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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-11-08 · Heft 45 (8.11.1918) · p. Seite 532

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 45 (8.11.1918)
Date
1918-11-08
Page
Seite 532 (sequence 4)
Language
German
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532 Hub feleub dich heimsuchen, opfere ihm in Erfolg und Glück, laß ihn dein Wegweiser, deine Leuchte werden. Auch dieser Gott kennt keinen höheren Wunsch, als seine Kinder glücklich zu machen. Dn weißt ja schon, mein Hans, glücklich fein heißt sittlich sein, denn nur sittlich sein bringt der Seele jene Harmonie, ohne die wahrhaft glücklich niemand werden kann. Das alte Judentum wäre dieser. Wandel zweifellos nicht mehr, das liegt auf der Hand; auch nicht Christentum, auch nicht Islam. Wer wollte jedoch leugnen, daß der Geist des Judentums es ist, aus dem heraus die- Idee vom sittlichen Prinzip als Gott geboren sein wird, wenn es der Menschheit dereinst bestimmt sein sollte, das heilige „trotz alledem" endgültig zu verlieren. Du aber, mein Hans, halte fest an diesem „trotz alledem", eine bessere Stütze deines Lebens wirst du nie und nimmer finden. Ich habe bis jetzt nur vom Geist des Judentums gesprochen, mein lieber Hans, habe dich zu diesem Geiste zurückführen wollen, wie du darum gebeten hast. Hoffentlich nicht ohne jeden Erfolg. Aber jeder Geist will auch seinen Körper haben, auch der Geist des Judentums. Wie ist es nun mit diesem Körper des Judentums zu halten, mit Sitte und Brauch des Judentums? Ach, es ist ein großes Unglück, daß immer und überall die Verkörperung des Geistes für den Geist selbst gehalten wird, oder — um mich klarer auszudrücken — daß Sitten und Bräuche zu Geistern werden, denen zum Schluß der Geist unterliegt. Menschliche Schwäche! Wie gern gäbe ich alle Sitten, alle Bräuche hin, wüßte ich, daß der Geist mit nie erlahmender Kraft in jedem von uns ununterbrochen wirken könnte. Tröstlich ist nur, daß in jeder Sitte, in jedem Brauch der Geist eingebettet ist gleich der Goldader im Ouarz. Wenn es Menschen gibt, die schon den Ouarz für Gold halten, warum das dem Golde heimzahlen und nicht die Menschen auf den rechten Weg der Erkenntnis und des Wissens führen? Besteht der Geist des Judentums tatsächlich darin, daß sich der Mensch erstlich des Bandes bewußt werde, das ihn mit Gott und Welt vereint; daß er ferner in Gott vor allem das sittliche Prinzip heilige; daß er schließlich, die Welt bejahend, durch Entsagung den Kampf um die sittliche Welt aufnehme, so werde ich in jeder Sitte und in jedem Brauch etwas von diesem Geiste finden und spüren müssen. Und um dieses Kernes willen ist die Sitte wert, in der Familie, im Volke erhalten zu werden. Gib der Sitte nur den rechten Schliff! Lege bloß den in ihr liegenden Glanz, enthülle den Geist, daß er dir aus jedem Brauch ungezwungen und natürlich hell entgegenleuchte. So wird dir die Sitte zum Kleinod, das du sorgsam hüten, pflegen und vererben wirst. Je mehr du aber in jeder Sitte auf den Geist des Judentums Gewicht legst, um so mehr werden Atavismen, die nichts mehr vom Geiste an sich haben, von selber sich verlieren. Gegen sie anzutümpfen jedoch ist Zeitvergeudung. Solange die Menge an ihnen hängt, ist der Kamps gegen sie vergeblich; liebt sie die Menge nicht mehr, sterben sie an Marasmus. Ich, der ich in früheren Jahven ein Stürmer war, bekenne heute, daß die Einheit der Juden heit viel;u wertvoll ist, a l s daß wir über den Kampf um Abschaffung oder Erhaltung von Atavismen diese Einheit verlieren sollten. Hierin soll wirklich jeder nach seiner Fasson selig werden. Suche den G e i st des Judentums. Offenbart er sich dir in einer Sitte, dann nimm sie auf, dem Geist zuliebe. Findest du ihn nicht, dann mag der Brauch aus deinem Hause schwinden, ohne daß du diesetwegen der Masse das Kleben an dem Brauch verübeln oder gar das Judentum geringer schätzen wolltest, weil sich von ihm diese Reste uralter Zeiten nur langsam loslösen. Ein großer Geist verträgt auch manche Schwäche. Der Geist des Judentums ist viel zu erhaben, als daß solche Reste ihm wirklich schaden könnten. „Flößen Sie mir den Geist unserer Religion wieder ein und lassen Sie mich ihn umformen für mein W e s e n." Darf ich mir schmeicheln, mein Hans, ersteres getan zu haben? Gab ich dir klar und deutlich den Geist des Judentums? Ich wäre glücklich, sagtest du „ja". Diesen Geist deinem Wesen umzuformen, bleibe deine Ausgabe. Wie Ausgabe eines jeden. Glaube und Religion sollen ein Teil unseres ureigensten, innersten Lebens sein; sie sollen nicht gleich einem toten Körper zentnerschwer aus uns lasten, uns den Atem rauben, ohne daß wir wüßten, wofür und wozu. In lebensvoller Kraft Pulsiere die Religion in dir. Das wird sie nur, wenn du sie in dir deinem Wesen gemäß umformst, ohne jedoch dabei ihrem Wesen Gewalt anzutun. Seinem Wesen gemäß etwas umsormen, heißt ja doch nur in Harmonie bringen seine eigene Seele, und die Harmonie der Seele ist — du weißt es ja — wahrhaft glücklich sein. Werde glücklich, mein Hans, mein Schüler. In Liebe dein Ziegler. Karlsbad, im November 1918. Bit Woche. Berlin, den 5. November 1V18. ie Ereignisse drängen sich unaufhaltbar. Mit der Türkei ist ein Waffenstillstand zum Abschluß gelangt. Mit dem ehemaligen Oesterreich-Ungarn ist ein solcher soeben gefolgt. Unterdes geht es im Osten drunter und drüber. Zwischen Ruthenen und Polen, den alten Feinden, ist ein Krieg ausgebrochen, unter dem die Juden gewiß wiederum zu leiden haben werden, da die betroffenen Gegenden von einer starken jüdischen Bevölkerung bewohnt sind. So ist nach neuesten Nachrichten Lemberg von deutsch-österreichischen und ukrainischen Regimentern eingenommen worden. Der Staatenverband, der ehemals Oesterreich-Ungarn hieß, ist fast ohne blutige Revolution in eine Reihe von Staaten verwandelt worden, deren Zusammenhalten höchst fraglich, wenn nicht geradezu unmöglich erscheint, um so weniger, als Kaiser Karl, wie die Zeitungen melden — die Nachricht ist freilich amtlich noch nicht bestätigt worden —, abgedankt hat. Es ist ein tschecho-slowakischer Staat, ein Jugo-Slawen-Staat, der Kroatien, Slawonien, Jllyrien umfaßt, ein deutsch-österreichischer und ein ungarischer Staat entstanden; das Kronland Galizien wird vermutlich dem neuen Staate Polen ungegliedert werden. Freilich, wie sich die Dinge im einzelnen entwickeln, wie sich die verschiedenen neuen Reiche ausbilden werden, ob sie Königreiche oder Republiken zu bilden bestimmt sind, weiß man nicht. Es ist höchst zweifelhaft, ob diese neuen Staaten, die mit Ausnahme von Deutsch-Oesterreich bisher nur einig waren in ihrem Hasse gegen deutsches Wesen, nun untereinander eine Verbindung anstreben oder auch nur dulden wollen, oder ob sie in Feindschaft gegeneinander aufzutreten willens sind. Nicht minder zweifelhaft ist es, wie das neu erstandene, geographisch durchaus nicht einheitliche, sondern durch andere Bestandteile getrennte Deutsch-Oesterreich, das, wie man annehmen muß, Ober- und Niederösterreich, Tirol, Salzkammergut, Vorarlberg, dazu aber auch einen kleinen Teil Mährens und das dem Deutschen Reiche am meisten benachbarte Deutsch-Böhmen zusammenfassen soll, sich innerlich zu konsolidieren vermag, ob es einen Anschluß an das Deutsche Reich sucht, und wie es sich zu den ehemals mit ihm verbundenen Ländern stellt. Bei der Gesinnung der Ententemächte, die auf eine Schwächung, wenn nicht geradezu Vernichtung Deutschlands hinarbeiten, muß es mehr als fraglich, ja geradezu als ausgeschlossen betrachtet werden, daß eine Angliederung

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