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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-11-15 · Heft 46 (15.11.1918) · p. Seite 550

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 46 (15.11.1918)
Date
1918-11-15
Page
Seite 550 (sequence 10)
Language
German
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Es wird wenige Menschen gegeben haben, die bei allen, die sie kannten, einen derart einheitlichen und harmonischen Eindruck hinterließen, wie Gustav Karpeles. Ich kenne keinen, der seiner mit Abneigung oder gar mit Haß gedenken würde, wohl aber ist die Zahl derer groß, die sein Bild noch heute mit liebevollem Gedenken im Herzen tragen. Denn er war ein Mensch, der keinem wehe, aber vielen guttiin wollte und dessen Anwesenheit allein schon hingereicht hat, um eine 'herzerfreuende Stimmung zu verbreiten. Ihm war zu eigen, was (so oft davon gesprochen wird) dennoch so selten wirklich zu finden und so schwer zu definieren ist: eine Persönlich^ feit und zudem eine b e f r e i e n d e und beglück e n d e Persönlichkeit. Anderen, die diese Note der Persönlichkeit besitzen, gebricht doch das leichtbeschwingte, das Herzengewinnender es ist gewissermaßen eine schwere und ernste Note, eine Note in Dur, die bei ihnen vorherrscht. Bei Karpeles dagegen hatte jeder, der auch nur kurze Zeit mit ihm beisammen war, die Empfindung einer genialen Leichtigkeit und Freiheit. Er war, man möchte sagen, frei von Erdenschwcre, ein Mann, dessen ganzes Wesen nicht an der schweren Scholle hastete, soüdern hinaufführte zu helleren und freieren Regionen. Nicht, daß er ernste Dinge leicht genonuuen hätte sein Feuereifer für die Sache des Judentums bezeugt deutlich genug das Gegenteil , aber er wußte auch die schwierigsten Probleme mit frischem Temperament, Feingefühl und Geist zu behandeln und dem nüchternsten Thema den Zauber der Grazie zu verleihen. Die souveräne Leichtigkeit seines Schaffens, die allein seine immense Arbeitsleistung aus so verschiedenen Gebieten zu erklären vermag, mußte jeden, der das Glück hatte, ihn am Werke zu sehen, in Staunen setzen. Ein Meister des Gesprächs, von einer Sicherheit des Auftretens, die etwas .Königliches an sich hatte, konnte Karpeles, wenn er wollte, die Stunden, die man in seiner Gesellschaft zubrachte, zu einem unvergeßlichen Genuß gestalten. Es kam ihn: dabei zugute, daß er über einen ungewöhnlich reichen Schatz von Erinnerungen ernster Und heiterer Natur verfügte. Hatten ihn doch seine angesehene Stellung in der literarischen Welt, seine vieljährige Tätigkeit als Redakteur Breslauer Tageszeitungen, dann, der „Westermannschen Monatshefte" und endlich der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" sowie das gastfreundliche Haus, das seine Gattin, eine Dame von höchster Bildung und erlesenster Kultur, in Berlin führte, mit vielen prominenten Persönlichkeiten nicht allein aus Schriftstellerkreisen zusammengesührt. Sein vorzeitiger Tod ist auch darum tief zu bedauern, weil die deutsche Literatur dadurch um ein fesselndes Memoirenwerk ärmer geworden ist. In Worte läßt sich Gustav Karpeles' Eigenart kaum recht fassen: es war die äußerst glückliche und äußerst seltene Verbindung eines leuchtenden, aus dem tiefen Born reinster Menschlichkeit geschöpften Humors, eines im besten Sinne echt jüdischen Witzes, mit Begeisteruugsiähigkeit, herzenswarmer Güte und adeliger Weltanschauung. Noch weit über die Jugendzeit hinaus konnte sich feine sonnige Naturanlage bis zur übermütigen Lustigkeit urtb schalkhaftem Mutwillen steigern. Wohl haben schließlich schwere Schicksalsschläge und die Heimsuchungen einer bösartigen .Krankheit seinen Frohsinn umschattet ist es doch, als ob die alte griechische Anschauung zu recht bestünde, daß ein Uebermaß von Lebensfreude und seelischer Heiterkeit den Sterblichen nicht gegönnt sei! , aber äußerlich blieb die unwiderstehliche Anmut und Lebhaftigkeit seines Wesens die gleiche, und noch fast unmittelbar vor seinem -Hinscheiden haben Freunde köstliche Stunden in seiner' Gesellschaft verlebt. Gustav Karpeles bedurfte immer einer Idee, für die er sich begeistern konnte. Sein warmes, nach Enthusiasmus verlangendes Gemüt fand einen eigenartigen Gegenstand in Heinrich Heines wunderbar komplizierter Dichterpersönlichkeit, einen größeren und würdigeren im I u d-e n t u m. Von Vater- und Mutterseite der Abkömmling alter Rabbinerfamilien, die wohl aus Deutschland nach Mähren eingewandert waren, verkörperte er allein schon in seiner Person und nicht minder in seinem Schaffen und Wirken die Vermählung des deutschen mit dem jüdischen Geiste zu geläuterter Harmonie, die nur denen unerreichbar dünkt, die von beidem nichts an sich haben. Er hat im Gespräche oft betont, daß er sich als T e u t s ch e r und als I it b e fühle, und in der Tat war sein ganzes Wesen erfüllt von deutschem Idealismus, deutschem Pflichtbewußtsein und deutscher Tüchtigkeit, aber zrkFleich beseelte ihn die tiefe Innigkeit und Pietäb des jüdischen Gemütes, der sich die scharfe Beobachtungs- und Auffassungsgabe, des jüdischen Ingeniums und der geist- und gefühlsvolle jüdische Humor zugesellten. Was er in sich selbst verkörperte, das wollte er zum Gemeingut aller machen: mit recht erkannte er in der Vergeistigung und Veredelung des heutigen Judentums, in dem Zurückgehen auf die erhabenen Quellen seiner Größe und zugleich in der Aufnahme der edelsten Elemente der deutschen Psyche die wirksamste Methode im Kampf gegen die wüste Barbarei des Antisemitismus. Es kann nicht die Aufgabe dieser Zeilen sein, auseinander' zusetzen, was Gustav Karpeles für das Judentum bedeutete, dessen Literatur in ihm ihren ersten und zugleich den glänzendsten imb liebevollsten Darsteller gesunden hat. Wiederholt ist in diesen Blättern bereits gesagt worden, wieviel die Wissenschaft des Judentums Gustav Karpeles verdankt, und noch ist in aller Erinnerung, mit welch nimmermüdem Feuerecker er au der Seite gleichftrebender Genossen für diese von ihm rnitbegründete Disziplin einen Mittelpunkt geschaffen hat ut( der „Gesell s ch a f t z u r F ö r d e r it u g der W i s s e n - sch a ft des Judentums" und einen weiten Wirkungskreis in den „V e r e i n e n f ü r j ü d i s ch e G e s ch i ch t e u n d Literatu r", von denen er einen großen Teil selbst ins Leben ries. Vielleicht haben die schwierigen, von Aufregungen und Widerwärtigkeiten keineswegs freien organisatorischen Arbeiten, die zum guten Teil ans ihm lagen, die vielen Agitakions- und Borkragsreisen, die er im Dienste dieser Sache unternahm, endlich die werktätige und nicht.selten allsopfernde Hilfe, die er seinen bedrückten Glaubensgenossen (namentlich denen ans dem russischen Osten) jederzeit zuteil werden ließ, sogar einen Anteil an dem tückischen Leiden, das ihn allzufrüh seinen Freunden und dem Judentum entreißen sollte. - Faszinierend wie als Mensch und im geselligen Verkehr rvar Karpeles auch als Redner. Schorr die äußere Erscheinung des hochgewachsenen, schlanken, in seiner Jugend ungewöhnlich schönen Mannes, die vornehme Unbefangenheit seines Allftretens gewannen die Versammlung. Nach der Art großer Redner begann er zumeist in leicht lässiger Weise, mit seinen Mitteln hallshaltend, bis er allmählich zur vollen Höhe rhetorischer Kunst emporstieg. Sein klangvolles, modnlationsfähiges Organ, das an jenes seines Vaters, des hervorragenden Kanzelredners Elias Karpeles, erinnerte, wußte den Ton der flammenden Begeisterung llnd der zum Herzen sprechenden Gemütswärme ebenso sicher zir treffen wie den des Ho.mors llnd der geistvollen, sein Pointierten Causerie; sein schwungvoller, von poetischem Schinuner llmglänzter Stil, der ihm den Rlls eines der besten deutschen Stilisten eingetragen hat, kam natürlich allch in den Vorträgen zur Geltung. Es wäre, so will es mir scheinen, wohl eine Tankespflicht des deutschen Jndentllms, die formvollendeten Reden un.d Vortrüge dieses uneigennützigen Vorkämpfers der jüdischen Sache, die größtenteils im Manuskript vorhanden, zrun Teil in englischer

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