Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1918)
- Date
- 1918-11-15
- Page
- Seite 546 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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—-546 wehren; wir wollen den Wunsch, ja das heiße Gebet im Herzen tragen und aussprechen: Gott schütze, erhalte lind erhöhe unser teures, geliebtes Vaterland. * Noch bevor diese totale Umwälzung geschah, ist am 9. November, mittags 1 Uhr, einer der trefflichsten Männer, der zu den Unseren gehörte, Generaldirektor Ballin, gestorben. Das „Berliner Tageblatt" widmet ihm folgenden Nachruf: Als Lohn eines kleinen Hamburger Reeders am- 15. August 1857 geboren, war Albert Ballin nach Vollendung seiner kaufmännischen Lehrzeit nach England gegangen, wo sich ihm die Maßstäbe für Welthandel und Weltverkehr bildeten. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland trat er als Passageagent, später als Eh es des Passagierdieuües in die Hamburger Euro-Linie ein, die damals einen Ratenkrieg gegen die älteste Hamburger Amerika-Reederei, die Hamburg-Amerikanische Paketsahrt-Aktien-Gesellschaft, führte. Das Ergebnis dieses Kampfes, der Ballin schon damals nicht nur als den bedeutenden Organisator, sondern als den großen Tattiker zeigte, war für ihn ein durchschlagender Erfolg aus sachlichem und persönlichem Gebiet. Die Caro- Linie nnirde dann von der Hambnrg-Amerika-Linie übernonnnen. und Ballin selbst trat in die Direktion der Hambnrg-Amerika-Linie ein, deren Generaldirektor er später wurde. Er schuf dann in seiner neuen Tätigkeit eine Kombination von Tracht- und Personenschiffahrtsunternehmen, wie sie sonst nirgends in der Welt erreicht worden ist. Es ist ihm gelungen, die großen Lchissahrtsgesellschaften der Welt in sogenannte „Pools" zu vereinigen, die bei aller Erhaltung der Individualität, der Verkehrs- und Expansionspolitik der einzelnen Unternehmungen doch einen ruinösen Wettbewerb verhinderten. Als schließlich Ballin aber kurz vor dem Kriege erkannte, daß die zunehmenden nationalistischen Gegensätze in der Welt die Grundlagen, auf denen Jene „Pools" geruht hatten, zu lintergrabeu drohten, trug er keinen Augenblick Bedeuten, sie preiszugeben und statt ihrer eine festere und straffere Konsolidierung der deutschen Schiffahrt durch bcn Zusammenschluß seiner beiden Spitzen, der Hapag und des Norddeutschen Lloyd, zu einer I u ter ess eu gerne ui f cha f t herbeizusühren. Während der letzten Zeit des Krieges widmete er sich Arbeiten zur tteberleitiing der Kriegsin die Friedenswirtschaft. Nun ist es ihm nicht mehr vergönnt gewesen, seine Plane zu verwirklichen. * T. W. Zn dieser Stunde kann ich mir mit einem kurzen Wort von deur Freunde Abschied nehmen, der so unerwartet diese wirre Welt verlassen hat. Ich möchte alles an Wehmut, Liebe und Verehrung hineinlegen, was sich in einem Worte zusammenfügen läßt. Ballin war einer jener geistig großen und ganz von Güte erfüllten Menschen, die nran nur in seltenen Glücksstnnden auf seinem Lebenswege trifft. Er war einer der klarsten Geister, die Tentschland besaß. Es ist ein Unglück für das Land, daß fein Rat verschmäht, sein politisches Verständnis nicht in der rechten Stunde ausgenutzt worden ist. Er gehörte zu den wenigein die seit langem die Katastrophe kommen sahen. Im Juli 1914 ging er, während der Krise, nach England, wo er mit Grey und Asqnith sprach. Vergeblich bemühte er sich, den Sinn der Blinden in Berlin nuszuhellen. Er warnte mit all seiner Sachkenntnis vor dem Unterseebootkrieg und dein Bruch mit Amerika. Er hat ebenso vergebens, auch später noch, den Kaiser gewarnt. Die Elique, die den Ansschlag gab, widmete ihm ihre Abneigung und hielt ihn fern. Alles ist eingetragen, was er prophezeit hat, und fein Herz hat die Berwirklichuug dieser Voraussagen nicht zu ertragen verinocht. Es ist unendlich traurig für feine Freunde, daß fein kluger Mund nie wieder zu ihnen sprechen ward. Es ist in diesem allgemeinen ungeheueren Zusammenbruch ein unsagbarer Verlust, daß auch dieser wundervolle Alaun unter der Last der Eindrücke zusanunengebrochen ist. > Auch ein anderer Mann, der berufenschien', in den neuen Verhältnissen in Deutsch-Oesterreich eine bedeutende Rolle zu spielen, Viktor Adler, ist am 11. November in Wien plötzlich gestorben. Während die ungeheuren Ereignisse, von denen am Anfang dieser Uebersicht die Rede war, sich vollziehen, wird der w ästest e Antisernrtis m ü s gepflegt. In demselben Augenblick, in dem ich. die Kunde lese, daß das Haus Wittelsbach abgesetzt und in Bayern, das bisher von diesem Hause beherrscht war, die Republik ausgerusra wird, erhalte ich aus München ein Flugblatt aus einer neuen, für das deutsche Volk bestimmten Monatsschrift „Deutschlands Erneuerung" (Verlag vonJ. F. Lehmann in München). Als ihre Herausgeber zeich- * nert G. v. Below und H. St. Chankberlain, deren antisemitische Gesinnung bekannt ist. Aber auch von den Mitherausgebern Dietrich Schläfer und R. Seeberg darf man sich nichts Gutes verspreche. Das mir vorliegende Flugblatt enthält einen Aufsatz des Schriftleiters Dr. Erich Kühn: „Um Sein oder Nichtsein". Es macht den kindlichen Versuch, gegen die Mehrheitsparteien aufzutreten, das Demokratisierimgsprogranein hevabzusetzenl und die Regierung aufzurusen, gegen die demokratischen oder republikanischen Probleme Front zu machen. Ein solches Sturmlaufen gegen eine allgewaltige Bewegung, eine solche völlig vergebliche Anstrengung, jetzt zu .einer nationalen Verteidigung anzuspornen, die uns das größte Verderben für jetzt und die Zukunft bereiten würde, ist ja durch die neuesten Vorgänge gerichtet; uns interessiert aus dem genannten Aussatz nur die frevelhafte Art, in der von den Juden gesprochen wird. Der Verfasser wagt folgende Lüge zu verbreiten: „Die alljüdische Presse sperrt das Volk von der Wahrheit, aber auch von seiner wahren Gesinnung ab." Wir brauchen dem Verfasser kaum darzulegen, daß es eine alljüdische Presse nicht gibt, und er müßte, wenn er fähig wäre, zu denken und die Wahrheit zu erkennen, sich wohl selbst sagen, daß es wirklich nicht die Presse war, die uns seit Monaten oder Jahren die Wahrheit verschwiegen und uns in die entsetzlichen Verhältnisse gebracht hat, unter denen wir leiden. Aber was will jener eine kleine Satz besagen gegen die folgende Ausführung: „Und über allem schwingt triumph-ier-end das Volk Juda das Szepter! Die führende Presse der Welt ist längst seinen Zwecken- und Plänen dienstbar, und je länger der Krieg dauert, desto fester nisten sich, in allen kriegführenden Ländern der Erde, in allen führenden Stellen in den Kriegsgesellschaften, in der Politik, in der Beamtenschaft die Mitglieder der Alliance Israelite universelle ein. Immer mehr Fäden bekommen sie in ihre Hand, immer abhängiger werden Völker und Länder von ihnen! Es kann nicht oft genug darauf hingewiesen wenden, daß in Amerika die Cahn, Loeb, Schiss, Speyer und Morgan herrschen, in- Frankreich die Rothschilds und Reinachs, in der französischen Presse die Hukin (Hirsch), Croissek (Wiener), Vely (Levy), Jennesse (Eohn), während Italien durch den englisch-jüdischen Mischling Sonnino, den Juden d'Annunzio (Rapaport) und ■b'ic von Juden und Mischlingen geleiteten Logen in den Krieg gehetzt wurde. Italien, Frankreich, Griechenland und die neutralen Staaten werden wirtschaftlich von London und New Lork aus kontrolliert." Es ist eine dreiste Erfindung, daß die Juden in der Politik das bestimmende Wort führen. Wäre der Verfasser des angeführten- Artikels nicht völlig verblendet, so würde er sich selbst haben sagen müssen, daß die amerikanischen, englischen, französischen Staatsmänner und Heerführer nicht im allergeringsten mit dem Judentum Zusammenhängen oder von Juden bestimmt werden. Es ist eine geradezu -lächerliche Erfindung, daß die Logen von Juden und Mischlingen geleitet werden, während doch tatsächlich aus den deutschen Logen die Juden meist ausgeschlossen sind und in den auswärtigen die Indem das entscheidende Wort nicht zu sprechen haben. Es ist eine dreiste Erfindung, die mit der größten Entrüstung abgewiesen werden I muß, daß die Inden irgendwelche Schuld an dem Weltkriege