Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1918)
- Date
- 1918-11-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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82. Jahrgang. Nr. 46 Berlin, 15. November 1918 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regiernngsrats Professor Vk. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin» Jerusalemer Strasse 46-49 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements,Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 324» Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46 49, ZU richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Brennende jüdische Fragen. Von einem Oesterreicher. yllljttll« — Die Woche. — Aus und über Palästina. II. — Hermann Vogelstein. Von L. G. — Worte der Erinnerung an Gustav Karpeles. Von E. Buch heim. - Feuilleton: Jedem das Seinige. Roman von M. Pulyermanrr. — Sprechsaal. Der Gemcindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Posen, Hamburg, Bremen, Nöln, Stuttgart, München, Prag, Wien. — Von Nah und Fern. Srennmde jüdische Fragen. V on et n e m C cft e t r e i ci, er D er neue Glaube. s geht ein neuer Glaube durch das alte Europa, namentlich durch die östlichen Völkerschaften, von der Adria bis zum Baltischen Meere: der Glaube an die Entente. Vorher glaubten sie 'sämtlich an Rußland, an das einige große, zwei Weltteile beherrschende Rußland, das für die Ewigkeit gebaut, dem keine Macht .gewachsen war und welches mit der Zeit auch aller Schmierigkeiten im Innern 'schon Herr werden würde. Mcht nur die .kleinen Nationen, Serben, Montenegriner, Kroaten, Tschechen, Ruthenen, 'sondern beschämend genug für den menschlichen Geist —- -auch eine große Partei unter den Ungarn und sogar unter den Polen, die von Rußland das Schlimmste erduldet haben, was eine Nation erdulden kann. Alle vertrauten sie mehr oder weniger offen auf Rußland, das sie von allen wirklichen und vermeintlichen Gefahren erlösen würde, die ihnen von seiten des in Oesterreich und in Deutschland verkörperten „Germanismus" drohten. Jetzt hat sich dieser Glaube der Entente Angewandt. Diese gilt nun allen als die Heilbringerin. An das von ihrem Wortführer, dem Präsidenten Wilson, geprägte Schlagwort von dem „Selbstbestimmungsrecht der Völker" klammern sie sich alle. Und auch diesmal hat sich das alte Sprichwort bewährt: „Wie sich's christelt, so jüdelt sich's". Der Glaube an die Entente hat auch die Juden, natürlich die außerhalb Deutschlands, ersaßt. Don ihr hofft man zuversichtlich eine restlose Lösung der Judensrage. Ein Verschwinden des Antisemitismus, des Judenhasses in all seinen Formen, der Pogrome und Bedrückungen aller Älrten. Wilson gilt als eine Art Messias, als ein zweiter Koresch oder Alexander der Große, und das Selbstbestimmungsrecht der Völker als die Formender Zauberspruch, der alles Iudenelend bannen wird. Es ist darum notwendig, diesen neuen Glauben und sein Dogma einer genauen Analyse zu unterziehen. Zunächst ist das Selbstbestimmnngsrecht an sich sehr unbestimmt. Wer ist es, der sich selbst bestimmen soll, die Volke r oder die Staaten? Soll -dies Wort bedeuten, daß jede Menscheugruppe, die das Bewußtsein ihres gesonderten Volkstums hat, bestimme^ daß sie in einem besonderen Staat,wohnen dürfe, fein säuberlich von den Menschen eines anderen Volkstums abgetrennt, durch undurchdringliche Wände geschieden, damit sie ihre Sonderkultur ungehindert bewahre und von niemandem vergewaltigt, entnationalisiert werde? Was für einen Sinn 'hätte dann aber der über Nacht berühmt gewordene tschecho-slowaki'sche Staat? Es .gibt etwa sechs Millionen Tschechen und etwa zweieinhalb Millionen Slowaken; beide sind untereinander sprachlich, kulturell und wirtschaftlich ebenso scharf geschieden wie z. B. Deutsche und Holländer. Aber wähvend die beiden letztgenannten Völker wenigstens in bezug aus die K u l t u r h ö h e untereinander gleichwertig sind, sind die Tschechen mit ihrer hochentwickelten Technik, Industrie, Handel und Ackerbau -dem slowakischen Kleinbauernvolke um Generationen voraus. In einem Staate vereinigt, müssen letztere von den ersteren kraft der Tatsachen allein vergewaltigt itrtb entnationalisiert werden. Der Nationalitätenkampf wird also nicht zur Ruhe kommen, sondern von neuem entbrennen. Aehnlich liegen die Verhältnisse unter den Südslawen, mit welchem Sammelnamen etwa 1,25 Millionen Slowenen, 2,5 Millionen Serben und 3 Millionen Kroaten Msammengefaßt werden. Abgeisehen von den zahlreichen unter ihnen wohnenden Deutschen, Magyaren lind Italienern, die kulturell und wirtschaftlich die' Oberschicht bilden, wohnen diese Völkerschaften so gemischt untereinander, daß sie kaum.zu entwirren sind. Die Polen beanspruchen auf Grund der Wilsonschen Formel Gebiete, die sogar überwiegend von Deutschen bewohnt sind, aber auch solche, in denen die Polen nur die verschwindend kleine Minderheit der Besitzenden und der Städter ausmachen, die erdrückende Mehrzahl aber aus Ukrainern, Litauern, Esten, Weißrussen besteht. Wenn also die Wilsonsche Formel der nationalen Unterdrückung ein Ende setzen soll, so wird sie dies Ziel nicht erreichen, sondern höchstens bewirken, daß Unterdrücker und Unterdrückte die Rollen wechseln. , Oder will die Wilsonsche Formel besagen, daß jeder Völkersplitter in Europa das Recht habe, einen eigenen Staat für sich zu bilden? Gewiß, kein Völklein ist so klein, es möchte nicht ein Staatlein sein. Das Recht mag man ihm wohl zugestehen, aber wer wird ihm die Mast dazu verleihen? Nichts ist leichter, als im Taumel der nationalen« Begeisterung einen Staat zu proklamieren, aber ihn auszübauen, ihn zü erhalten? Zu einem Staatsleben genügt ja nicht, daß einige Machthaber die Möglichkeit haben, sich an den Gesten der Macht zu berauschen und daß die Menge sich am Besitz papierener Souveränität begeistert. Die Menschen müssen auch die Möglichkeit haben, Ml arbeiten und zu leben. Woher sollen Zwergstaaten die wirtschaftliche Autarkie hernehmen!, die ein. Großstaat von 52 Millionen Einwohnern wie Oesterreich-Ungarn nur mit Aufgebot aller seiner Kräfte sich .leidlich erhalten konnte? Selbst wenn es durch ein Wunder möglich werden sollte, die bunt durcheinandergesäten Völkerschaften reinlich zu scheiden und alle Volksgenossen in je einem Sonderstäat zu