Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-11-08 · Heft 45 (8.11.1918) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 45 (8.11.1918)
Date
1918-11-08
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/3224737-3229339-3229384--74446-3286941
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Kalen. Z. Warschau, äl. Oktober. In Warschau und denVorortenhaben in Letzter Zeit wiederholt antisemitische Exzesse stattgefunden. Am vergangenen Mittwoch, den 23., sah Warschau einen regelrechten Judenpogrom.. Den NteLdungen der Warschauer Presse' und dem Polizei bericht zufolge beteiligten sich an einem judenfeindlichen Aufläufe 2000 Personen u.nd wurden, viele jüdische Geschäftsläden und Hauser geplündert und domoliiert solvie mehrere Pers-oMN verwundet. Diese Exzesse sind keine zufällige Erscheinung, sondern wurden vielmehr von banger Handvorbereitet. Die jüdische Bevölkerung Warschaus und anderer Städte Polens wird in letzter Zeit in schändlichster Weise -terrorisiert. Die antisemitische Presse, 'mit der „Gazette Poranne" („Dwa Eroszia") an der Spitze, hetzt unaufhörlich gegen die Juden. Eine unterirdische Organisation verbreitet unter ' dem Namen verschiedener phantastischer Komitees blutrünstige Aufrufe gegen die Inden. So war am 14. Oktober, am Tage polnischer Bolksdemonstrationen, in allen Straßen folgender Aufruf angeschlagen: „Achtung, Polens. Unterstützt mit jüdischem Gel de, verbuchen die polnische Sozialdemokratie und der jüdische „Bund" einen banditi scheu Bolschewismus in Polen zu organisieren. Die nichtsnutzigen Kerle rufen die polnischen Arbeiter zum Bruderkampf, zur Vernichtung der polnischen Kultur. Die „Diktatur dos internationalen Proletariats" preisen die falschen Verteidiger der Arbeiter als gerechte Waffe an. Ter russische Arbeiter kennt schon zur Genüge die Folgen dieser Diktatur. Der Jude Bronstein-Lrotzki, „der große Diktator des übernationalen Proletariats", hat sich den gewesenen zar.is'chen Dienern angeschlossen und er erdrückt mit seiner blutigen Faust das russische Volk. Soll der polnische Arbeiter, soll das polnische Volk .diese Greuel durchmachen'( Nein, wir Polenverstehen, worum es . sich hier bei den- Juden handelt, worum es sich vor dem „Zentralwmiroe der polnischen sozialistischen Partei" handelt, d. h. jener Organisation, der kein einziger polnischer Arbeiter angehört. Tie Iueen sind durchschaut; sie wissen, dasz das ganze polnische Volk gegen sie haßen'tflam'mt ist wegen ihres Wuchers, ihrer Spekulation, ihres Denunziantentums, ihrer Beihilfe bei den Requisitionen. Mit eurem geschickven Ntanöver. wollen sie diesen Haß nach einer anderen Seite aolenren. Diese Intrige gelingt ihnen nicht. Für den kleinsten Verstich, einen Bruderkrieg zu provozieren, lverden die Juden die strengste Strafe -erleiden. Das Schwert, das sie gegen unsere Brust richten wollen, wird mit der ganzen Kraft aufihr Haupt fallen. Poren, Achtung! Verteidigt männlich die nationale Einheit, behandelt die jüdi-schen Agitatoren als Feinde des Vaterlandes! Nieder mit der jüdischen Intrige, nieder mit dem Bolschewismus! Es lebe das freie polnische Volk in einem vereinigten, demokratischen, juden freien Polen! Die Befreiungsarmee." Jetzt, wo die antisemitischen Par leien in der neugebil beten Negierung die Macht an sich gerissen haben, glauben die polnischen Pogrom Helden, daß ihre Zeit gekommen sei. Tie Lage in Warschau ist eine derartige, daß cue ändert nicht riiehr wagen, am Abend sich aus der Straße zu zeigen. Von Kah und Fern. — Eine Stiftung für jüdische Kriegsbeschädigte bei der Gr o ß l o g e für Deutschland U. O. B. B. hat Komuierzienrat Norbert L e v y (Berlin) mit einem Kapital von 10 000 Mark errichtet. Die Erträge des Stiftungskapitals sind in erster Linie für Kriegsbeschädigte oder deren Angehörige aus den Reihen der Berliner Logen U. O. B.B. bestimmt. Wenn keine Belverbungen aus diesen Kreisen vorliegen, dürfen Kriegsbeschädigte bzw. deren Familien, welche Mitglieder anderer Logen des deutschen Bezirks des U. O. B. B. sind, berücksichtigt werden; gegebenenfalls können auch andere Kriegsbeschädigte jüdischer Konfession bei der Verteilung der Zinsen bedacht werden. — Geheimer Sanitätsrat Professor Dr. Ferdinand K a r e w s k i, seit kurzer Zeit der Nachfolger von James Israel an der chirurgischen Abteilung des Jüdischen Krankenhauses, beging am 5. d. M. seinen 60. Geburtstag. — Für das Fach der inneren Medizin habilierte sich an der Berliner Universität Dr. Hermann Zondek, Assistent an der ersten medizinischen Klinik der Charite unter Geheimrat His. Seine Spezialgebiete sind: Nerven- und Herzkrankheiten und Gicht sowie die Oedemkrankheit. — Dem Mitgliede der Berliner Handelskammer Fabrikbesitzer Martin M i ch a l s k i ist der 4 Titel eines preußischen, Kommerzienrats vörliehett worden. — Der Unteroffizier Georg. Holz, Sohn des Schneidermeisters Isidor Holz, Berlin, Christinenstraße 32, erhielt das Eiserne Kreuz erster Klasse. Gefreiter Georg Benjamin, Sohn der Frau Julie Benjamin, Breslau, Friodrich-Wilhelm-Strahe 5, Funker Franz Heinrich B ehr e n d, Sohn der Frau Klara Behrend, Köslin -r>. Pommern, erhielten das Eiserne Kreuz zweiter Klasse. — Aus Posen wird uns geschrieben: Durch den Tod des Kaufmanns Emil Schoenlank erleidet unsere . Stadt und namenttrch cue Jüdische Gememoe emen herben Verlust. Der Verein der Leberhändler beoauert aus tiefstem Herzen den allznfrühen Heimgang des wertgeschatzten Kollegen, der allen jederzeit bei gemeinsamer Tätigkeit mit klugem Rat zur Seite stand. Seit dem Jahre 1903 gehörte er ehrenamrirch oer fecQfteu Armenkommission an und war |iei* ueu tuuu.i uw 4s»u,wl.^ui Helfer und' Berater. — Eine Stiftung für Lungenkranke hat in B e u t h e n O.-S. der verswrbene Kaufmann Hans Kirschner mir einem Kapital von 12 000 Mark bei der Stadtgememoe errichtet. Die Zinsen sollen zur Unterbringung von lungeniranren Personen in einer Lungenheilstätte Verwenoung finden, und zwar zollen die Vorteile dieser Stiftung abwechselnd einer christucyen uno einer jüdischen Person zugute kommen. Die Stadtverördnelenversamlung hat in ihrer letzten Sitzung diese Stiftung angenommen. — Aus Prep wird geschrieben: Das tragische Geschick, von oem die Fannue des Kaufmanns Salo Schlesinger betroffen wurde, sinder leoyasw Teilnahme. Vor einigen Monaren starb oie Frau, bald darauf siel der älteste Sohn auf dem Felde der Ehre, nun scarv Herr Schlesinger nach kurzer Kranrheit in Breslau rn einer Klinik. Die Leiche wurde von Breslau nach Pleß üvergesührt und ans dem israelitischen Friedhöfe bestattet. — Der Handelsmann Sal. Süjmul rn Breslau verlor an einem Tage-feine Frau und feine veropn Töchter — 24 und 27 Jahre alt — an der Grippe. — Am ^4. August hat der Kriegsinvalide Moses Kaufmann aus Kippenheun in Baoen einen vierjährigen Knaben in Brarmbrunn vor' dem ^ooe des Ertrinkens gererter; er erhielt eine lodende Anerkennung fernns des Negierungspräsldemen in Liegnitz. — Alex Möller, ^oyn des in oer orthodoxen Iud,enhei't hoch angesehenen Herrn Lvois Atvller uno Schwiegersohn seines Vetters. Louis Koppel, oer m den letzten Monaren zwei hoffnungsvolle Söhne auf dem Schlacytselde verlor, ist gelegentlich seines Urlaubs erner Lungenentzündung erlegen. — Der zum Landesrabbiner und Rabbiner oer israelitischen Gemeinde zu Kassel bestimmte Münchener Rabbiner Dr. B ne rwa ld wiro infolge anderweitiger Verpflichtungen sem neues Amt nicht annehmen, oast eine Neuwahl erforderlich wird. — Lemnank der Neferoe Saemy Nofenoerg, Sohn der AZttive Frau Berrya bwsenderg, in Frankfurt a. wt., Peter sstratze 4 roohnhast, yar das Erferne Kreuz erster Klasse. erhalten. — Herr Ravvmer Dr. Italiener (Darmsladt), oer seit Krregsvegmn ais Feldgeistlicher wirkte, har seine amtliche Tätigten wieder ausgenommen und am. Samstag, den 26. Ottover, in der tzauptsynagoge gepredigt. — Als Nachfolger des verstorbenen Lehrers Strauß wuroe Lehrer G. P f r f f e r l i n g aus Aurich zum Lehrer uno Vorsänger des israelitischen Gemeinde zu Marburg gewählt. — In Teplitz rarn es am 18. Ortober in der Stadtveroronetensitzung zu einer Kündgevung für die deutsche Sache, wobei der deutschnationale Stadrveroronete Mühlig wörtlich sagte: „Wir wollen alle Deutsche sein, ob Handwerker, ob Bauer, Fabrikant oder Arbeiter, ob Christ oder Jude. Wir wollen alle vereint dastehen, untrennbar, dann können wir dem Schicksal ruhig ins Auge schauen." Es stünde um die deutsche Sache in Oesterreich nicht so katastrophal, wenn derartige Erklärungen, und zwar : allgemein, früher erfolgt wären. — Aus Budapest wird gemeldet: Der Iassyer Arzt Dr. Steuermann, rühmlich bekannt als Dichter., Schriftsteller und mutvoller demokrati scher Publizist, ein eifriger Vorkämpfer der politischen Gleichberiech.ti.Aung der rumänischen Inden, beging Selbstmord. — Die Nachricht vonder angeblichen Ermordung des Advokaten Dr. Sliosberg in Petersburg hat sich nicht bestätigt. Dr. Sliosberg ist am Leben und gesund. — „Kurjer Polski" zufolge sprach eine ganze Reihe von jüdischen Abordnungen beim Regentschaftsrate vor, um ihre Bereitwilligkeit zu erkennen zu geben, Geldunterstützungen für die Organisierung der polnischen Armee zu stisten. Verantwortlicher Redakteur: Albert Katz in Berlin-Pankow, Florattraße 58. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Max Junge, Berlin-Friedenau. Druck und Verlag von Rudolf Moffe.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.