Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1918)
- Date
- 1918-11-15
- Page
- Seite 542 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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vereinen, so daß jeweils Staat und .Nationalität sich decken und in jedem einzelnen Staat der Anlaß zur nationalen Streitigkeit verschwinden würde, so wird das Dutzend Staaten alsbald ansangen, untereinander und gegeneinander Bündnisse und Gegen-bündnisse zu schließen. Die Interessengegensätze werden sich kräftig geltend machen. Die kulturell und wirtschaftlich überlegenen Völker werden natürlich nicht von ihrer Höhe herabsteigen und freiwillig aus ihre Vorschläge zugunsten der zurückgebliebenen verzichten wollen, sondern ihre Lage und ihre Kräfte gehörig ausnutzen, um sich den Vorrang zu sichern. Die kleineren oder von Natur und geographischer Lage minder gut ausgestatteten Völkerschaften werden alsbald in Abhängigkeit von den begünstigteren geraten: das Selbstbestimmungsrecht, welches ihnen Unabhängigkeit und Selbstständigkeit bringen sollte, wird sie in einen Zustand der Hörigkeit versetzen: es wird ihnen vor ihrer Souveränität bange werden, und sie werden nach dem entschwundenen Zentralstaat rufen, mit dem sie freilich oft unzufrieden waren, der sie aber vor der ärgsten Vergewaltigung zu schützen vermochte und den nun die Phase von der Selbstbestimmung zertrümmert hat. Des Haders und der Kriege wird es kein Ende geben in Osteuropa. Allein das scheint eben Ziel und Zweck der Selbstbestimmunaspropaganda zu 'sein. Eine unbefangene Betrachtung drängt nämlich die Ueberzeugung auf, daß Präsident Wilson nur das Sprachrohr der Engländer ist. In Amerika liebt man solche hochtönende Redensarten, itnfb der Präsident gefällt sich stark in der Rolle des W/eltschieDseichters, der mit dem Hauch seines Mundes alte mächtige Reiche umbläst und ein Dutzend Nationalstaaten ins Leben ruft. Hinter ihm aber stehen die schlauen Engländer und reiben sich vergnügt die Hände, da er für sie so schön die Arbeit besorgt, Europa in eine Unzahl kleiner, ohnmächtiger, einander ewig befehdender Staatengebilde aufzulösen. Frankreich hat zwar seine kriegerische „gloire" und sein Prestige wiederhergestellt, allein seine ichon früher sehr spärliche Volkskraft und Männerblüte ist unwiederbringlich dahin, militärisch und wirtschaftlich ist es erschöpft und wird nur noch als Trabant Englands mitzählen. Deutschland soll politisch geschwächt und wirtschaftlich lahmgelegt, seine festgefügte Einheit soll erschüttert werden; und nachdem die deutschen und österreich-ungarischen Waffen das Zarenreich zertrümmert haben, soll sich nun der Raum der Donaumonarchie mit einen: Gewimmel kleiner, niedlicher, hilfloser Staatengebilde ausspielen und aufhetzen, unter denen es allemal als Schiedsrichter, Helfer und Beistand auftreten kann. Je mehr Kleinstaaten in Europa vegetieren und sich gegemeinn in ohnmächtiger Wut bekriegen, ohne ihre Kräfte zu einer Einheu zusammenfassen zu können, desto größer wird der Einstuß Englands. Dieses ist dann der wirkliche Herr von Europa, nimmt ihm gegenüber dieselbe Stellung ein, die das alte Rom nach den Mazedonischen Kriegen den zersplitterten hellenischen Kleinstaaten gegenüber einnahm. Es ist indessen sehr wahrscheinlich, daß die englische Rechnung diesmal trügt und daß das Wilfonsche Programm letzten Endes das Gegenteil von dem bewirkt, was die Diplomaten an der Themse beabsichtigen: nämlich einen festen Z u s a m m e n s ch l u ß aller d e u t f d) e n S t ü m m e u n d e i n e A n l e h n u n - g aller fl e i n e n o st e w ropäischen Nationalitäten a n d i e s e. Nee Wilson contra geograpliiam. Wilson mitsamt den Engländern vermögen nicht die Tatsache aus der Welk zu schaffen, daß das deutsche Volk in Mittel- und Osteuropa in einer Stärke von ungefähr 85 Millionen sitzt, die durch eine gemeinsame Sprache geeint sind, während die östlichen Völkerschaften sich gegenseitig gar nicht verstehen. Wenn die „slawischen Brüder" sich miteinander verständigen wollen, z. B. Polen mit Serben, Kroaten mit Tschechen, Rnthenen mit Slowaken, so bedienen sie sich der deuts ch e n Sprache; das gilt auch z. B. von Rumänen und Magyaren. Tenn Deutsch ist für ganz Osteuropa d i e Weltsprache, die jeder Gebildete zu erlernen gezwungen ist, wenn er über die allerengsten Grenzen seiner Heimat hinaus will, aus wirtschaftlichen oder kulturellen Ursachen. Auch d i e Tatsache ist nicht zu ändern, daß die deutsche Kultur, Technik und Industrie die höchstentwickelte in Mitteleuropa ist und für all die kleinen Völkerschaften mustergültig und richtunggebend bleibt. Ter Weg in die weite Welt hinaus führt sie alle durch Deutschland, und an bas deutsche Wesen müssen sie sich anlehnen, wenn sie sich emporarbeiten und nicht verkümmern wollen. Trotz aller Fehler der deutschen Diplomatre und Regierung bildet Deutschland im weitesten Umfange für sie das europäische Land, mit dem die Kulturwelt beginnt. Ans Deutschland sind sie alle kulturell und wirtschaftlich angewiesen. Daher wird die unerschöpfliche organisatorische Kraft des verjüngten neuen Deutschlands den Zusammenschluß und die Wiederaufrichtung Europas übernehmen. Das deutsche Volk wird, nicht als Unterdrücker, sondern als pi'iimis inter pares den e uropüi s ch e n Volk e r - b u n d aufbanen und ihn mit seiner Kultur und seiner Arbeit befruchten. Der G t a u b c der o steuropäi s ch e n Völkerschaften a n die B e f r e i e r m i s s i o n d e r E n tent e w i r d s i ch i n s e i n G e g e n t e i l v e r - k e h r e n. Doch das ist ein Kapitel für sich. Für uns ist es richtig, diesen Glauben, insofern er unter den Juden Osteuropas Wurzel gefaßt hat, auf feine Voraussetzungen und seine Haubarkeit zu untersuchen. Die Entente hat also die „Lösung der Indenfrage" in dU Hand genommen, und die Juden glauben, daß die Entente die Macht und den guten Willen besitze, ihre Verheißungen auszuführen. Ihre Agenten versichern mit großer Festigkeit, daß die Vergangenheit und die Traditionen Frankreichs und Englands sie zu dieser Rolle prädestinieren. Wahr itt, daß in Frankreich die Iudenemanzipation am frühesten durch geführt wurde (g e f o r d e r t wurde sie am frühesten in Deutschland von Lessing und Dohm, durch welche M i r a b e a u angeregt wurde). Wahr ist auch, daß in Frankreich, England und Italien die Emanzipation insofern gründlicher durchgeführt ist, als hier Juden z. B. Minister werden können, was das höchste Ideal gewisser Leute zu sein scheint. Dagegen ist allerdings zu erwägen, daß die Juden m den genannten Ländern einen verschwindend geringen Bruch- I teil der Bevölkerung bilden, der fast bis zur Unkenntlichkeil assimiliert ist. Berlin und Wien allein zählen doppelt so viel Juden als Frankreich, England und Italien zusammengenommen. Wie diese Länder die Juden behandeln würden, wenn sie ihrer eine solche Zahl beherbergen würden wie die Zentralländer, darüber haben wir leider keine Erfahrung. Dagegen haben wir reichliche Erfahrung, wie England, F r a u t - reich und Italien die I u d e n f r a g e in fremden, ihren: Einfluß u n t e r st e h e n d e n Lände r n „g e l ö st" h a b e n. Wir brauchen nämlich nur die Geschichte der letzten '>!> oder 60 Jahre zu befragen, um uns zu belehren. Der Politische Einfluß Frankreichs und Englands war zum Beispiel auf der Balkanhalbinsel seit 1848 unbeschränkt. In Rumänien besonders herrschte schon seit Napoleon I. französische Sprache und Kultur fast ausschließlich. Die Einigung der beiden Donaufürstentümer Moldau und Walachei vollzog sich 18^ im Namen des von Napoleon III. proklamierten Nationalitätenprinzips ilnd unter seinem Protektorat. Der Franzosenkaiser und die Königin Viktoria waren seit der Pariser Kon- - ferenz 1858 die Paten und Schutzengel Rumäniens. Carol!. wurde 1866 zum Fürsten von Rumänien erwählt, weil er