Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1918)
- Date
- 1918-11-15
- Page
- Seite 548 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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548 Taufe und Mischehe ihr Bestand verringert wird. Abfall und Mischehe lassen sich nur durch ideelle Beeinflussung der Jugend bekämpfen. Ehelosigkeit und Spätehe dagegen stehen in so engem Zusammenhang mit Fragen wirtschaftlicher Natur, daß ihre Bekämpfung zugleich durch Maßnahmen einer praktischen Bevölkerungspolitik möglich ist. Im Interesse des Bestandes und der gesunden sozialen Entwicklung der jüdischen Gemeinschaft hat sich deshalb der Jüdische Frauenbund die Aufgabe gestellt, die Frühehe unter den Juden mit allen Mitteln zu fördern. Er will Mädchen und jungen Männern, bei denen der Wille zur Ehe vorhanden ist, aber die wirtschaftlichen Verhältnisse die Gründung eines Hausstandes nicht erlauben, zu den erforderlichen Mitteln verhelfen: den Mädchen zur Aussteuer, den Männern 311 dem kleinen Kapital, dessen Handwerker, Beamte, Lehrer und Gewerbetreibende, kaufmännische und Hausangestellte usw. zur Begründung einer Häuslichkeit benötigen. Ungeheure Summen sind zur Ausführung dieses Planes erforderlich, die aber unmöglich auf privatem Wege zu beschaffen sind. Der Jüdische Frauenbund wendet sich deshalb mit einem neuen Gedanken und mit einer leicht erfüllbaren Bitte an alle jüdischen Frauen und Männer, an die Vormünder, Nnterstützungs-, Stistungs- und Lehrlingskassen, die Waisen- und Erziehungsanstalten, an alle, die subjektiv oder objektiv an dieser Lebensfrage des jüdischen Volkes interessiert sind. Es werden vielfach in Sparbüchsen und Sparkassen für Knaben und Mädchen kleine Beträge zurückgelegt: diese Sparbeträge können durch den Jüdischen Frauenbund in der Form einer Volksversicherung bei einer großen Versicherungsgesellschaft angelegt werden. Der Volksversicherung liegt die übliche Form der Lebensversicherung zugrunde. Kinder bis zum vierzehnten Jahre können auf eine Reihe von Jahren mit kleinen wöchentlichen Beiträgen (von 10 Pfenniq bis 2 Mark) versichert werden. Das eingezahlte Kapital selbst kommt, wie bei jeder Versicherung, dem Versicherer als Rückzahlung zugute. Nur aus den Zinsen der eingezahlten Versicherungsbeiträge und der dem Bunde von der Versicherungsgesellschaft gewährten , besonderen Provision bildet die Frühehekasse des Bundes eine Rücklage. Von den Wohlhabenden wird nur das geringe Opfer gefordert, ans die Zinsen des kleinen einzuzahlenden Kapitals zu verzichten. Für Minderbemittelte bedeutet die Bolksversicherung eine 1 Art Sparkasse, deren Betrag der Jüdische Frauenbund bei ihm ge- > eignet erscheinenden Füllen aus seinem Frühehefonds erhöht. Wähj rend die Persicherungsgesellschaft jedes Kind ohne ärztliche Unterj suchung aufnimmt, ist der zu erwartende Betrag von der Früh ehe- § lasse an zwei Bedingungen geknüpft:! 1. daß beide Ehekontrahenten Juden sind, 2. daß beide Teile ein Gesundheitsattest beibringen. pus und über Oalssting. II. B e r t i n, 12. November 1918. ei den unerhörten weltgeschichtlichen Umwälzungen, unter denen wir leben, leiden und doch hoffen, ist das Schicksal und die Zukunft Palästinas klein und unbedeutend. Trotzdem wollen wir die eben erst angesangene Serie von Mitteilungen nicht unterbrechen. Wir geben daher im folgenden die wenigen Nachrichten, die uns in der Berichtswoche zugegangen sind. E i n t ü r t i s ch e r P 0 l r 11 k e r ü b c r d> i e P a l ä st i n a f r a g e. Ju der „Kölnischen Zeitung" schreibt dem Jüdischen Korrespondenzbureau im Haag zufolge der bekannte türkische Politiker Emir Schekib Arslmr: „Tie mohammedanische Mehrheit der syrischen Bevölkerung ist für eine ständige Einheit zwischen Türken und Arabern, aber unter einer Herrschaft, die ihnen gestattet, sich entsprechend ihren Anlagen und ihrer Tätigkeit 311 entwickeln und vorwärts zu schreiten. Diese Ansichten haben sich im verflossenen Jahre noch verstärkt, und zwar ans folgendem Grunde: Tie englischen politischen Agenten, die nach dem Vordringen der englischen Truppen die Araber zu bearbeiten hatten, spiegelten diesen die vielfachen Wohltaten vor, deren sie dank England teilhaftig würden: sie, die Engländer, Hütten keine andere Absicht, als die Araber von der türkischen Herrschaft zu befreien, um ihnen alsdann vollkommen freie Hand bei der Regelung ihrer eigenen politischen Verhältnisse zu lassen. Alles, was England verlange, sei ein einfaches Bündnis. Aber kaum hatten die Engländer wirklich festen Fuß in Mesopotamien und in Palästina gefaßt, so machte sich auch die bekannte englische Anmaßung in zweifacher Weise geltend: die Engländer sprachen von der Notwendigkeit der Angliedorung imfo der Kolonisation. Damit war es mit der englischen Propaganda bei den mohammedanischen Arabern aus. Heute gibt es nicht einen einzigen arabischen Mohammedaner mehr, der aufrichtig den Sieg der Engländer wünscht, weil er eben dessen durchaus gewiß ist, daß mit einem solchen Sieg der Untergang der islamischen und arabischen Macht eine beschlossene Sache wäre. Selbst der Scherif Hussein von Mekka und seine Söhne — die ja keiner den vollkommenen Sieg Deutschlands wünschen, da dies den Türken ermöglichen würde, sie als Verräter zu züchtigen —selbst diese haben höchste Besorgnis übet die Möglichkeit eines vollkounnenen Sieges Englands. Ein mohammedanischer Scheich, der mit einem Sohne des Scherifs, mit dem sich bei Akkaba aushaltenden Scherif Faisal, eine vertrauliche Unterredung hatte, erzählte, Faisal hätte ihm zugegeben, daß England der Feind sei, und zwar der allergefährlichste, aber er behauptete, zu der von seinem Bater befolgten Politik durch die Umstände gezwungen zu sein, um ein noch größeres Uebel zu vermeiden. Was die christlichen und jüdischen Syrer angeht, so verhält es sich mit diesen gänzlich anders. Die Juden in Palästina erhoffen und erwarten natürlich die Wiederherstellung des Reiches des Königs David, und man kann ihnen die Schwierigkeit der Verwirklichung dieses Traumes nicht klarmachen, weil sie die Versprechungen englischer Politiker gehört haben. Sie sind also für die englische Sache gewonnen, und für mich besteht darüber kein Zweifel, daß alle Zionisten, wo immer sie auch wohnen und werben mögen, den Engländern allen Erfolg in Palästina wünschen. Im allgemeinen kann man sagen, daß die den Türken so peinliche Besetzung Palästinas durch die Engländer den Erfolg gehabt hat, daß die Türkei wieder die Sympathie der arabischen Welt gewann, die ihr i n fo lge der en gli schen Ränke ver loren zu gehen drohte. Di e Araber haben jetzt begriffen, welche Zukunft ihnen in Palästina beschieden sein würde, wenn England dort der Herr bliebe. Deshalb sind sie heute für die Türkei und für Deutschland. * Dem „Israelitischen Wochenblatt für die Schweiz" entnehmen wir folgendes: I e r u s a l e m als jüdisches V e r t a g s z e n t r u m. Im Zusammenhang mit der Universität wird ein Vorschlag in Palästina und im Auslände eifrig besprochen, und es ist zu erwarten, daß derselbe bald nach dem Kriege verwirklicht werden wird. Es handelt sich um eine „Stadt des Buches" neben dem Platze, der für die Universitätssiedlung reserviert ist. Man will da nämlich die ganze hebräische Buchdruckindustrie allmählich zusammenbringen, um von dort aus die ganze Diaspora mit jüdischer Literatur, geistlicher sowie weltlicher, zu versorgen. Vor dem Kriege wurden Tälmudausg,allen, R-abbinika und Gebetbücher in einer Anzahl von Millionen jährlich verkauft. Die Hauptverlag,sorte waren Warschau und Wilna, diese aber scheint der Krieg zugrunde gerichtet zu haben, daher könnte Jerusalem die überlebenden Facharbeiter zusammenbringen und verwenden. Wenn man die profane und besonders die Erziehungsliteratur auch hinzusügt, deren Nachfrage in der ganzen Welt täglich wächst, sieht man die Möglichkeit der Schaffung einer blühenden Industrie, die viele Taufende von Familien, beschäftigen und den Einfluß Jerusalems, in der jüdischen Renaissance überall stärken könnte. Die obige Nachvicht begrüßen wir mit einer gewissen Freude. Noch sind ja «die Ereignisse so völlig ungeklärt, daß sich Entschlüsse für die Zukunft schwer oder gar nicht fassen lassen. Aber der Gedanke, Palästina zu einer Art geistigen Zentrums für hebräische Literatur werden zu lassen, ist wert, gedacht zu werden. Wenn alle die Kräfte, die in russischen und polnischen Städten in hebräischen Druckereien tätig waren, frei werden, wenn die fleißigen, arbeitsgewohnten Menschen sich nach Palästina wenden, so könnte dort -eine neue Industrie erblühen, die segenspen-dend wirkt. Das ist eine Aufgabe, die verheißungsvoll erscheint. Dann 'würde die Verkündung, daß von Zion die Lehre ausgeht, sich in neuer und anderer