Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1918)
- Date
- 1918-11-08
- Page
- Seite 535 (sequence 7)
- Language
- German
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535 Hau-ptu-nglück aber ist, -daß. wir WeLtPo-Mik getrieben haben, ohne i n n-e rpolitisch oder weltpolitisch mündig zu sein. Und daran sind RHg-i.er.nrvg. und Regierte, sind wir alle vom. ersten, bis zum letzten -ohne Ausnahme selbst schuld- Und weil wir .alle Schuld tragen, wollen wir nicht Sündenböcke suchen, sondern' nach dem inneren Frieden trachten. Wir wollen vergessen, was Zwietracht geschaffen hat und was Zwietracht schaffen kann: auf dem Boden der Neuordnung wollen, wir ein neues Lebenbegründen, vereint unsere Kräfte in den Dienst des Vaterlandes stellen." (Beifall.) Ju-stizvat Sonne.nfeld hielt in seinem, Vortraae über „Da 2 6>-ebot der Stunde" zunächst eine scharte Abrechnung mit den Antisemiten, welche die Jahre des Krieges dazubenutzten., die mnere -Front zu erschüttern. „Der Zentrumsabaeordnete Erzb e r g e r bat in seinem Buche über den Völkerbund für das Christentum die Priorität des Gedankens der Beendigung der Kriege durch einen Bund aller Völker in Anspruch genominen.. Der Gegen - beweis geaen diele Behanptung und für das ältere Anrecht des Judentums auf diesen völkerversöhnenden Gedankenist durch die zahlreichen Bibelw-orte leicht zu erbri-naen, die klar und deutlich ans das ferne Ziel einer Völkerverbrüder:: na binweistn. Der Völkerbund, den die Bibel verbeißt. ist kein Ideal, das auf verailbten- Blättern siebt, sondern d^r Inhalt unserer -täglichen Gebete. der Ethik des Judentums -ergänzensich Brieden und Gereckt--akei-t z>ueiner schönen Einheit. Die Gerechtiakeit müssen« die deutschen Inden im täglichen Leben noch allzusehr vermissen, sie wird ihnen unter nichtsig aenden Sck-lagworten .unduuer wiest ne-n Bebauptuuaen immer noch, vor-on-tba-lten-. Zn den- Lieb-li na Kara.n menten unserer Geaner aebört Vorwurf, daß die Juden' sichvor dem Militärdienst drücken. Die Nnwahr-bast-iakeii. vieler Bd'chnld-''a-u-na gebt ans der Geschickte nn-strer G-emei-nstlast klar hervor. Die Indenhabeniinnrer 1,111 das Recht, ihren: Vaterla-nde zu dienen-, a<stö>mpst. Als den Indenim- Jahre 1812 der Militär dienst -erlchloss-en wurde, drängton sich die jüdischen, Freiwilliaenin Scharen *1: den tabuen. Als eine d^u-tlche Reaieruna, den, Juden anbot, sichdurch- Löstaeld vom Militärdienst zu befreien, brach! ein Sturmder Entrüstuua los, und als 1833 die Wehrpflicht der Inden an-saehoben Ui er den sollte, erhoben sich alle großen und mittlereni::di schon' Gemeinden- Preußens. um daa-oaen zu protestieren. Und mit welcher Veaelsterung ist nicht unsere Jugend 1914 in den« Krieg gegmwen! Die Juden, die sich Irrt Frieden nick-t zu O ssi zi er en eigneten, sind in Scharen im Felde Offiziere geworden. Das sicherste Zeichen für ihre Leistungen ist die Fülle Eiserner Kreuze, auch erster Klasse, die nicht den indischen Offizieren verliehen wurden, sondern den Mannschasten.. die erst» deshalb Offiziere wurden. Man bleibt aber trotzdem bei der Verdächtian-nader Drückebergerei-, -es kan:, i'ogar zur I u d enzähl -un g. Inder reichsden-tlchen Presse ivurde ebenso wie in der deutschen Presse Oesterreichs zur Lynchjustiz und zu Pogromen gegen die Juden aufgerus-en. In, der allgemeinen Verwirrung aller Begriffe wird als jüdischalles das bezeichnet, was unerwünscht ist. Die Indenhaben den. Krieg herbe igewünf-cht, die Juden sind, es, die den- Frieden' erstreben. Das erinnert an das Mittelalter, wo die Juden auch die Pest erzeugt, -haben sollten. Rur -durch, ein ehrliches- Bekenntnis kann dieser Verwirrung ei-n Ende gemacht werden. So will auch der Zentralverein. in dieser ernsten Stunde Stellunguehrnen zu den. Fragen der deutschen Gegenwart. Den- Vorwurf, daß wir Vaterland und Monarchie nicht wünschen, müssen wir znrückweisen. Alle Juden, Liberale, Orthodoxe und die deutschen Zionisten, haben ihr auf dem Altäre des Vaterlandes geopfert. Wir Juden sind nicht Männer der R e v 0 l u1 i 0 n , sondern der E v 0 l u-t v 0 n- und- -vertrauen auf die Zukunft unseres Vaterlandes. Wir glauben, daß ein Volk wie die Deutschen-, stark geworden -inder Arbeit des^ Körpers und des Denkens, groß .gewordenim- Sparp-mkei-tssinn, nicht zugrunde geht, wenn es einen- Kriegverliert. Vertrauen zu den H ee r f ü h re r n , zu d e r V 0 l.k s r e gie r u n g, zum Volke und zu dem einzelnen, das sind die Leitsterne, denen wir folgen müssen. Um. dieses Zieleswillenwollen wir Judenvergossen, was man uns angetanhat^ Wi r forde rn aber , daß m an in Zukunft auch unsere Rechte wahr t. In dieser Gesinnung strebenw-i-r nach dem, Frieden. Unsere Mitbürger sollen es wissen, daß. wir bereitsind, 'den Frieden zuer kaufen -mit allen Opfern, aber nicht mit dem unserer -Ehre!" Als nächster Redner sprach Professor Dr. Franz Oppenheimer. „Wir stehen in ernstester Zeit. Eine Welt bricht vor unseren Augen M-sammen, und wir wissen nicht, wasunser Schicksal sein wird. Was uns bisher betroffen, ist nur ein Anfang. Der Irieden-sschluß wird nur .den ersten- Teil eines sünfak'tigen Dramas beenden. Es liegt inder menschlichen- Natur, nach den Scknld-iaen z,n tragen, die did'ie Weltkatastrophe entfesselten. Diese Frage ist müßig. Wer von den vielgenannten Männern, wie G r e v . P 0 : ncar 4 oder der E x z a r N i> k 01 a it s, bat ein so heroisches Format gehabt, baß er dazu imstande gewesen wäre? Sie sindaus Angst in diele Katastrophe Hineingetanmelt. die jeder von, ihnen noch im, letzten Moment verhindern wollte. Die I n: v e r i a l i s m e n und K a p i t a I is m e n der rivalisierenden Großmächte sind ans-ei-nandergeplatzt. Di-e Schiuldfra-ae kann nur ein Narr stellen-! Was schadet es im kosmischen- Sinne, wenn einen Sommer lang der Wipfel eines aestindon- Baumes vom Sturm umtost wird? DieWurzel der deutschen- Eiche und der gesamten Mens.ckh.eit ist durch das Weltgew-itter vo-n ihren gew-altigsten ^ckädlinaonbefreit worden-: vom- Zarismus -und vom B 0 r it s 1 i s ui u s. Was uns quälte und der Menschenwürde bera-nbte. ist gefallen-. Es besteht eine riesenhafte KollektivWul-dam Kriege, an der auch Deutschland mit schuld hat und auch die deutschen- Juden, d-i-e den- Tanz umdas goldene Kalb mitgemacht haben. Der Krieg ist anaezottelt von den Imperialismen aller Länder, die auch die Kosten zu zahlen haben. Wir kennen das deutsche Volk bester, als- :rn-§ die Deutschen kennen, nnd wissen leinen Wert,. Deshalbstehenwir a-uch heu-te treuzu den: Lande, desten Sprache wir sprechen und desten- Wälder uns umrauschen, and stehennoch fester zu ihm, als in den Tagen des Glückes. Deutschland ist nich-t verloren, denn es sind ihmnur solche Güter aeno-m-men worden-, die wir uns in Freiheit und Fr-ied-en wieder schassen können. Wir inüflen -m-ithelfen, daß der Geist von- 1914. nickst der Gei-st des Schwertes, sondern der Geist der Brüderlichkeit und des Opfermutes, wieder inallen Volksgenossen lebendig wird." Rabbiner Dr. Weiße hielt die nächste Ansvrache. „Im Rahmender Religion, der wir alle angehören, wollen wir ans klar iv-erde-n-, iv-as -uns Herzen-sbedürsn-i-s in dieser Zeit -ist. Wir Inden sind mit Deutschlandfest verwurzelt. Sck'-on zur Zeit der römischen K-ai ier gabes den Rhein entlang jüdi,sche Kolonien,. Kei-ner kann s-a-aen. daß wir Fremde auf d-eutschenr Boden sind, obwohl wir vielfach als Freu:,de behandelt undentrechtet Vierden. Trotzdemist :instre tiefere Liebe zu- Dentstbland in diesem Leide noch aelvachsen. Das Judentumhat die Liebe zur -beiniat im-iner als größtes H-eiliatinn gevflegt. Si-e wurzelt in un-ser-er Religion' und unserer Geschichte. Das Wort des Propheten- Mal e a cht: Wir haben alle einen Vater, ein Gott bat -u-ns g-eschassen-, -ist immer von uns Juden beherziat worden. Wir haben i-m-mer für jede Reli-gion Verständn-is gehabt. Gerade die Ilnduldfamkei-t, aufdie wir gestoßen sind, hat unser V-erständnis. für wahre Duldung gestärkt. Wir -nrüssen es erleben-, daß unsere Kinder geschmäht nnd zurückgesetzt werden, daß die Obrigkeit den Meineid belohnte, indem sie diejenigen, welche gegen -ihre Ueberzeugung ihre Religion abgeschwor-enhaben-, vor den- Juden-, die ihren: Glauben treu gebli-eben sind, bevorzugte. Es ist ein R-u-hn:esb>latt in der Geschichte der deu-tfchen Juden, daß sie in Deutschland, wo sie am schiversten und an:, längsten litten-, au: tiefsten wurzeln. Wir fühlen in -d-ieser Zeit der Not, wie tief wir mit, Deutschland verloachsen sind. Wir deutschen Juden bleiben den: deutschen Vaterlande treu-, mit Herz und Hand, mit ganzer Seele und ganzer Kraft!" Die Stellung der jüdischen Frau zun: deutschen Vaterlande bezeugte die Vertreterin des Jüdischen Frauenbundes, Fra.u Henriette May. „Schwere Tage liegen vor uns, doppelt schlveve für die Frauen und fast allzu schwere für die jüdischen Frauen, die sich ihrer Verpflichtung gegen ihre Glaubensgenossen voll bewußt sind. An unsere Kräfte werden Anforderungen gestellt wi-e in jenen Tagen, als der Aufschwung einer großen Stunde alle Parteien einte. Wenn jetzt in dieser Schicksalsschlvereu Stirnde vieles, ja alles um uns wankt, so stehen unerschütterlich fest die beiden Grundpserler unseres Wesens: unser Ju dcnt u n: u n d u n s e r D e u t s ch t u u:."