Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1918)
- Date
- 1918-11-08
- Page
- Seite 534 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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zweimal sagen, .denn gerade vor ihren Angen breiten sich höchst verlockend die Reihen der großen Kauflüden aus, an denen die kleine Stadt, in der jährlich zur Messe viele Menschen.zusammenströmen, besonders reich ist. Und nun gehls los! Zwar haben die Kaufleute, die schon gewarnt waren, die Läden nach Möglichkeit mit eisernen Schlössern und Düren verrammelt, aber der wütenden Erregung einiger hundert kräftiger Soldaten gegenüber will das natürlich wenig besagen.. Die Schlösser brechen, die Türen biegen sich— hier und dort versucht der Ladeneigentümer die Masse vom Plündern zurückzuhalten, aber das ist fast immer vergebliche Nur in einigen kleinen Läden gelingt es: da hat sich der Inhaber einen alten Soldatenmantel übergelegt, begrüßt die Heran stürmenden als alter Kamerad, schwindelt ihnen von zehn Kindern etwas vor, kurz, weiß die Leute zu überzeugen, daß er fein Kapitalist, kein Bourgeois, sondern auch nur ein armer Teufel ist. Die Inhaber der großen Läden, als Häupter des Kapitalismus bekannt, haben sich alle verkrochen, und auf diese großen Läden geht es mit besonderer Erbitterung los. Was da für gute Dinge zum Vorschein kommen. Hier der große Kürschnerladen — Pelze, Pelzmützen, hohe Filzstiefel (Walieki), dort ein ganzes Schuhwarenlager, vom hohen Reservestiefel bis zum zierlichen Damenschuh herunter, dort langentbehrte Nahrungsmittel, Tee, Kakao, getrocknete Früchte, Reis, hier Kleiderstoffe, Handschuhe, Drogenwaren, photographische Apparate, Haufen eleganten Briefpapiers mtb was dergleichen Herrlichkeiten mehr sind. Auf den Straßen liegen die Soldaten auf den Knien, wühlen in den Schätzen, die sie erbeuteten, verkaufen und verschenken sogar wahllos, wenn es ihnen gerade in den Sinn kommt. Und schon lecken die ersten Flammen an den verödeten und bis aufs letzte ausgeleerten Häusern empor: die Glocken beginnen zu heulen, und die Feuersbrunst breitet sich mehr und mehr aus. Allmählich ward den Soldaten, von denen ein Teil aus städtischen Einwohnern bestand, die angerichtete Zerstörung leid; sie beteiligten sich selbst an den Löscharbeiten, und so ward die Verheerung auf den Mittelpunkt der Stadt beschränkt. Unvergeßlich wird mir bleiben, als höchst charakteristisch für die Gutmütigkeit der russischen Soldaten, mit welcher Selbstverständlichkeit sie an Arme von den erbeuteten Gegenständen verteilten. Auch entschiedene Spuren von Deutschsreundl-ichkeit fielen auf: mit besonderein Vergnügen entsinne ich mich beispielsweise, wie eine Gruppe plündernder russischer Soldaten mich freundschaftlich einlud, mir doch auch zu nehmen, was ich brauche. Ich schwankte — das gestehe ich offen — einen kleinen Augenblick, bevor ich dies Anerbieten mit ein paar frenndlich-kameradschaftlichen Worten ablehnte. * Von Hermann Struck sind: Fünfzig Originalsteinzeichnungen in Vorzugsdrucken auf Japan, vom Künstler signiert. 50 numerierte Exemplare in Mappe. Druckerei des Ob.-Ost. M. 5,50—. Verlag Jos. Baer, Frankfurt a. M. erschienen. Sie sind mir nicht zu Gesicht gekommen und werden bei dem außergewöhnlich hohen Preise wohl schwerlich als Rezensionsexemplare verschickt werden. Ich muß daher ausnahmsweise, ohne das Buch gesehen zu haben, von dem Buch sprechen, weil es mir so bedeutsam scheint, daß ich davon zu reden die Verpflichtung fühle, ohne Einsicht in das Werk genommen zu haben. In einer 'sehr warmen Anzeige der neuen Veröffentlichung von Arnold Zweig heißt es zum Schluß: Der Gegenstand aber ist das Gesicht des jüdischen Volkes; diese Mappe ist das Dokument der Treue und der Liebe. Ostjuden bat Struck gezeichnet; und wer immer von diesem Teile unseres Volkes reden Null, ohne längere Zeit mit seinen Söhnen und Töchtern gelebt zu haben, findet hier nnb nur hier ihre Gesichter. Alle Lebensalter und alle Stufen ihrer sozialen Gliederung sind da; unverschönt durch Sentiment, unverzerrt durch Karikatur, unabgelenkt durch das Aeußerliche und Zufällige. Wie leicht wäre es gewesen, ihre Ekstase steigern, ihre rasche Geste übertreibend zu befestigen. Aber der Künstler, der Liebende, hat sie gegeben, wie sie sind, voll grenzenlosen Vertrauens in das Gesetz der Harmonie, nach der eine so liebenswerte Geistigkeit unmöglich ohne die liebenswerte Leiblichkeit bestehen kann. Die Leidenschaft macht blind; die Liebe sieht hell. Dein ruhigen, dem ruhenden Blicke enthüllen diese Gefickter ihren Van, ihre Beseeltheit, ihre Heiterkeit und Güte, ihr unsägliches Vertrauen in die Beständigkeit des Lebens, ihre kindliche Hingabe an Gott, das Schicksal. Dies aber ist an Strucks Mappe das Schönste unddas Politische. Denn inr Streite um die Bestimmung dieses Volkes, um seine Auslieferung -an polnische Willkür oder um die staatsrechtliche Sicherung seiner kulturellen Selbstlenkung wird oder kann, wenigstens denen, die nm dies Geschick würfeln, ohne den uns kostbaren Eürsatz zu kennen, oder den Schlimmeren, die von einer Drei-Tage-Hetze durch offiziös hergerichtetes Land her behaupten, die Ostjuden zu kennen, ein unablässiges und spöttisches Paroli geboten werden. Hersehen! rufen diese Gesichter; Sehen! verlangen sie. Die Sprache des Künstlers ist die Sprache seines Werkes; die Politik des Künstlers ist die Gesinnung seiner Form, ist die Intensität des Geschaffenen und seine Sprache. Ein Aufruf verhallt; eine tendenziöse Zeichnung, ein schreiendes Gedicht spricht erst sehr stark und bald nicht mehr; die Form aber, Tochter des Dienstes, des Könnens, der Treue und der Liebe, besteht für lange Zeit, und ihre Voraussetzung ist nur die alles Zusammenlebens: ein menschliches Herz. Das Gebot der Stunde. Ein vaterländisches Bekenntnis der d e u t s ch e n I u d e n. m Sonnabend, den 3. November, hielt der Z e n t r a l v e r e i n deutscher Staatsbürger jüdischen G l a u Tb c n § in der Philharmonie eine Versammlung ab, die sich zu einer erhebenden Kundgebung des vaterländischen Sinnes der deutschen Judenheit gestaltete. Der große Saal war schon lange vor Beginn der Tagung überfüllt. Um dieser Versammlung den richtigen Resonanzboden zu verschaffen, hatte -der Zentralverein die Spitzen der S f <a a t s - ü> n d R e -t ch s b e h n r d en . d i e P r äs identen der Parlamente und di>e Magi-st rate der Groß-Berliner Städte ein geladen. Au-ck-die Vertrister der großen jüdi'schen Organ i sätionen : D c u t s ck - I s r a e T it i s ck e r G r m e t n d e - bund , Verb a n d d e r T e it t i*. ck e n I it d e n , G r o ß l o a e und anderer KörverWaften waren diesem Rufe bereitwilliast gefolgt. Der Reichskanzler ließ sich durch den neuen Staatssekretär des Innern. Trimborn, vertreten. In dem aroßen Saale drängte sich das Publikum., an den Türen und in den Gängen staute sich die Menge, deren Stimmengewirr den weiten Raum mit dumpfem Brausen erfüllte. Pünktlich zur festgesetzten Stunde gellt die Glocke des Präsidenten durch den. Sa-al. dann hält Geheimer Justizrat Dr. Engen -Fuchs, der erste Vorsitzende des Zentralvereins, die Eröffnungsrede. Er erinnert daran, daß vor wenigen Monaten der Zentralverein in diesem Saale seine 25iährige Jubelfeier beging, bei der die Vereinsleitung eia Gelöbnis der Treue zu Vaterland lind Glaubensgemein-schaft ablegte. Dieses Gelöbnis zu «erneuern- und sich in schwerer Zeit durch Aussprache und- Zusammensein zu erbeben, ist der Zweck dieser Versammlung, „Auf dom- Boden unseres Glaubens wollen wir u«ns über den Schmerz erheben und u-"ch der Mahnung Fichtes an die deutsche Nation durch klare Einsicht in unsere Lage, in unsere noch übriggebliebene Kraft und in die Mittel unserer Rettung, die nicht in der Vertröstung auf fremde Hilfe liegen kann, die von außen kommt, sondern in der Kraft des Gemütes. Wie schon -einmal sittliche Kraft dem zusammengebrochenen Staat zur Neugebnrt verhaft. so könnenes auch jetzt nur sittliche Kräfte sein, die uns Hilfe bringen. Wir wollennicht klagen, aber auch nicht an klagen. Wir wollen nicht fragen, wer die Schuld hat, daß so unermeßliches Leid über unser Vaterland gekommen, ist. Volk sein, heißt eine -gemeinsame Not empfinden; wir wollen sie denn auch gemeinsam, tragen- und nicht fragen, ob chauvinistischer Uebermnt oder pazifistischer Kleinmut, ob die All deutschen. oder die Demokraten- oder die Alljüdischen, ob die Unzulänglichkeit der Regierten oder der Regi-erenden schnld ist. Ein jeder hat sein-e eigenen Gedankenüber die Schuldsra-ge. Ich -habe sie l-a-nge vor dem- Kriege, zur Zeit der Marokkofrage, in. der Oefsentlichkeit geäußert. Ich habe damals gesagt, daß unser größter deutscher Staatsmann, der unsere Einigkeit, unsere Größe und u nsere Weltnmchtstellung geschaffenh a t, auch den Keim, zu unsere ui Niedergänge gele-gt hat, weil er unsere Weltmachtstellring bitrdi Koalitionen gesichert hat, die sich nicht als fest genug erwiesen haben, rlnd die Frankreich, -lenseren natürlichen Interessensreliud gedelllntigt und für uns bündnisunsähtg gemacht hat. Unser