Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1918)
- Date
- 1918-11-08
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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2. Jahrgang Nr. 48 Der Gemeindebote. kerlin, 8. November 1918 Vellage zur „Allgemeinen Leitung deK Judentums". Lorrrtzwndrnzm und Aschrichten. W. N. Berlin, 5. November. Die Not der Zeit verbietet Festesfeiern. So ist am 25. Oktober d. I. zener Tag still vorübergegangen, an dem. vor zehn Jahren sich eine aus Juden und Christen zusammengesetzte große Festgemeinde zur Einweihung eines n^u errichteten Tempels der Menschenliebe zusammengefunden hatte, der. schwachsinnigen Kindern unter dem Namen „Israelitische Erziehungsanstalt für geistig zurückgebliebene Kinder, Wilhelm-Auguste-Biktorla- Stiftung" im Beelitzer Waldrevier errichtet worden war. Die tagaus, tagein beim Deutsch-Israelitischen Gemeindebund einlaufenden Anfragen nach der Möglichkeit, Schwachsinnig? in einer jüdischen Anstalt unterzubringen, hatten die Feststellung des Notstandes veranlaßt. Es ergab sich, daß in 31 christlichen Anstalten sich 235 jüdische Insassen, davon 120 in minorennem Alter, befanden. Durch ein Referat des Generalsekretärs auf dem am 13. Juni 1906 in Frankfurt a. M. abgehattenen 10. Deutsch-Israelitischen Gemeindelage wurde die. Aufmerksamkeit der jüdischen Oeffentlichkeit aas die klaffende Lücke in unserer Wohlfahrtspflege gelenkt. Weitere Nachforschungen erner daraufhin eingesetzten Kommission führten allein in den Kleinnnd Mittelgemeinden zur Ermittelung werterer 213 in Familien befindlicher Schwachsinnigen, darunter 70 in schulpflichtigem Atter und weitere 35 zwischen 14 und 21 Jahren. Es ließ sich schätzen, daß in den Großgemeinden auch eine gleich große Zahl solcher Unglücklichen vorhanden wäre. Die Zeitumstände erwiesen sich dem geplanten vttsswerr überaus günstig; Großgemeinden, Stiftungen, Donatoren, Privatleute spendeten beträchtliche Summen; die Sammler in den Gemeinden waren in der Lage, reiche Ergebnisse abzusühren, wobei ihnen die patriotische Begeisterung, die durch die Silberne Hochzeit des Kaiserpaares ausgelöst wurde, zugute kam. Die Zahl der immerwährenden Mitglieder, die zum Bau- und Betriebsfonds einen Beitrag von mindestens 300 Mark leisteten, belief sich auf 54. Als die Großloge für Deutschland U. O. B. B. gelegentlich ihres 25jährigen Jubiläums am 17. März 1907 den hochherzigen Entschluß faßte, durch Bewilligung eines Beitrages von 40 000 Mark sich als dem D. I. G. B. gleichberechtigter Partner an dem Werk zu beteiligen, war die für den Anstaltsbau und die innere Einrichtung veranschlagte Bausumrne mit einem Schlage beisammen. Dem Anerbieten der Stadt Beelitz bei Potsdam, ein Gelände von vier Morgen des Stadtforstes, nächst dem Bahnhof gelegen, kostenlos herzugeben, wurde vor dem verschiedener anderer Kommunen wegen der günstigen geographischen Lage und aus hygienischen Gründen der Vorzug gegeben.. Für den Betrieb der Anstalt wurde am 28. Juni 1907 ein besonderer Verein gegründet. Der erste Vorsitzende war Professor Martin Philippf o n; er hat, als Krankheit ihn zur Amtsniederlegung zwang, als Ehrenvorsitzender dem Werk seine tatkräftige Anhänglichkeit erwiesen. Sein Nachfolger war der Großpräsident Geh ei nie r Justizrat T i m endo r s e r bis zum. Frühjahr d. I., wo Ueberbürdung ihn zur Niederlegung des Amtes veranlaßte. Jetzt ruht die Leitung in den Händen des Herrn Sanitätsrat Dr. N a w r atz k i, der als hervorragender Fachmann auf dem Gebiete der Schwachstnuigenfürsorge dem Wohltätigleitswerke in allen Phasen seiner Entwicklung ehrenamtlich seine ärztliche Tätigkeit und seine Erfahrung nn Anstaltswesen zukommen läßt. Auf dem Gebiete der Verwaltung wird er durch Herrn Emil Cohn, der die im Bureau des D. I. G. B. ausgeübte Geschäfts- und Kassensührung leitet, unterstützt. Da es sich um eine Erziehungsanstalt für jugendliche, noch bildungsfähige- Minderjährige handelt, wurde unter Beobachtung aller hygienischen und pädagogischen Grundsätze der modernen Schwachsinnigensürsorge der Bau mit allen Bequeml-ichkeiten, die man kaum in -einer aus dem Lande befindlichen, von Anfang an auf Vergrößerung angelegten Anstalt vermutet, ausgestattet, z. B. Zentralheizung, Warmwasserversorgung, elektrische Beleuchtung. In gleicher Weise ist für die hauswirtschaftlichen Bedürfnisse: Küche, Vorvatsräume, Wasch räume und vor allem für Badegelegenheit in jeder Weise vorgesorgt, ebenso für Wohnrämne des Anstaltspersonals. Nach Vollendung eines während der Kriegszeit zur Ausführung gelangten Erweiterungsbaues sind fetzt Räumlichkeiten für 60 Kinder, bestehend aus Schlafsälen, Schulzimmern, Turnsaal, Arbeitsräumen, wie Tischlerei, Schneiderei und Korbmacherei. vorhanden. Das die Anstalt umgebende vier Morgen große Anstaltsgclände bietet den Kindern euren willkommenen Tmnnvelplatz und ein als Gemüsegarten angelegtes Stück nützliche Beschäftigung und gute Erträge. Der Anstaltsleiter Herr Bein und seine Gattin sind von ihrer früheren Wirksamkeit an der Israelitischen Taubstummenanstalt in Wei-ßensee und durch Spezialkurse für - den Unterricht schwachsinniger Kinder auf ihre Aufgabe vorbereitet. Vor allem aber haben sie die innere Berufung für :hr schwieriges Amt mitgebracht: Hingebung an die Ausgabe und Liebe zu den Kindern, die von diesen in rührender Weise durch Anhänglichkeit erwidert wird. An Lehrkräften hatte die Anstalt in friedlichen Tagen zwei Lehrer zur Verfügung. Beide sind bei Kriegsbeginn einberusen worden. Herr Albert L ev y ist auf den: Felde der Ehre gefallen, Herr L ö w e n sie i n hat, nachdem -er wegen Krankheit beurlaubt war, die Vertretung des in russische Kriegsgefangenschaft geratenen Leiters der Fürsorgeerziehungsanstalt zu Repzin übernommen. Nur vorübergehend ist es gerungen, Ersatzlehrkräfte zu gewinnen. Daher ist die ganze Last des Unterrichtes jetzt auf die Schultern des Anstaltsleiters und seiner Gattin gelegt. Dennoch ist es gelungen, den Unterricht, wenn auch in verkürzter Form, in fünf verschiedenen Stufen aufrechtzuerhalten. Ei'! wichtiger Teil des Unterrichtes ruht auch in den Händen der Pfleger, bei deren Auswahl neben der allgemeinen Eignung Wert darauf gelegt wird, daß sie imstande sind, den älteren Knaben Unterweisung in einem Handwerk: Tilchlerer oder Buchbinderei zu erteilen. Für die Beaufsichtigung beim Spielen forgt eine Kindergärtnerin. Den Handarbeitsunterricht erteilt die Frau des Leiters.— Der Unterricht charakterisiert sich dadurch, daß es sich nicht sowohl um eine Lernals um eine Erziehungsanstalt handelt. Die intellektuellen Fähigkeiten, soweit sie vorhanden sind, werden geweckt und bis zu dem möglichen Grade gefördert, und es gelingt in manchen Fällen ein Maß von Kenntnissen zu übermitteln, das den Laien verwundert. Aber das Wichtigste ist solches mehr oder weniger verstandene Wissen nicht. . Es handelt sich darum, die bedauernswerten Geschöpfe, die sich übrigens gar nicht unglücklich fühlen, sondern bei guter Verpflegung sorglos in den Tag hmeinleben, einigermaßen für das Leben brauchbar zu machen, so daß sie, wenn auch niemals seloständig, doch unter Leitung einen bescheidenen Beitrag zu ihrem Unterhalt erwerben können und nicht cate unerträgliche Last der Ihrigen und ein Gespött der Mitmenschen werden. Daher wird auf die Uebung der manuellen Fähigkeiten von Anfang an die höchste Sorgfalt verwendet, und ihr dienen sowohl die baulichen Einrichtungen als auch die handwerkmäßige Schulung. Auch die moralischen Kräfte gilt es zu üben, das Rechtsgefühl zu wecken, Folgsamkeit aus der einen Seite, Hebung des Selbstgefühls und Widerstandsfähigkeit. gegen ungünstige fremde Einflüsse, denen Schwachsinnige }o leicht zugänglich sind, zu erzeugen. Es gelingt selbst religiöse Gefühle in dem Grade zu wecken, daß ohne Befürchtung einer bloßen äußerlichen Zurschaustellung bei den älteren Zöglingen die Zeremonie der Einsegnung vorgenommen werden kann. Aber auch beruflich haben sich schon mehrere Zöglinge als Handwerkslehrlinge bewährt und die Mädchen im Hausstand. Zwei frühere Zöglinge können sogar im Heeresdienst genügen. — Stets ist auch nach Aus^ führung des Erweiterungsbaues die Nachfrage nach freien Plätzen größer als die vorhandene Zahl. Das Verhältnis der Knaben zu den Mädchen ist entsprechend der Erfahrung, die mcm auch in anderen Anstalten macht, wie 9 zu 5, was nicht etwa auf eine geringere Verbreitung des Gebrechens beim weiblichen Geschlecht, sondern aus germgere Neigung der Eltern, ihren Kirrdern die Wohltat der Austaltspflege zukommen zu lassen, zurückzuführen ist. — Seit Bestehen der Anstalt wurden darin erzogen, unterrichtet und verpflegt 137 Kinder, und zwar 88 Knaben und 49 Mädchen. Der Heimat nach verteilen sich die Kinder wie . folgt: Aus Berlin und Vororte 16 Knaben, 16 Mädchen. Provinz Brandenburg 2 Knaben 3 Mädchen, Ostpreußen 2 Knaben, 1 Mädchen, Westpreußen 3 Knaben, Provinz Posen 12 Knaben, 3 Mädchen, Schlesien 12 Knaben, 5 Mädchen, Pommern 2 Knaben, Sachsen 1 Mädchen, Hannover 2 Knaben, 3 Mädchen, Westfalen 7 Knaben, 1 Mädchen, Hessen-Nassau 4 Knaben, 2 Mädchen, Schleswig-Holstein 1 Knabe, Rheinprovinz 3 Knaben, 1 Mädchen, Königreich Bayern und die Rheinpfalz 3 Knaben, 2 Mädchen, Sachsen 2 Knaben, 1 Mädchen, Württemberg 1 Knabe, Großherzogtum Baden 2 Knaben, Hessen 1 Knabe, Mecklenburg-Schwerin