Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1918)
- Date
- 1918-11-15
- Page
- Seite 544 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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W4 In den fanden der französischen und englischen Diplomatie war nämlich die rumänische Judenfrage nur ein Mittel, um auf Rumänien einen Druck auszuüben. Je schlimmer die Lage der Juden sich in Rumänien gestaltete, je mehr Anlaß 311 Klagen gegen die rumänische Regierung vorlag, desto mehr wußte diese den Schutz zu würdigen, den die Protektoren an der Seine und an der Themse ihr gewährten. An die Verbesserung der Lage der Juden in rechtlicher oder politischer Beziehung dachten jemals weder die Engländer noch die Franzosen. Hätten sie es im Ernst gewollt, nichts in der Welt wäre ihnen leichter gewesen. Doch wozu in die Vergangenheit schweifen? Die Ententemächte hatten Rumänien zum Eintritt in den Weltkrieg bewogen und ihm als Lohn die ganze Bukowina, Siebenbürgen und einen großen Teil Südungarns versprochen, ein Gebiet, welches nahezu eine halbe Million Juden umfaßt. Warum hat die Entente von Rumänien nicht vor dem Eintritt in den Krieg mindestens die Aushebung der Staatenlosigkeit der Juden, wenn schon nicht deren volle Emanzipation verlangt? Was sollte das Schicksal der Juden in den an Rumänien anzugliedernden neuen Gebieten sein? Nach dem Frieden von Bukarest protestierten englische, französische und italienische Minister gegen den Artikel 28, «da er ihnen in bezug auf die Juden nicht genügte: sie versicherten, von der rumänischen Regierung Zusagen erhalten zu haben, auf dem allgemeinen Friedenskongreß den Juden volle und uneingeschränkte Gleichberechtigung zu gewähren. Warum wurde von ihr nicht als einstweilige Anzahlung, sozusagen als vorläufiges Handgeld, wenigstens eine menschliche Behandlung der Juden verlangt? Wir besitzen nämlich noch nicht die volle Kenntnis über das Schicksal der Juden während des Krieges in Rumänien, aber das, was bisher aus einwandfreien Quellen zu uns gedrungen ist. war haarsträubend genug. Die Juden wurden nicht nur wie Fremde im Lande, als welche sie rechtlich gelten, sondern als Feinde und Spione behandelt. Gegen Greise, Frauen und Kinder, gegen die nächsten Anverwandten der zum Heere Eingezogenen wurde grausam ur.fc unmenschlich gewütet. Weder England noch Frankreich, noch Italien hat dagegen den l e i.s e st e n P r 0 t e st e r h 0 b e n. Man hatte den Juden nach dem Kriege die volle Gleichberechtigung versprochen; inzwischen aber schien man darauf auszugehen, sie auszurotten. Sollte das die Einleitung der völligen Emanzipation der Juden nach dem Kriege sein? Es ist bezeichnend, daß die Anhänger der Entente, in Rumänien zum Beispiel die früheren Minister Take I 0 n e s c u und B r a t i a n u sowie der Abgeordnete K u z a , die verbissensten und unerbittlichsten Judenfeinde sind, während die Gegner der Entente, C a r p und M a r g h i - toman, stetsfür die Juden eingetreten sind. Das sollte doch einigermaßen zu denken geben. Als um die Mitte der achtziger Jahre die r u s s i s ch e Diplomatie um das Bündnis mit Frankreich und seine Milliarden zu werben anfing, waren die Fortschrittler in Rußland die heftigsten Gegner, die Reaktionäre dagegen die eifrigsten Förderer dieser Bestrebungen, beide aus demselben Grunde; beide behaupteten nämlich: eher wird Frankreich kosakisch als das zarische Rußland durch den näheren Kontakt mit ihm liberal. Was die Juden anbetrisft, haben beide recht behalten. Der französische Liberalismus hat nicht die geringste Milderung der russischen Inden-Politik herbeigeführt, umgekehrt, er gab ihr nur stillschweigend seine Sanktion. Dafür erlebten wir in Frankreich die Dreyfus-Affäre. Während der grausamen'Judenmetzeleien 1905/06 war Her C lernenc e a u der leitende Minister Frankreichs. Man« hat nie etwas davon gemerkt, daß dieser Staatsmann die Handlungsweise der zarifchen Regierung mißbilligt hätte. In England fanden feit 1881 unzählige von den höchsten' Persönlichkeiten des Reiches geleitete Protestkundgebungen gegen die russischen Judenpogrome statt. Daß sie vollständig Wirkungsilos blieben, konnte man sich damals mit dem politischen Gegensatz zwischen Rußland und England erklären. Aber warum verschlimmerte sich die Lage der Juden in Rußland 'seit dem Anwachsen der Intimität zwischen den beiden Reichen 1907/08. Als im Jahre 1910 eine Deputation englischer Juden Sir Edward G r e y ersuchte, bei der russischen Regierung auf ein Hintanhalten der Pogrome einzuwirken, antwortete er mit prächtigein britischen Humor: „Erbringen Sie mir die Beweise, daß die russische Regierung die Pogrome anstistet, dann werde ich versuchen, mein Veto zu erheben." Am kräftigsten bekamen den Schutz der Entente die galizi'schenJude n> während der Besetzung durch die Russen zu spüren. Rußland führte in diesem unglücklichen Lande einen Sonderkrieg gegen die Juden, den einzigen, in dem es siegreich war. Die christliche Bevölkerung wurde gegen die Juden ausgehetzt; die von ihnen verilassenen Wohnstätten und Geschäfte wurden ohne weiteres an Christen übercmtwort-et; die Juden wurden zu Hunderten niedergeknallt und gehängt, weit sie sich weigerten, die Standorte der österreichischien Truppen zu verraten; es wurden ihnen besondere Kontributionen auferlegt; Greise, Frauen und Kinder wurden in Massen zu Fuß tage- und nächtelang im strengsten Frost als Geiseln verschleppt, wochenlang in schmutzige Gefängnisse eingepfercht und ausgehungert, wo ihrer Unzählige starben oder wahnsinnig wurden. Es war offenbar, daß die Juden ausgerottet oder dezimiert werden sollten. Noch im Sommer 1917 schmachteten über 10 000 galiziUche Inden in Sibirien, wohin sie von den Russen als Geiseln verschleppt worden waren. Im Mai 1915 ließ der russische Generalgouverneur von Lemberg, Gras B 0 b r i n s k i, den Stand des jüdischen Grundbesitzes in Galizien statistisch aufnehrnen, „denn die Gesetzgebung sollte in diesem Lande der russischen angeglichjen werden. Tie Juden sollten hier ebensowenig wie in Rußland Grund und Boden bisitzen dürfen". Es galt also, die jüdischen Grundbesitzer 311 enteignen und zu Parias zu machen. Auf ihrem Boden sollten 300 000 russische Bauern aus Sibirien angesiedelt werden. Es ist wahrlich nicht das Verdienst der Entente, wenn dieser großangelegte Plan nicht ausgeführt wurde. Und das alles geschah, während Rußland mit Hilfe Englands und Frankreichs Galizien „befreite", eine neue Epoche der Glückseligkeit für dieses Land einleitete. Das alles geschah unter den Augen von zahllosen Vertretern englischer, französischer, italienischer und belgischer Zeitungen sowie anderer Repräsentanten der westeuropäischen öffentlichen Meinung und offiziellen Politik. Und keine Stimme drang aus dem Westen herüber, um da* Schicksal der Juden 311 mildern oder gegen deren energisch vorbereitete Entrechtung zu protestieren. Die galizischen Juden müßten sehr wohl wissen, was sie erwartet hätte, wenn Rußland mit Hilfe der Entente den Sieg davon getragen hätte. Hält man sich alle diese Tatsachen vor Augen, so muß man sagen, daß "der jetzt namentlich von den neutralen Ländern aus mit so viel Eifer und leider auch Erfolg unter den Juden verbreitete Glaube an die Entente eine der verhängn: i s v 0 l l st e n und zuglei ch w i d e r s i n n i g st e 11 Irreführungen ist, denen das jüdische Volk im Verlauf seiner Geschichte aus ge setzt war.