Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1918)
- Date
- 1918-11-08
- Page
- Seite 533 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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533 an das Deutsche Reich, mag diese nun eine vollkommene Vereinigring oder ein enges 'Bundesverhältnis bedeuten, zulassen oder gutheißen werden. Uns interessiert natürlich in erster Reihe, so sehr wir als Deutsche -auch die allgemeine politische Entwicklung mit Spannung und Herzbeklemmung verfolgen, wie sich in diesen neuen Ländern die Lage der Juden gestaltet. Irgend etwas Bestimmtes Voraussagen läßt sich nicht, wenn auch die bekannte Feindschaft der Tschechen und der tonangebenden Männer in Galizien Schlimmes ahnen läßt. Ich habe die Freunde dieses Mattes in Wien, Prag, Galizien, Ungarn und im neuen Jugoslawischen Staat (Slawonien und Kroatien) ersucht, mir einen Bericht über die augenblickliche Lage und die zukünftigen Aussichten zu erstatten, und. hoffe, soweit es die zeitweilig gestörte und äußerst unregelmäßige Postverbindung erlaubt, in allernächster Zeit den Lesern dieses Blattes authentische Mitteilung machen zu können. So ist durch den Abfall der ehemaligen österreichischungarischen Monarchie, die allzu rasch und allzu selbständig den Zusammenhang mit Deutschland gelöst hat und dem Vorbilde Bulgariens und der Türkei gefolgt ist, Deutschland die einzige kriegführende Macht geblieben, wie es während der 4K Jahre die einzige wirklich Achtung gebietende und Achtung fordernde Kriegsmacht war. Es ist leider noch immer fraglich, ob der von Deutschland nachgesuchte Waffenstillstand bald ge- 10ährt werden wird. Einstweilen tobt, zum schmerzlichsten Bedauern aller wirklichen Vaterlandsfreunde, der Krieg immer werter. Die Nachrichten des Generalquartiermeisters — Groener statt Ludendorff, welch letzterer eines der ersten Opfer des neuen Regiments geworden ist —besagen, daß sich die Unseren heldenmütig wehren. Aber unser Vertrauen ist leider erschüttert; es ist wenig Hoffnung vorhanden, daß unsere geschwächten Truppen dem Ansturm der kolossalen Udbermacht lange widerstehen können. Der Deutsche Kaiser hat bisher die recht deutlich ausgesprochenen- Forderungen Amerikas, das gewiß auch im Rainen feiner Bundesgenossen sprach, nicht erfüllt. Gerüchte von seiner Abdankung schwirren durch die Lust; von den Bemühungen der neuen Staatssekretäre, diese herbeizuführen, melden die Zeitungen. Sicheres kann erst die nächste Zu-, kunlft bringen. In einem Aufruf an das Volk hat der Kaiser betont, daß die neuen demokratischen Veränderungen freiwillig von ihm unterzeichnet sind und daß in Deutschland nun faktisch eine Volksreaieruna besteht. Wenn die '.Deutsche Zeitung"" schreibt: „Es ist zu beachten, daß die „Münchener Neuesten Nachrichten" sich zum Sturmbock der gegen das hohenzollernsche Kaisertum gerichteten Propaganda machen unter dem beifälligen Schmunzeln der „Frankfurter Leitung" und des ganzen Judentums", so ist dies, wenigstens was den letzten Teil des Satzes anbetrifft, eine hämische Erfindung, ja, eine dreiste Lüge. Ob in dem Auftreten des bayerischen Blattes die alte Feindschaft Süddeutschlands gegen Rorddeutschland, speziell Bayerns gegen Preußen, zum Ausdruck kommt, haben wir nicht zu untersuchen. Auch brauchen wir daraus nicht -einzugehen, ob -die „Frankfurter Zeitung" deutlicher und entschiedener diejenigen Wünsche ausspricht, die in den meisten deutschen Blättern zum Ausdruck kommen, aber wir müssen entschieden Protest dagegen einlegen, daß das?m!dentum als solches in der Kaiser frage irgendwelche entschiedene Stellung einnimmt. Das Judentum als solches hat damit gar nichts zu tun. Die deutschen Juden fühlen sich so vollkommen als Deutsche, daß sie in dieser Frage nicht die unteressen ihrer Glaubensgemeinschaft, sondern nur das Wohl des gesamten Vaterlandes im Auge haben. Und in dieser Begehung können wir deutsche Juden nur so viel sagen, wie unzählige Deutsche es fühlen und aussprechen: die Idee des deutschen Kaisertums ist fest mit uns verwachsen; die Verbindung mit den Hohenzollern war und ist jedem Preußen eingeboren. Aber die neue Zeit hat so viel Umwandlungen hervorgerufen, fordert so schwere Opfer, daß jeder, selbst der Höchistgestellte, sie bringen muß. Staatsklugheit, Vaterlandsliebe, Sorge für die Zukunft haben ein schwereres Gewicht in die Wagschale zu werfen als Pietätsgefühle und Ergebenheit gegen eine Person und gegen eine Familie, selbst wenn sie seit Jahrhunderten die herrschende war. So herabwürdigend es vielen erscheint, sich einem von außen geübten Zwange zu ffügen, so muß jeder dem Wöhle des Ganzen seine Anschauungen und seine persönlichen Empfindungen opfern. * Wir haben in der letzten Nummer einen Bericht über die I u d e n p r o g r o m e in Polen gebracht. Im Anschluß daran veröffentlichen wir folgende Mitteilung, die in vielen Zeitungen abgedruckt ist: I ud e n h e tz e n in Polen? Berlin. 3. November. Das Pressebureau bei der Vertretung der polnischen Negierung zu Berlin bittet uns, folgendes zu veröffentlichen: In der letzten Zeit sind mehrfach tendenziöse Gerüchte über Judenhetzen in Warschau aufgetaucht. Diese verbitternde Propaganda, die darauf äbzielt, die Loyalität des polnischen Staates und Volkes gegenüber den völkischen Minoritäten in Frage zu stellen, wurde durch Pressemeldungen eingeleitet, daß der polnische Staat die Neuordnung der jüdischen Organisation als religiöse Gemeinschaft zu verhindern suche. In Wirklichkeit handelte es sich in diesem Falle um einen einstimmigen Beschluß des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde Warschaus, Neuwahlen einzustellen, die auf Grund einer Verordnung der Okkupationsbehürden vom 1. November 3916 durchgeführt werden sollten, da iw Augenblick der Uebernahme der -gesamten Verwaltung durch die Polnischen Behörden nicht mehr' fremde, anfoktrovierte Vorschriften, in innerpolitischen Fragen bindend sein können. Wenn eine so selbstverständliche Erscheinung dazu benutzt worden ist, irm die Feindseligkeit Polens gegenüber seiner indischen Minorität nachzuweisen, erübrigt es sich, nachznforschen, wieso plötzlich unbegründete Nachrichten über Judenhetzen und Pogrome anftanchen. Bei der Gärung in Polen finb politische Unruhen und einzelne Exzesse durchaus denkbar, sie entspringen aber keineswegs dem Antisemitismus. Laut offiziellen Erklärungen der neuen polnischen Regierung soll noch in diesem Jahre der konstituierende Landtag auf Grund eines allgemeinen, direkten, geheimen Proportional-Wahlrechtes zustande kommen. Dort wird die polnische Jndenschast die ihr zukommende Vertretung finden, und es wird sich zeigen, ob die polnisch-jüdischen Beziehungen tatsächlich so gespannt sind. Die polnische Regierung sieht diesem Augenblick mit Zuversicht und reinem Gewissen entgegen -und tritt allen Machenschaften, die Zwist und Erbitterung zwischen Polen und Juden vorspiegeln und so den gerechten Augenblick Hintertreiben und die Stimmung in bestimmter Richtung beeinflussen wollen, auf das entschiedenste entgegen. * In einem größeren Aufsatz „Der Pogrom" in der Berliner Zeitung „Die Post" schildert Herbert Stegemann seine „Erlebnisse in Rußland". Er spricht von seinem Aufenthalt in einer kleinen russischen Stadt, schildert Plünderungen, die von dem Militär verübt worden waren, in denen besonders viel Schnaps erbeutet und genossen wurde, und gibt zum Schluß die folgende Schilderung, in der zwar nicht ausdrücklich von Ausschreitungen gegen die Juden gesprochen wird, die sich aber doch augenscheinlich, wie schon der Titel des Aufsatzes andeutet, gegen die Juden richten: Nun aber heißt es für die Kämpfer der Freiheit, zu ernsten Taten schreiten, zu denen der so glücklich erstrittene Wodka doch nur den Auftakt gebildet hat. Die Dämmerung des finsteren Wintern ach - niittags senkt sich auf die kleine Stadt: die Soldaten versammeln sich auf dem Marktplatz vor dem Denkmal der großen Katharina, welches b'U'eits bei der Märzrevolution daran glauben mußte: ein paar Redner fordern 51t entschiedenem Einschreiten gegen die Kapitalisten auf, und natürlich lassen sich das die sturmerprobten Krieger nicht