Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1918)
- Date
- 1918-11-08
- Page
- Seite 540 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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540 doch, daß sie beständig in der Achtung der alten Frau stieg, ob diese auch den Schein des Gegenteils erwecken wollte. Ehaje Rachels Abneigung schien jetzt nur noch etwas Einstudiertes und Gemachtes zu sein, wobei es ihr doch viele Mühe verursachte, ihre alte Unfreundlichkeit nach außen hin aufrechtzuerhalten. Ja, noch mehr; schon öfter hatte Ellen einen eigenartigen, schlauen Blick aufgefangen, als beabsichtige die Alte, ihr eine Ueberräschung zu bereiten, die nur freudiger Natur sein konnte. Die Sache blieb ihr auch nicht lange zweifelhaft. Der erste Abend des Neujahrsfestes war gekommen. Klaßner befand sich im Gotteshause, und beide Frauen erwarteten seine Heimkehr in dem Peinlich sauberen Wohnzimmer, das den Mühen, Sorgen, Arbeit und Geldausgaben der letzten Tage reich gelohnt und jetzt, wie ein Schmuckkästchen, traulich und einladend aussah. Ehaje Rachel war auch jetzt mit ihrem Abendgebet fertig geworden und saß mit ihrer schneeweißen Schürze, mit ihrer fein geglätteten Perücke, die -bände müßig in den Schoß gelegt. ihre Blicke nochmals kritisch und prüfend im Zimmer bernmschweifen lassend, bis diese mit einem eigentümlichen Ausdruck auf Ellen haften blieben. Sie war befriedigt nach aetaner Arbeit, und es drängte sie, ihre Befriedigung auch zum Ausdruck zu bringen. Sie sprach über gleichgültige Dinge, wobei sie sich, wie immer Ellen gegenüber, der Landessprache bediente, oder dessen, was sie dafür hielt. Dadurch wurde es der jungen Frau klar, daß jene ihre Aufmerksamkeit heischte. „Wenn Engel von Frieden werden gucken durch unser' Fenster, werden nicht Angst haben hereinzukommen, weil vielleicht könnte weiße Flügel beschmutzt werden. Uns alle werden segnen und geben ein gutes Jahr." „Ja, Mutter, ich hoffe auch, daß wir des Gottessegens uns würdig zeigen werden," -erwiderte.Ellen feierlich, zu gleicher Zeit sich aber wundernd, warum die Worte unwillkürlich in einer unpersönlichen Form über ihre Lippen gekommen waren. Einige Minuten herrschte wieder Schweigen, bis die Alte, auf ein Gefäß mit Honig deutend, das in der Mitte des sauber gedeckten Tisches stand, wieder die Unterhaltung aufnahm: „Du wissen, warum das ist?" „Nein, Mutter! Ich wollte dich auch schon fragen." ..Zu machen das neue Jahr so süß wie Honig zu unser nerz", erklärte die Alte mit stolz erhobenem Haupt, als wäre sie über die scharfsinniae Erläuterung besonders entzückt. Dann wieder nahm ihre Miene den geheimnisvollen Ausdruck an, wobei sie mit den Augen blinzelte, als bereite sie sich auf etwas vor, um es zur Ausführung zu bringen. „Er ist gekommen schon aus Schul!" Mit diesem freudigen Ruf sprang sie auf und eilte dem Sohne entgegen. „Gut Jom-Tow! Einen guten Festtag und ein gutes Jahr für rms alle!" rief Klaßner freudestrahlend und blieb einen Augenblick auf der Schwelle stehen, um den traulichen und anheimelnden Anblick des Zimmers für eine Weile zu genießen und in sich aufzunehmen. Ellen hatte sich ebenfalls zur Begrüßung erhoben, trat aber einen Schritt zurück, um der alten Frau den Vortritt zu lassen. Nach der ersten Erfahrung, wollte sie ihr das Vorrecht, das sie zu haben vermeinte, nicht mehr streitig macken. Ehaje Rachel aber blieb bewegungslos auf ihrem Platze stehen, während das schlaue Lächeln wiederum auf ihren Lippen zum Vorschein kam. Ihr Blick war auf Ellen gerichtet. „Bist du mir böse, Mutter? Noch dazu an einem solchen Feste?" rief der Sohn, mit ausgebreiteten Armen auf btc alte Frau zugehend. Doch diese wich ihm geschickt aus. „Nein, sie, Frau, erst! Sie küssen erst!" wiederholte sie, auf Ellen deutend. „Frau niüsfen mehr sein als Mutter. Gott selber in heiligem Bibel so" sagen: „Soll Mann Vater und Mutter verlassen." Mit einem verständnisvollen Lächeln und mit verklärten Blicken schloß Klaßner beide Frauen in seine Arme. Bald aber zog er sich zurück und ließ sie nelbeneinanderstehen. Er wüßte ganz genau, was jetzt kommen wird. „Elle! Elle, du sein mein Kind!" rief bebend die Alte. „Mutter!" tönte es zurück von Ellens Lippen. Bald hatten sich beide, Herz an Herz, fest umschlungen. „Wollt ihr denn den ganzen Abend so stehen bleiben? Ich habe einen Riefenhunger!" sprach Klaßner eifrig mit heiserer Stimme, die seine tiefe Rührung verbergen sollte. Um seinen Worten die Tat folgen zu lassen, drängte er die Frauen auseinander, was ihm aber nicht leicht gelang. Ellens Gesicht war mit Tränen übergossen, und auch Ehaje Rachel konnte kaum ihre Bewegung bemeistern. „Ich seien böse, böse Frau. Du aber feine Dame!" rief die Alte wiederholt. „Werde ich aber jetzt Suppe bringen. Soll nicht werden kalt." „Ellen, Liebling," sagte Klaßner freudig: „wir baben das neue Jahr gut begonnen." „Ich glaube es auch," erwiderte sie sinnend. „Weißt du, daß ich etwas Aehüliches erwartet? Deshalb war ich auch über das gespannte Verhältnis zwischen euch durchaus nicht besorgt. Ich war überzeugt, daß das gegenseitige Verstehen nur eine Frage der Zeit sei. Es ist nämlich bei uns Brauche der durch die Läüge der Zeit zu einer religiösen Pflicht geworden, am Neujahrstage mit allen Menschen Frieden zu schließen. Daß die Mutter, die doch wirklich eine fromme Jüdin ist, dieses unbeachtet lassen werde, war für mich undenkbar." „Es ist ein schöner, herrlicher Brauch", sprach die junge Frau, noch immer in Gedanken versunken. 16. Nach einer unruhigen, fast schlaflos verbrachten Nacht erwachte Ellen, um die Welt in dem goldenen Sonnenstrahl eines prachtvollen herbstlichen Morgens zu erblicken. Ehaje Rachel donnerte an die Tür und rief ängstlich, daß es bereits halb sieben wäre, daß sie sick daher beeilen müßten, um den Gottesdienst, der um sieben Uhr beginne, nicht zu versäumen. „Wie würde es aussehen. wenn man erhitzt und eilig, wie ein betrunkener Kosak,-ins Gotteshaus stürmen sollte!" „Liebling, wir wollen die Mutter bei guter Laune erhalten und uns beeilen," sprach Klaßner, um Ellen das Drängen der Alten begreiflich zu machen. „Freilich wäre noch Zeit genug, wenn wir eine halbe Stunde später hinkämen, allein „Unter keinen Umständen, Arthur! Du hast ganz recht, wir müssen sie bei guter Laune erhalten." Sie wollte ihm nicht sagen, daß auch sie ungeduldig geworden war und für ihre Ungeduld noch einen stärkeren Grund hatte. Voll innerer Erregung und Erwartung hatte sie ja dieser Stunde entgegengesehen, wo ihr ganzes Innenleben eine Umwälzung erfahren sollte. Es verursachte ihr daher keine geringe Mühe, ihren Schritt dem Schneckeugang anzupassen, den man mit Rücksicht auf die Alte hatte einschlagen müssen. Trotz ihrer inneren Ungeduld war es aber doch eigenartig, daß die junge Frau jetzt plötzlich noch einen viel langsameren Schritt gewünscht, um dadurch noch mehr Zeit zu gewinnen, sich für.das Bevorstehende vorzubreiten. Nicht twa daß sie nicht bereits früher mannigfache dahingehende Versuche angestellt; allein ihr war es, als ob der scharfe Morgenwind auch ihre Sinne besonders geschärft und durcheinander gewirbelt. Die Männer und Frauen, denen sie begegnete, die zu ihrer täglichen Arbeit eilten, gaben der Straße das Aussehen eines gewöhnlichen Wochentages, der ihre feierliche Stimmung beeinträchtigte, so daß sie schon einigemal verstohlen gähnen mußte. (Fortsetzung folgt.)