Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1918)
- Date
- 1918-11-08
- Page
- Seite 538 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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538 Der Augenblick ist näher gerückt, da die Grundlagen für einen dauernden und gerechten Frieden gelegt werden sollen. Ein solcher kann aber nur dann Zustande kommen, wenn die gerechten Forderungen aller Nationen, der kleinen wie der großen, erfüllt werden, und wenn für eine jede Nation die Möglichkeit geschaffen wird, sich bei Entfaltung aller ihr innewohnenden Kräfte und Fähigkeiten in den Dienst der Menschheit zu stellen. Auch das jüdische Volk erhebt in dieser historischen Schicksalsstunde seine Forderungen. In denr Friedens in strument muß ihm. gesichert werden: 1. Die Festsetzung. Palästinas in den durch geschichtliche Ueberlieferung mib durch politische und ökonomische Notwendigkeilten bestimmten Grenzen als nationale Heimstätte des jüdischen Volkes sowie die Schaffung der für den ungehinderten Ausbau dieser Heimstätte .notwendigen Vorbedingungen; 2. die volle und tatsächliche Gleichberechtigung der Juden in allen Ländern; 3. die nationale Autonomie aus kulturellem, sozialem und politischenr Gebiet für die jüdische Bevölkerung der Länder jüdischer Massensiedlung sowie aller anderen Länder, falls deren jüdische Bevölkerung Anspruch auf sie erhobt. Wir fordern die zionistischen Verbände in allen Ländern aus, diese Forderungen des jüdischen. Volkes vor den Regierungen und der öffentlichen Meinung des Landes zuvertreten, deren Durchführung im Friedensvertrag mit allem Nachdruck Zn verlangen und hierdurch die politischen Bemühungen der Ges-amtorgianisalion wirksam Zu unterstützen. An dem Tage des Friedensschlusses, durch den> die Menschheit sich der Verloirklichung des jüdischen Ideals der Völker Versöhnung und des ewigen Friedens nähern will, muß das 2000jährige Martprium des jüdischen Volkes, das als eine Schuld aus dem Gewissen aller Nationen lastet, gesühnt und wieder gutgemacht werden. Das jüdische Volk muß in den Bund der freien Nationen als gleichgestelltes Glied ein treten. Die Zionistische Organisation. K openhagener B u recm. Victor Jacobsohn. * A m erika und der Z i o n i s m u s. Präsident Wilsons Brief. Das Jüdische Preßbureau, in Stockholm berichtet: Der von uns in einem Telegramm unseres Londoner Korrespondenten bereits erwähnte Brief des Präsidenten der Vereinigten Staaten an den früheren Vorsitzenden des-Provisorischen Zionistischen Exekutivkomitees Rabbi Stephan Wise liegt uns nunmehr im Wortlaut vor, und nur lassen ihn nachstehend in einer wörtlichen Uebersetzung folgen: Washington, 31. August 1918. Mein lieber Rabbi Wise.! Ich habe mit tiefem und aufrichtigem Juteresse die wiederaufbauende Arbeit beobachtet, welche die Weizmann-Kommission in Palästina auf Veranlassung der britischen Regierung ausgeführt hat, und ich ergreife gern die Gelegenheit, um die Genugtuung auszudrücken, die ich empfunden habe über den Fortschritt der Zionistischen Bewegung in den Bereinigten Staaten und in den alliierten Ländern seit der Erklärung Mr. Balfours im Namen der britischen Regierung über Großbritanniens Billigung der Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina und seit seinem Versprechen, daß die britische Negierung die größten Anstrengungen machen werde, um die Erreichung dieses Zieles Zu ermöglichen, wobei verstanden werde, daß nichts getan werden soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte der nichtjüdischen Bevölkerung in Palästina oder die Rechte und die politische Stellung der Juden in den anderen Ländern beeinträchtigen könnte. Ich denke, daß alle Amerikaner tief bewegt von der Nachricht sein werden, daß selbst in dieser Zeit der Gewalt die Weizmann- Kommission die Möglichkeit hatte, die Grundsteinlegung der hebräischen Universität in Jerusalem mit der ihr innewohnenden Verheißung der geistigen Wiedergeburt vorZunehmen. Herzlich und aufrichtig Ihr Woodrow Wilson. * In demselben Amerika machen sich Widersprüche gegen das jüdische Reich geltend: A nt iz i oni st'i sche Propaganda' am er ikan i scher R e f o r w rab bi ner. Das Jüdische Preßbureau. in Stockholm meldet: Die Reformrabbiner Friefh imfo Phtlippson versuchen, eine antizion'isti'sche Liga inis Leben zn rufen, die im Namen der amerikanischen Juden, dem Präsidenten, Wilson eine antizionistische Note überreichen soll. Die jüdische Presse verurteilt! diese Umtriebe aufs schärfste. Der bekannte Philanithrop Jacob Schiss, der eingeladen wurde, sich der Aktiorn anzuschließen!, lehnte entschieden ab, indem er erklärte, daß er seit dem Beginn der russischen! Revolution, und seit Balfours bekannter Erklärung mit denr Zionismus sympathisiere und die Errichtung eines nationalen Heimes für die Juden in Palästina für durchaus wünschenswert und möglich, halte. * Eine Palästina w o ch e der b e l g i sch e n Z i onistenfederation. Das Jüdische Korrespondenzbureau im Haag berichtet: In Nachahmung des Beispiels, das die russischen Zionisten gegeben hatten, veranstalteite die Federation der Zionisten aus Belgien in Scheveningen eine Palästina Woche, die vorn 5. bis 13. Oktober dauerte. Ten Mittelpunkt der Woche bildete eine Palästinaausstellung, die in dem Kurhaus von Scheveningen untergebracht war. Die Palästina Woche wurde am 5. Oktober feierlich eröffnet. Dr. Herz, der Präsident der Federation, wies in seiner Eröffnungsansprache auf die Notwendigkeit hin, in dem historischen Augenblick, den jetzt das jüdische Volk durchlebe, die Propaganda für den zionistischen Gedanken mit erhöhter Kraft weiiterzu führen. Ferner hielten der Präsident des holländischen Zionistenbundes, N. de Lieme, der Präsident der Haager Israelitischen Kultusgemeinde, Franzis Varenistein, der Präsident der Haager zionistischen Ortsgruppe, Dr. David Cohen, und das Mitglied des großen Aktionskomitees der Zionistenorganisation, Jean Fischer, Ansprachen an die Versammlung. Die Paläst.inaausstellung gab eine gute lieber sicht über die zionistische Propaganda, die Kolonisation und die Leistungen der Zionistischen Institute in Palästina. Insbesondere konnte man die Organisation, Propagandamittel, Ziele und Wirksamkeit des Jüdischen Nationalsonds auf der Ausstellung genau kennenlernen. Jüdische Zeitungen aus allen Teilen der Welt, Palästinakarten, Bücher, dw Erzeugnisse der Kunstschule Bezalil, Palästinabi'lder und Zeichnungen füllten zwei Säle des Kurhauses. Anläßlich der Palast in-awoche gab die Federation eine Propagandaschrift „Hatikwah" heraus, in der Jean Fischer über die Aufgabe der zionistischen Propaganda, Julius Simon über Privat- und Nationaleigentum berichtete und Dr. D. Cohen einen begeisterten Appell an die jüdische Jugend richtet, während Fräulein Bala Birnbaum sich an die Mädchen und Frauen wendet; ein offenes Wort an die jüdischen Eltern richtet Dr. A. Roßner. Zahlreiche Mitteilungen der verschiedensten Art und Aeußerungen führender Männer Zugunsten des Zionismus beschließen die Schrift. Täglich fanden in dem Kurhause Veranstaltungen statt, die ein zahlreiches Publikum aus Scheveningen, Haag und anderen Städten Hollands he raulockte. Am 6. Oktober fand ein überaus gelungenes Kinderfest, am 7. Oktober ein Schekelabend statt, auf dem Jean Fischer, Dr. David Cohen, Lozinskh (Jiddisch) und Fräulein Rosenberg (Hebräisch) sprachen. Ter Andrang Zn dieser und anderen Versammlungen war so groß, daß viele hunderte Besucher keinen Einlaß finden konnten und manche Veranstaltung, wie der Palästinaabend, der am 10. Oktober stattfand, wo Lichtbilder aus Po ln st in: gezeigt und Kolonistenlieder gesungen wurden, wiederholt werden mußte. Am 8. Oktober fand ein 6-Uhr-Tee mit Musik, Gesang, der Aufführung eines kleinen Schauspiels usw. statt. Eine .warme Zionistische Ansprache hielt bei dieser Gelegenheit Frau B. Adler-Presse.!. Am 9. Oktober wurde ein Misrechisabend abgehalten, bei der Rabbiner de Vries aus Haarlem und die Herren S. Fendter und Baununger sprachen. Am 12. Oktober fand eine hebräische Versammlung statt. Der Präsident der Krufch Chowawe Sefath Ewer, F. Fronmann, hielt die Eröffnungsansprache.