Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-11-08 · Heft 45 (8.11.1918) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 45 (8.11.1918)
Date
1918-11-08
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3224737-3229339-3229384--74445-3286940
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

8 Bedicht über unser Israelitisches Heim „Neweh Meuuchoh" erstatteten. Die Räume unseres Heims sind vollbesetzt; die durch Ableben der Insassen frei gewordenen Wohnstätten wurden schnell wieder von anderen Bewerbern bezogen, da Meldungen zur Aufnahme in unser Heim stets vorliegen. Deshalb erwogen wir eine Erweiterung des Heims. Der Krieg und die dadurch bedingte Verteuerung. aller Rohstoffe -ließen eine bauliche Veränderung nicht zu. Da bot sich in dem Erwerb eines Nachbarhauses Gelegenheit sür die gesuchte Erweiterung. Nach reiflicher Beratung schritten wir zum Kauf des Hauses. Wilhelmstraße 14a für den Preis von 38 000 Mark. In dem Hause befinden sich vier Wohnungen zu je 3 Zimmern und 3 Wohnungen zu je 4 Zimmern nebst Küchen und Zubehör, so daß wir ohne bauliche Veränderung wohl 14 Insassen neu ausnehmen können. Durch eine in der Trennungsmauer anzulegende Tür wird die Verbindung mit dem Hausgarten bzw. dem Haus Wilhelmstraße 15 hergestellt. Leider ist es infolge des bestehenden Gesetzes zum Schutze der Mieter und der augenblicklichen Wohnungsnot jetzt nicht möglich, sofort aus dem Neuerwerb Nutzen für unser Heim zu ziehen, aber nach und nach werden wir dies tun können. Auf alle Falle ist der Kauf eine Vorsorge für die Zukunft. Wir vertrauen auch fernerhin auf die Freunde und Gönner unseres Heims, die durch Mitgliedsbeiträge, Spenden und Stiftungen zur Fortentwicklung unserer Vermögensverhältnisse beitragen. Auch in diesem Jahre können wir zu unserer Freude von der Steigerung der Gaben berichten. So wurde uns neben erheblichen anderen Spenden folgende größere Stiftung zuteil: Herr Aron Harsch in Berlin stiftete zum Andenken an seine Eltern, Herrn Siegmund Hirsch und Frau Helene Hirsch, 5000 Mark als S>iegmundt-und-Helene-Hirsch^Stiftung. Das Heim wurde im Berichtsjahre von acht älteren Personen (sieben weiblichen und einer männlichen) bewohnt. Unser Hausgarten ist auch in diesem Jahre durch unseren Hausmeister mit Gemüsen bepflanzt, die an unsere dafür stets dankbaren Heiminsassen verteilt wurden. Der Garten wird gern benutzt und bietet einen angenehmen Aufenthalt. Der Garten ist durch eine Tür mit der Plantage, einem öffentlichen Stadtgarten, verbunden. Das allgemeine Versamrnlungszimmer ist recht gemütlich ausgestattet und mit reichlichem Lesestoff versehen. In diesem Versammlungszimmer befinden sich auch die Gedenktafeln für die edlen Stifter und die Fahrzeitleuchter. Bei jeder Jahrzeit wird unter dem Lichte in das Schild der Name des betreffenden Verstorbenen während des Jahrzeittages eingeschoben. Den Kaddisch sagt an dem betreffenden Tage der von uns dazu bestellte Beamte. Dankbaren Herzens sprechen wir allen denen unseren tiefgefühltesten Dank aus, die unser Heim durch ihren Opfersinn stetig förderten. — Leipzig, 1. November. Ein Hakenkreu zschwesternü itmb ist die neueste Errungenschaft im antisemitischen Lager. Unter dem Namen „Deutsche Schwesternschaft" erössnete sich -ein neuer Bund, der die Schaffung einer deutschvötkischen. Frauenbewegung, Wiedergeburt germanischer Art u. d-ergl. erstrebt. Jede Novizin hat folgendes Gelöbnis abzulegen: „Indem ich an Eides Statt versichere, daß ich deutscher d. i. germanischer Abkunst und meines besten Wissens von jüdischem und farbigem Bluteinschlage frei, bin, auch meine Nachkommen nur aus gleichen: reinem Geb täte habe und haben werde und sie, soweit es in meiner Macht steht, darin erhalten will, schließe ich, mich der Deutschen Schwesternschaft an. Mein Bildnis liegt bei. Daß vorstehende Angaben richtig und vollständig sind, erkläre ich nach bestem Wissen! und Gewissen durch meine Unterschrift. Ich verpflichte mich eine jährliche Auflage von .... Nt. zu entrichten. Die Eintrittsgebühr von 5 M. wird gleichzeitig durch Zahllkarte — Postanweisung — in Scheinen — überwiesen. (Ort und Tag.) (Eigenhändige Unterschrift.)" Die Gründungen von Niederlass üngen m Stadt und Land werden Vorgehen. Es wird darüber nichts Näheres gesagt, aber man scheint doch damit Stätten für Reinkultur schaffen zu wollen, wozu sicher auch die Stiftungen voltstreuer .Ranner am Schlüsse des Ausrufes -erbeten werden. Jede Novizin hat eine neunnronatige Probezeit zu bestehen. Neun Monate Um es nicht zu vergessen: die „Deutsche Schwesternschaft" dient zur Förderung der inneren-Einheit des deutschen Volkes. er. Dresden, 1. November. Der S chw e sternvere i n d e x Fraternitas-Loge entfaltet feit 15 Jahren eine reiche Wirklamifeit. Der Verband nimmt sich der weiblichen Ju-gend vom frühesten Alter bis zuir Berufswahl an und bietet auch über diese Zeit hinaus durch feine Veranstaltungen. seinen Schützlingen einen Anhalt, der die Familie ersetzt. Im drillten Lebensjahre nimmt mx Kindergarten, die Kleinstem auf; mit den schulpflichtigen Kindern lverden die Schulaufgaben gemacht. In dckr V orkommen den Füllen wird Jugendgerichtshiilfe u. a. m>. gewährt. Der Kinderhort zählte 1917 über 16 000 Verpflegungstage. Der Schwesternverband übt auch eine Bahnhofshilse aus. Die Zimmer, die er im Haufe der „Freundinnen junger Mädchen" unterhält, bieten durch, reisenden jungen Mädchen Obdach «und Frühstück. Zahlreiche durchreisende Krankenschwestern, Dienstboten,, Ä>ngestellte und Arbeiterinnen haben von -dieser Einrichtung Gebrauch gemacht. Für erholungsbedürftige Mädchen besteht eine H i 1 f s k a s. s e. Die Ferienf o l o n i e des- Schwesternvereins n>ahm. mehr als 60 Kinder und 24 im Erwerbsleben stehende Mädchen aus. Tie Kolonie war von h>errlichstem- Wetter begünstigt und in jeder Beziehung von giuitemt Erfolg begleitet. Die Kost war -einfach, aber reichlich, die Gewichtszunahme der Zöglinge befriedigend, der Gesundheitszustand gut. Ein kleines Fest beschloß die Ferienzeit. — Der Schwesternvlerein hat sich zeitweise auch der Verwundeten angenommien. Es wurden allmonatlich etwa 50 Kriegsverletzte im Logensaal bewirtet und mit Geschenken bedacht. Mehrere künstlerische Kräfte unserer Dresdener- Hoftheater stellten sich in dfn Dienst der guten Sache und machten die einfachen, Heinnnachiurittage zu schönen- Festen-, die -den Teilnehmern -sicher im> Gedächtnis bleiben werden. — Durch geschickte Kassenführung vermochte der Verein trotz der hohen Anforderungen, die seine Arbeiten an feine Mittel stellen, mit fein>en Einnahmenauszukommen undso,gar noch Ueber schüfst i>n Kriegsanleihe anzulegen. Orstrrmch-Ansam» Z. Wien, im Oktober. Der bekannte Nervenarzt Regimen tsarzt Dr. Siegfried Kolieb, der Sohn, des verstorbenen Borst ands Mitgliedes des Tempelvereines „Bech Israel" und zahlreicher humanitärer Vereine, David Leon Kolieb, wurde von: Kaiser durch Verleihung des Ritterkreuzes des Franz-Jostf- Ordens mit der Kriegsdekoration ausgezeichnet. Regimentsarzt Tr. Kolieb, der lange Zeit im Felde gestanden und schwer-verwundet war, hat, schon vier Kriegsauszeichnungen 'erhalten. Gegenwärtig ist er Lerter der Nervenheilanstalt Rofenhügel-. — Alls Zborow, einer ostgalizischen Stadt, wird von heimgekehrten Flüchtlingen der „Qesterreichischeu' Wochenschrift" geschrieben: Unsere Stadt wurde durch die Beschießung einem Trümmerhaufen gleichgemacht. Bei der letzten Russeninvnston ist fast die ganze Einwohnerschaft, alle Habe zurücklassend, geflüchtet. Jetzt wurden wir geZlvungen, in die Heimat zurnckzukehren. Aber was für eine Heimat hat sich uns geofferwart-? Es gibt fast keine Wohnung oder Baracke, -die nur halbwegs den sanitären Verhältnissenentsprechen könnte. Zusammengeschossene Mauern und Lehmhütten wurden mit Ach und Krach von demjenigen, der sich halbwegs helfen tonnte, einstweilen zufamrnengekittet. Handel unb» Gewerbe liegenzur Gänze brach. Es ist keine ordentliche Verdienstmöglichkeit in Sicht; mit der Ernährung ist es aus das schlechteste bestellt. Das Markensyst-enh wie. es in Westösterreich besteht, kennt man hier nicht, so daß die notwendigsten Lebensartikel Phantasiepreije erlangt haben. Die staatliche Flüchtlingsunterstützung ist abgelau'sen, und es ist uns die letzte Möglichkeit des Haltes genommen. Wenn ein unbefangener Mensch die Stadt betritt, würde er nichts anderes denken, als daß hier eine Zigeunerbande herumlungert oder daß ein ganzer Friedhof Auferstehung gemacht hätte. Da aber die Menschen nicht nackt bleiben wollen, greisen sie 31t allerhand Fetzen, um den Leib zubedecken. U>mden Hunger zu stillen, reißt einer den anderen den Bissen vom Munde. Die Preistreib-er und Schleichhändler, die sich durch den Krieg Geld erwirtschaftet haben, konntenauf die staatliche Unterstützung verzichten und sich in größeren Orten behaglich niederlassen. Es sind also hier die Aermsten der Armen beisammen, und k-ein-e Behörde schert sich um den so nahen Verfall ihrer Staatsbürger, von denen man 1 immer den größten Patriotismus und die schwersten Opfer verlangte. Nun, da sie sich bis zur gänzlichen Erschöpfung und Verblutung« gebracht haben und noch immer bringen, stehen sie in unsäglicher Not verlassenda.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.