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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-11-15 · Heft 46 (15.11.1918) · p. Seite 545

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 46 (15.11.1918)
Date
1918-11-15
Page
Seite 545 (sequence 5)
Language
German
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545 Sie Woche. Berlin, den 12. November 1918. mit unheimlicher Schnelligkeit folgen sich die Ereignisse, aber die ungeheure Verwirrung scheint einer allmählichen Entwirrung Platz zu machen. Der Kaiser hat abgedankt, Der Kronprinz verzichtet. Der Reichskanzler Prinz Max von Baden wollte dem einzusetzenden Regenten einen Sozialdemokraten als Reichskanzler Vorschlägen. Statt dessen wurde Friedrich Ebert von der bisherigen Regierung zum Reichskanzler gewählt. Die neue Regierung sollte zusammengesetzt sein aus neun Männern, die zu gleichen Teilen den Sozialdemokraten, den Unabhängigen, der Linken entnommen waren. In den Händen dieser neun Männer sollte einstweilen das Schicksal des Deutschen Reiches liegen. - Nach der Sonntagsversammtung wurde eine neue Regierung gebildet, die aus 3 Sozialdemokraten und 3 Unabhängigen besteht. In Berlin sind die Schlösser besetzt worden; an Stelle des früheren Polizeipräsidenten ist ein Sozialdemokrat gewählt worden. Bei dieser ungeheuren Veränderung, die sich ohne großes Blutvergießen vollzog, dürfen wir erwarten, daß die Umwälzung in Berlin auch ohne Blut verlaufen wird. Anderswo ist es schlimmer zugegangen, im Norden und Nordwesten; in Braunschweig hat der Herzog der Krone entsagt, in Bayern, das treu zum Reiche stehen will, ist die Republik ausgerufen; dies ist auch in Württemberg und in Sachsen geschehen. Auch die Fürsten von Weimar und Oldenburg sind entfernt; in Baden besteht einstweilen noch das Großherzogtum, dem neuen Ministerium gehört der tresfliche Ludwig Haas an. Die Stimmung der einstweilen geordneten Massen scheint für die Republik zu sein; es ist Sache der Nationalversammlung, darüber zu entscheiden. Bestimmt diese eine Republik, so ist für Fürsten in den Einzelstaaten kein Platz. Unterdessen hat freilich in Berlin der Generalstreik eingesetzt, dessen Nutzen und Tendenz wir nicht begreifen, da er den Verkehr unmöglich und die Ernährung schwierig macht Er soll am heutigen Tage beendet werden und bleibt eine Demonstration wie die mannigfachen Straßenumzüge, an denen sich auch Soldaten beteiligten, die im allgemeinen durchaus mit der Menge fraternisieren, so daß es an den meisten Lrten zur Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten gekommen ist. Schwindet der Streik, bleibt, wie zu -erwarten, die Ordnung bestehen, so würde die große Umwälzung ein Ehrenzeugnis für das deutsche Volk sein. Diesem Bericht über die vollzogenen Tatsachen, den wir auch unseren Lesern schuldig zu sein glaubten, nicht um Neues zu melden, sondern um das Fazit der Woche zu ziehen, wollen wir keine langen politischen Betrachtungen anfügen. Am wenigsten wollen wir mit Hohn und Spott den Mann bedecken, der 30 Jahre an der Spitze des Deutschen Reiches stand unb, nach schweren Bedenken und heftigem Ringen, dem allgemeinen Drängen nachgebend, Würde und Bürde abgelegt hat. Er büßt die Schuld eines veralteten Systems^ Er hatte den grimmigen Haß unserer Feinde auf sich geladen, vielleicht durch manche von ihm begangenen Fehler; er fiel im Innern als Sündenbock für schwere Verschuldung der aristokratischen unb Junkerpartei, von der er sich äußerlich gar nicht und innerlich nicht ganz trennen konnte. Wir haben jahrzehntelang treu und begeistert zu Kaiser und Reich gestanden; es kommr uns sehr schwer an, von dem Kaiser zu scheiden. Aber stets stand uns das Reich, das Vaterland höher, und alles, was zu seinem Bestand und Wohl nötig ist, begrüßen wir mutig und wollen alles tun, um das Reich wieder aufzubauen, zu erhalten und zu festigen. Unter der Wucht dieser ungeheuren, mit einer blitzartigen Geschwindigkeit eintretenden Begebenheiten stehen -die auswärtigen Ereignisse einigermaßen zurück. Der Waffenstillstzand ist verkündet, die Bedingungen sind furchtbar hart und drückend; nicht minder werden es wohl die Friedensbedingungen sein, nach dem, was bisher verlautet. Es wird der neuen deutschen Regierung nichts übrigbleiben, als sie anzunehmen. Vielleicht, daß die völlige Umkehr in unseren inneren Verhältnissen die Härte unserer Feinde, wenn auch nicht bricht, so doch mildert. Aber wir haben gegenüber allem, was von uns gefordert werden mag, Vertrauen auf die Zukunft und setzen felsenfeste Hoffnung in Deutschlands Tatkraft, in den Ernst der Gesinnung und die Lust zur Arbeit. Es werden schwere Jahre, vielleicht Jahrzehnte über uns kommen; wir werden bitter leiden und ungeheuer ringen müssen, um die Lasten zu tragen, die uns auferlegt werden, um die Wunden zu heilen, die der fürchterliche Krieg geschlagen hat. Aber wenn die unerhörten Metzeleien aufhören, wenn, wie man bei dem Ernst und der Entschlossenheit der augenblicklichen Leiter annehmen darf, die ungeahnte Umwälzung sich ruhig und ungestört vollzieht, dann muß auf die fürchterliche Epoche, die wir durchlebt haben, wieder eine Zeit der Blüte folgen. Wenn Deutschland auch seine Führerrolle einbüßt, wenn es auch einige Teile verliert, auf die es - - wir wiederholen oft Gesagtes - - gerechtfertigten Anspruch hatte, wenn es in seinem äußeren Einfluß geschädigt wird, feine Stimme im Rat der Völker muß gehört werden. Deutschland kann nicht untergehen. Es wird ein neues Deutschland werden, aber ein Deutschland, in dem keine Junkerpartei herrscht, kein Agrariertum sich schändliche Uebergriffe erlaubt, keine Adels- und Militärkaste sich Vorrechte zuspricht. Wohl dagegen ein Deutschland, in dem das freie Bürgertum stolz sein Haupt erheben und tragen kann, in dem das Volk sich regiert und mit Gerechtigkeit und Weisheit Selbstbestimmung übt. Ein neues Deutschland, in dem der freie Bauer auf seiner Scholle arbeitet und das Vaterland ernährt; ein Deutschland, in dem Handel und Gewerbe blühen, nicht bloß zugunsten weniger Kapitalisten, sondern zum Vorteil aller Arbeitenden; ein Deutschland, in dem auch den Frauen die lange ihnen vorenthaltenen Rechte eingeräumt werden; ein Deutschland, in dem Kunst und Wissenschaft, Dichtung und Musik, von erlauchten Geistern gepflegt und von geweihten Händen ausgeübt, nicht bloß zur Unterhaltung und Erlustigung einer stumpfen Menge, sondern als Lebensbrot dargeboten wird für alle die, welche sich ans des Arbeitstages Mühe und Last nach Erholung sehnen; ein Deutschland, in dem keine Staatskirche ausschließlich herrscht, sondern jedes Bekenntnis anerkannt und vom Staate gleichmäßig behandelt wird. In dieser Hoffnung suchen wir einen Trost für das Schreckensvolle, das wir erduldet haben; in dieser Zuversicht müssen wir das Schmähliche, das uns die Schamröte in die Wangen treibt und das Herz belastet, ertragen. Unsere Jugend wird es erleben, daß diese Epoche des Niederganges und der Schmach ihr nur wie ein schwerer Traum erscheint; wir Aelteren, denen es nur vergönnt ist, an die Pforte einer neuen Welt zu klopfen, die aber nicht hoffen dürfen, wahrhaft gute Tage zu schauen, wollen unsere letzte Lebenszeit mit Eri Wartungen verbringen auf eine gedeihliche Zukunft. Aber nimmer wollen wir ermüden. Wir wollen arbeiten, solange es Tag ist, vor Kleinmut warnen, unmännlicher Verzweiflung

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