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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-11-08 · Heft 45 (8.11.1918) · p. Seite 536

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 45 (8.11.1918)
Date
1918-11-08
Page
Seite 536 (sequence 8)
Language
German
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536 Das Verhältnis des Judentums zum Staat mud zum Baterlande erörterte Rabbiner Dr. Hildesheimer. „Der große Prophet, der -die erste Zerstörung 'der Heiligen Stadt und des Heiligen Landes erlebte, gab den in die Verbannung ziehenden Brüdern den Spruch mit: „Betet sür das Land, in das ihr geführt werdet, und betet für seinen König." Dieser Grundsatz zieht sich als gerade Linie durch alle unsere Religionsguellen, durch den Midrasch und den Talmud, in dem es heißt, daß Gott seinem Volke einen Schwirr abgenmnmen hat, daß es sich nie gegen die.Gesetze eines Landes, in dem es lebt, auflehnen wird. Diese Einordnung in die Landesgesetze ist nicht Kriecherei oder Liebedienerei, sondern sie liegt tief begründet im Wesen des Judentums. Von der Stunde der Offenbarung und der Auserwählung an hat das Judentum sein geistiges Erbe gehütet. Der Volkskörper konnte getroffen werden, aber das Ideal blieb unberührt. In dieser Stunde tiefsten Leides rufen die Juden den Deutschen zu: seht auf uns, nur gingen nicht zugrunde, obwohl wir mehr litten als ihr. llnser sittliches Bewußtsein bewahrte uns vor dein Untergang, und Deutschland wird ewigen Bestand haben, wenn es in dieser Beziehung von den Inden lernt." Außerordentlich sympathisch berührte die Ansprache des Rechtsanwalts Dr. Apfel, der als Vertreter des Verbandes der jüdischen Zugendvereine Deutschlands sprach: „Mit tiefer Verbitterung gedenken die jungen Juden der Zeit vor dem Kriege, in der man uns zu Staatsbürgern zweiter Klasse degradierte und ein immer schamloserer Antisemitismus viele Träger des anden regime, das Offizierskorps und die Beamtenschaft ergriffen hatte. D e r A n t i s e m i tis - mus hat Mitschuld an der heutigen Isolierung Deutschlands. Als der Krieg ausbrach, war alle erlittene Unbill vergessen; das Vaterland war ja in Not! Mit glühender Begeisterung griff die jüdische Jugend zu den Waffen. Es gab kaum eine jüdische Familie, die nicht mindestens einen Freiwilligen heraussandte: es gab kaum einen jüdischen Jugendverein, der nicht völlig beruwift-c. Und es verging kein Tag, an dem nicht jüdische Mütter und Frauen Trauer anlegen mußten. Tie erste offizielle Antwort auf unsere Hingabe war — die I u d e n z ä h lang (stürmische Pfuirufe), die eine schwer zu löschende Schmach in Deutschlands Kriegsgeschichte sein wird. Deutsches Vaterland! In dieser schwersten Stunde kommen unr wieder zu dir und rufen dir zu: Wir sind wiederum von ganzem Herzen bereit, dies alles zu. vergessen; noch einmal geloben wir junge Juden, uns dir hinzugeben und an deinem Wiederaufbau mitzuarbeiten. A b e r u n e v b i t tfi ch b e st e he n wir an f unseren me n sch l i che n u n d st a a t s b ü r ge r - lichen Rechten! Wir lassen uns mit Phrasen nicht abspeisen und wollen unsere Gtei-chberechtigung nicht wieder nur auf dein Pap-ier, sondern in der Tat sehen. Deutschland fordert den Gerechtigkeitssrieden. Deutschland muß aber auch int Innern Gerechtigkeit üben; ein Deutschland, welches duldet, daß Judenhetzen angeregt werden, um die grausige Schuld von glNvissen Elementen abzuwälzen, zieht sich die Verachtung aller Edelgesinnten zu. 'Md sollte das neue Deutschland, das in diesen Tagen ersteht, unsere \ Hoffnung zuschanden werden lassen, so werden wir bis ginn letzten Rest unserer Kraft für unser Recht fäinfvfien, das Gewissen unserer Landsleute aufrütteln und an das Empfinden der gesamten anständigen Welt appellieren. Mit festem Schritt, in würdiger Zurückhaltung, aber mit inniger Liebe, naht sich die jüdische Jugend dein Altar des Vaterlandes. Sie. ist bereit, alle ihre Kräfte in seinen Dienst zu stellen." In seiner Schlußa n spräche mahnte Justizrat Eugen F u ch s noch einmal in bewegten Worten zum inneren Frieden. „Wir Juden sind unverbesserliche Optimisten. Wären wir es nicht, so hätten nur nicht ein Leben lang für die Gleichberechtigung unserer Glaubensgemeinschaft einen Kampf geführt, der Zuerst ganz aussichtslos erschien. Wir vertrauen auch weiter auf die befreiende Macht des Geistes und den Sieg des Rechtes und der Gerechtigkeit. Ich hege die unerschütterliche Hoffnung, daß aus dem blutigen Völker ringen ein e edlere und bessere Zeit erblühen wird. Die Ideen sind stärker als die Drahtzieher, die Logik der Tatsachen ist unerbittlicher als die Absicht der Völker. Es gibt Kräfte, die das Böse wollen und das Gute schaffen. Unsere Feinde haben das Selbstbestimmungsrecht der Nationen in die Welt gesetzt, vielleicht nicht aus idealen Motiven, sondern um uns zu vernichten. Wer schon scheint es, daß wir für das, was wir verlieren, einen ungeahnten Ersatz erhalten werden. Auch hier hat die Kraft, die das Böse wollte, das Gute gebracht. Was uns aber auch von außen drohen mag-, schlmmrer als der äußere Feind erscheint mir der innere Zwiespalt, Bürgerkrieg und Revolution. Bewahren wir den inneren Frieden! Ein Siebzig-Mtllionen-Volk, das ein-ig, dem Recht und der Freiheit nachstrebt, kann nicht untergehen. Ein einiges, freies Deutschland hat ewigen Bestand. Einigkeit und Recht und Freiheit sind des Glückes Unterpfand! Wenn wir nach Einigkeit, Recht und Freiheit streben, dann werden wir uns selbst erheben, und unser Streben wird dem Daterlande, der Judenheit und der Menschheit zum Segen gereichen. Durch Nacht zum Licht!?er aspera ad astra!" E. M. MaL Morris. m 25. August 1918 ist Max Morris, noch nicht 59 Jahve alt — er war am 18. September 1859 geboren — gestorben. - Er gehörte Berlin an und blieb der Preußischen Residenz, trotz weiter Reisen, bis zu seinem Tode treu. Wohl darf auch er als ein Opfer des Krieges betrachtet werden, denn der zwar zarte, aber widerstandsfähige Mann, der in seinem Leben viele Anstrengungen überwunden hatte, war den Mühen kriegsärztlicher Tätigkeit, denen er sich freiwillig unterzogen hatte, nicht gewachsen und legte in den Lazaretten des Ostens, in denen er tätig war, den Keim zu der Krankheit, der er frühzeitig erlag. Morris war eine ganz ungewöhnliche Erscheinung. Er war mehrere Jahre ein sehr beschäftigter Arzt in der Peripherie Berlins, als er plötzlich, nachdem er freilich literarhistorische Neigungen immer bekundet hatte und durch seinen engen Freundschaftsbund mit R. M. Meyer und O. P n i o w e r in die glänzende Entwicklung eingeweiht war, welche die literatuvgeschichtlichen Studien genommen hatten, mit selbständigen Arbeiten hervortrat. Es Maren keine schablvnenmäßigen Aufsätze, keine feuilletvnistischen Ausführungen, keine tastenden Versuche eines Fremden, sondern kühne, geradezu revolutionäre Untersuchungen. Die Urbilder einzelner Personen von Goethes Werken, wurden mit großem Scharfsinn nachgewiesen, Quellen auf Grund eines stupenden Wissens aufgedeckt, Deutungen dunkler Gedichte, wie „Mädchens Held", „Weissagungen des Bakis", in geradezu verblüffender und doch überzeugender Weise versucht. Zuerst lächelten einzelne Fachgenoffen; andere verhöhnten den Eindringling, den sie als Mediziner für keck äusgaben, er aber wußte, nicht durch Hartnäckigkeit, sondern durch die Gewalt feiner Gründe, durch die Sicherheit seiner Methode, durch die Schlichtheit und Schönheit seiner Darstellung sich durchzusetzen. Ich freue mich noch heute und rechne es mir zur Ehre an, daß ich der erste war, der seinen kühnen Darlegungen Platz in dem von mir herausgegebenen Goethe-Jahrbuch gewährte und ihm dadurch den Eintritt in die wissenschaftlichen Kreise eröffnete. Seitdem wurde er ein gern gesehener Gast mehrerer wissenschaftlichen Zeitschriften und bahnte sich durch bedeutende Veröffentlichungen seinen Weg. Drei Sammlungen bekunden seinen rastlosen Fleiß und seine stets fortschreitende und von Beifall gekrönte Forscherarbeit. Die erste waren seine 1890 zuerst erschienenen „Goethe-Studien" (2 Bände), die einige Jahre später in zweiter Auflage erscheinen konnten. In ihnen fanden die erwähnten Untersuchungen Platz, daneben tief eindringende Arbeiten über die von Goethe benutzten Urbilder Christiane und Herzogin Luise, vor allem überaus scharfsinnige Studien über den Faust, die Konzeption des Urfaust, die Veränderungen in der Darstellung des Mephistopheles, den Einfluß, de» Swedenborg auf Goethes Denken geübt; besonders wichtig war die Art, in der die zahlreichen Paralipomena: Bruchstücke, kurze Aufzeichnungen, Notizen Goethes gedeutet und eingeordnet worden.

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