie von unten begrüßte. Der Raum war groß und luftig, die Wände sauber und weiß getüncht. In der Mitte sah Ellen das Vorbeterpult, nach Osten gerichtet, und an der Ostwand bemerkte sie die heilige Lade, wo die Gesetzrollen aufbewahrt wurden, von einem prachtvoll gestickten Vorhang bedeckt. Was aber ihren Blick besonders fesselte und was ihr sofort in die Augen siel, war etwas, das in einem Gotteshause ein wenig befremdlich wirkte. An der gegenüberliegenden Wand war auf schwarzem Grund ein goldenes Wappen gemalt, das Ellen nicht unbekannt vorkam, da sie ein ähnliches bereits irgendwo gesehen haben mußte. Darunter war eine Tafel mit folgender Inschrift: „Dieses Gotteshaus wurde im Jahre 5603 von französischen Flüchtlingen erbaut und im Jahre 5658 zu einen: jüdischen Tempel umgebaut und dementsprechend neu eingeweiht für den »Verein der Säulen des Gesetzes und Hüter der Sabbatweihe'." Ellen erinnerte sich, daß ihr Gatte eine Ueberraschuag für sie angedeutet, die ihrer hier werden sollte, und sie fühlte sich tatsächlich über das eigenartige Zusammentreffen sehr überrascht, da sie doch ebenfalls ein Nachkomme jener Flüchtlinge war. Es hatte >für sie noch ein besonderes historisches Interesse, da sie doch wußte, daß ihre Vorfahren, nach der Beseitigung des Gesetzes von Nantes, mit blutendem Herzen das geliebte, aber lieblose Vaterland verlassen mußten und nach allen Weltteilen sich zerstreuten. Ihre Vorfahren hatten also auch hier gebetet und gearbeitet, und es war leicht denkbar, daß Menschen, die Beten und Arbeiten als schönste Gottesgaben erachteten, überall ihre Spuren hinterlassen mußten, wo sie sich angesiedelt. Ein wenig beschämt, wie ein Kind, das bei einer Unart ertappt wird, daß sie sich so hatte ablenken lassen, nahm sie sich jetzt mehr zusammen, um den Vorgängen da unten besser folgen zu können. Müßige Betrachtungen anzustellen, war durchaus nicht angebracht, um sich für Großes und Erhabenes vorzubereiten, das für sie bald erfolgen sollte, das der Schlußstein für ihren Lebensban werden mußte, um ihrer Seele wieder eine Weihe zu verleihen. Und die. Beschämung gestaltete sich zu einer Verachtung gegen sich selbst, da sie bereits eine Viertelstunde in: Gotteshause sich befand, ohne daß das Bedürfnis zu beten sich bei ihr bemerkbar gemacht, ja, ohne recht zu empfinden, daß sie zum Beten hergekommen fei. Hastig griff sie nach dem Gebetbuch und richtete ihre Blicke auf die von Clhaje Rachel anfgeschlagene Seite. Langsam las sie die erhabenen Sätze des Morgengebetes, die Lobeshymnen für den Schöpfer des Weltalls, die heiligen Psalmen, die ihr gut bekannt waren, und die Dankgebete für den himmlischen Vater, der Israel zu seinem Sendboten erwählt hatte. Freilich schien es ihr, daß es bei diesen Herz und Seele erhebenden