Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1918)
- Date
- 1918-11-08
- Page
- Seite 537 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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537 Nicht minder bedeutend war eine zweite umfangreiche . Arbeit über die „Frankfurter gelehrten Anzeigen" (1772), jene kritische Zeitschrift, in welcher der jugendliche Dichter im Verein mit Herder, Merck, Höpsner und anderen schonungslos und übermütig seine Kraft an zeitgenössischen Veröffentlichungen versuchte. Es handelte sich dabei im wesentlichen um Beantwortung der wichtigen und schwierigen Frage, welcher Anteil an diesen anonym erschienenen Rezensionen dem Dichter gebühre: eine Frage, die nur aus stilkritischen Gründen zu entscheiden war. Das Aufsehen, das diese Untersuchungen hervorriefen, wird bekundet durch drei Auflagen, die das Werk erlebte, und es bleibt ein schönes Zeugnis für den gegen sich selbst rücksichtslosen Forscher, daß er nicht eigensinnig bei seinen Behauptungen beharrte, sondern in jeder neuen Auflage weiterschritt und daß er, empfänglich für Belehrung, sich dabei selbst verbessernd, die Resultate seiner früheren Darlegungen umzustoßen und durch neue zu ersetzen sich nicht scheute. Seine Hauptleistung war die dritte Arbeit, die Herausgabe des von Hirzel 1876 herausgegebenen „Jungen Goethe", der Sammlung alles dessen, was Goethe bis zu seinem Eintritte in Weimar geschrieben hatte: Werke, Gedichte, Briefe und Tagebücher. Diese Herausgabe war kein bloßer Neudruck, sondern eine nach Vergleichung der Originale hergestellte vollständig neue Ausgabe, durch wichtige Funde vermehrt, durch Zeugnisse «der Zeitgenossen bereichert, mit einem aufschlußreichen vollständigen Kommentar versehen. So wurde dieses 1909 bis 1912 erschienene sechsbändige Werk nicht bloß eine Verdoppelung der ursprünglich 3 Bände umsaffenden Hirzelschen Sammlung, sondern eine vollständige, unübertroffene Zusammenstellung alles dessen, was aus der Frühzeit des Dichters übriggeblieben ist. Mit den genannten Werken war Morris' Tätigkeit nicht abgeschlossen. Einige Jahre hindurch war er vielmehr Mitarbeiter einer großen Weimarer Goethe-Ausgabe. Für diese schloß er die naturwissenschaftlichen Schriften ab, zu denen freilich -bewährte Forscher ihm vorgearbeitet hatten, und wirkte mit an der Fertigstellung -der letzten Briefbände. Mit diesen Arbeiten begnügte sich der Forscher nicht, der auch nicht aujhörte, feinen ärztlichen Beruf auszuüben. 1900 ließ er ein Buch „Die Mentawei-Sprache" erscheinen: Grammatik, Wörterbuch nebst Sammlung von Märchen und Liedern der Sprache eines Dolksstamms in Niederländisch- Jndien, ein Werk, das bei gelehrten Philologen hohe Anerkennung fand. Endlich wendete er sich in den -letzten Jahren seines Lebens einer schwierigen Arbeit zu, der Auffindung der von Bismarck in -den 40er Jahren der „Kreuzzeitung" beigesteuerten Aufsätze. Hier galt es, da diese Auffätze ohne Namen erschienen waren, mit Hilfe sprachlicher Kriterien und biographischer Indizien dem großen Staatsmann sein geistiges Eigentum zuzuweisen. Nur wenige Proben dieser neuen Arbeit find bisher veröffentlicht: sie bekunden eindringendes Verständnis und glücklichen Scharffinn. Auch als Kritiker neuerer Arbeiten bewährte sich Morris. In der Zeitschrift „Euphorion" und in den „Jahresberichten für neuere Literaturgeschichte" beurteilte er moderne Erscheinungen auf dem Gebiete der Goethe-Literatur, off streng und rücksichtslos, dabei aber gern tüchtiges Streben anerkennend. Morris hat äußere Ehren, nach denen er freilich nicht strebte, wenig empfangen. Von der Goethe-Gesellschaft wurde ihm die für besondere Leistungen gestiftete goldene Medaille zuerkannt, Orden und Titel empfing er nicht; der strebsame Arzt erhielt wohl den Titel eines Sanitätsrats, aber die Bezeichnung „Professor", die ihm wahrlich gebührt hätte, blieb ihm versagt. Morris war als Jude geboren und ist^als_ Jude^ gestorben. Wie er innerlich zum Judentum stand, ist mir nicht bekannt. Uns, die wir ihn kannten und schätzten, bleibt er ein Vorbild reinen Strebens, idealen Sinnes, pflichtqetreuer Arbeit. Morris war ein echter deutscher Gelehrter, der ruhig, unbekümmert seines Weges ging, nur der Sache ergeben, seine Pflicht erfüllend, ein schlichter redlicher Arbeiter, seiner selbstgewählten Aufgabe getreu bis zu seinem letzten Hauche. L. G. jpuö und über Mlültins. mit so geringer Begeisterung wir auch die Errichtung eines jüdischen Reiches in Palästina begrüßen, so erscheint uns diese unvermeidliche Tatsache doch von so großer Bedeutung, daß wir uns verpflichtet fühlen, alle authentischen Berichte darüber zu sammeln und unseren Lesern vorzulegen. Darum »rächen wir in dieser Nummer den- Anfang mit einer speziell Palästina gewidmeten Rubrik und werden uns bemühen, ohne Voreingenommenheit das tatsächliche Material zusammenzustellen und, sofern es nicht notwendig ist, die hier zusammengestellten Nachrichten ohne Kommentar und besonders ohne Kritik unseren Lesern mitzuteilen. Die Red. Das Jüdische Pveßbnreau in Stockholm meldet: Die Forderungen des jüdischen Volkes. Das Kopenhagener Bureau der Zionistischen Organisation richtet folgendes Ziknlartelegramm an sämtliche zionistischen Landesverbände: Dr. Max Morris gest. 25. August lS18. r V ' ' ’ ,V ■'