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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-11-08 · Heft 45 (8.11.1918) · p. Seite 531

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 45 (8.11.1918)
Date
1918-11-08
Page
Seite 531 (sequence 3)
Language
German
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leeres Gewäsch. Es gibt ja doch nur ein „Glücklich sein", und das ist die Ausgeglichenheit, die Harmonie, die Abgeklärtheit der Seele. Jedes andere Glück ist ein Phantom. Reichtum, Ehre, Macht, Erfolg sind ohne die seelische Har'monie nur ein Stachel, aber kein Glück. Die seelische Harmonie aber gibt dir nur' das in dir lebende und wirkende sittliche Prinzip. Sonach macht wahrhaft glücklich auch nur das sittliche Prinzip. Ist aber Gott die höchste Vorstellung des sittlichen Prinzips, das allein den Menschen glücklich machen kann, rückhaltslos, bedingungslos, absolut glücklich, dann wirst du erst wissen, wie richtig dein Empfinden ist, daß es Gottes erster Wille sei, daß seine Kinder glücklich seien, und wie wahr deine Worte sind: „Flößen Sie mir den Geist unserer Religion wieder ein, . . . dann kann ich ein gläubiger, ein guter Mensch werden." Denn damit bin ich mitten drin im Geist des Judentums, in den du von mir zurückgeführt sein willst. Ist doch die Großtat des Judentums die Jdentitätserklärung zwischen Gott und sittlichem Prinzip. Natürlich war das nur im Monotheismus möglich, die Vielgötterei kann naturgemäß auch keine Einheit des ganzen inneren Menschen postulieren; zu solcher Idee kann sich nur ein Glaube emporschwingen, der in Gott, Mensch und Kosmos eine einzige große Einheit sieht und anerkennt, der Kosmos und Welt gleichsam aus dem einen Gott geboren, von Gott erschaffen betrachtet. Gewiß hat der große asiatische Geist auch unabhängig von Israel herrliche Lehren des sittlichen Prinzips der Menschheit offenbart. Ebenso sehen wir sittliche Ideale bei sämtlichen primitiven Völkern aller Zonen geübt und gelehrt. Auch lesen wir häufig, daß die verschiedenen Gottheiten aller Nationen großes Wohlgefallen finden an der Güte, an der Wahrheitsliebe, an der Gerechtigkeit des Menschen, an jeder Tugend. Aber zu dem Bewußtsein, daß Gott ohne das sittliche Prinzip undenkbar sei, oder, wie unsere Alten sagen, daß Gott nur wegen der Thora die Welt erschaffen habe, hat sich nur Israels Gottesidee erhoben. Wo außerhalb Israels das sittliche Prinzip zum Leitstern des Menschengeschlechtes gemacht wurde, wie bei Buddha und Konfuzius, geschah es entweder in ganz losem Zusammenhang mit Gott oder so, daß es die Welt negierte und seinen Sieg mit dem Untergang der Welt bezahlen ließ. Darin liegt auch das große Manko des Christentums. Es predigt das sittliche Prinzip in seinen erhabensten Formen. Aber verwirklichen will es das Prinzip mit Hilfe der Abkehr von der Welt, mit Hilfe der Weltflucht. Man mag daran herumphilosophieren soviel man will, man kommt darüber doch nicht hinweg, daß das Christentum in seinem Fundament das Leben auszuschalten fordert. Die noch schlimmere Folge der Weltflucht ist jedoch, daß wir dabei die Grundlage des Glaubens, den Zusammenhang Gott — Mensch — Welt, verlieren, das einigende Band dieser Dreieinheit zerschneiden und dadurch den großen, alles überragenden Wert des Glaubens, der darin besteht, daß er uns aus der trostlosen Einsamkeit in eine harmonische beglückende Alleinheit hineinstellt, im weltscheuen Gottsuchen zerstören. Es ist abgegriffene, aber dennoch ewige Wahrheit, daß eine Keuschheit, die ich nur erreiche, indem ich mich in eine Klause Verkrieche, eigentlich ' keine ist. Sei keusch nicht in Weltsremdheit, sondern in Weltvertrautheit, dann bist du es. Der Kampf u m d a s f i t t - liche Prinzip, nicht der einmalige, sondern der ununterbrochene, ewige, dieser Kamps ist die eigentliche und wirkliche Religion. Der Geist des Judentums — ich darf ohne Uebertreibung sagen: der hierin große und unübertroffene Geist des Judentums — hat dies Wesen der Religion in seiner vollen Bedeutung anerkannt und durchge- . führt. Selbstverständlich fordert auch das Judentum die Ent-! 531sagung — ohne Entsagung kein sittliches Prinzip —, aber E n t s a g u n g i n der Bejahung, Entsagung als Kampf mit sich selbst, mit der Umwelt mitten in der Umwelt. Große christliche Denker haben das eingesehen und bemühen sich, dieser Erkenntnis gerecht zu werden. Die Kirche aber ist unbeugsam dem Prinzip der Weltflucht treu geblieben. Allerdings hat die protestantische Kirche mit ihr gebrochen, hat sich voll und ganz auf den Boden der jüdischen Idee von der Entsagung in der Bejahung gestellt, aber im Christusglauben hatte sie nicht die Kraft, mit dem alten Mythus vom leidenden Messias, dessen Tod der Menschheit die Erlösung von der Sünde bringt, radikal zu brechen. Die Menschheit aber braucht nicht einen leidenden, sondern einen kämpfenden, nicht einen unterliegenden, sondern einen siegreichen, aus eigener Kraft auferstehenden Messias. Ist es nicht mehr als sonderbar, mein Hans, daß nicht nur Christen — ihnen verdenke ich es nicht —, sondern auch Juden den Geist des Judentums überholt nennen?! Durch seinen Monotheismus hat das Judentum die Dreieinheit: Gott — Mensch — Welt geschaffen, dadurch den Menschen bewahrt vor Ueberfließen in das große Nichts, ihn auf festen Boden gestellt. Ist das wirklich so ganz und gar überholt? Ist die Harmonie der Menschenseele größer, wenn ich dem Menschen über seinem Haupte die Gottheit oder unter feinen Füßen die Welt hinwegziehe, daß er oben wie unten verständnislos in die trostlose-schwarze Leere hineinstarre? Indem der jüdische Geist das sittliche Prinzip aus Gott emaniert sein läßt — denn die Offenbarung am Sinai ist ja doch nur eine andere Form der Emanation — und Gottes Wesen mit ihm vereint, gibt es diesem größten Wunder der Menschheitsseele Ausgangs- und Endpunkt. Ich weiß das Woher und Wohin des sittlichen Prinzips, der sittlichen Welt: Die Unendlichkeit ist ihre Quelle und in die Unendlichkeit münden sie. Von welcher Lehre ist denn das Judentum in dieser Idee überholt worden, von welchem Ideale, von welchem Gedanken? Und erst die Entsagung in der Bejahung, der Kampf um die sittliche Welt als Religion, dies Titanenhafte, Gigantische an der Religion, das sie ewig jung macht, in jedem einzelnen Menschen ewig neu und lebendig, modern und zeitgemäß. Wo ist der Geist des Judentums hierin je überholt worden? Wer könnte in die Zukunft schauen, mein Hans?! Wer könnte die Meinung, vielleicht richtiger die Befürchtung, so ganz von sich weisen, daß gerade diese Seite der Religion, dieser Kampf um das sittliche Prinzip und seinen Sieg, dem sofort der neue Kampf auf den Fuß folgt — Kampf und Sieg ohne Ende — die letzte Station sein wird in der Geschichte aller Religionen? „Etwas glauben muß der Mensch", sagst du in deinem Briefe, mein Hans. Wie aberwenn das „Trotz alledem", mit dem allein der Mensch siegreich seinen Glauben an Gott behaupten kann, unter den ehernen Tritten der Entwicklung doch zufammenbricht? Wenn es vom Sturme neuer Gedanken in Stücke gerissen wird und in alle Winde zerflattert? Dann, mein Freund, findet die Seele noch immer Rettung und Heil in der Religion des sittlichen Prinzips. Vergiß nicht: Gott ist das sittliche Prinzip. Sage ich: das sittliche Prinzip ist Gott, so bedeutet das sicherlich den folgenschwersten Umsturz, aber bleibt doch Religion, bleibt doch ein tiefer, großer, beglückender Glauben. Nur muß auch dieser Gott ein durchaus persönlicher Gott dir werden, soll sich aus diesem Glauben ein irgendwie heilsames Verhältnis zwischen dir und Gott herausgestalten. Du mußt das sittliche Prinzip als Gottheit so verehren, wie du Gott in jungen Jahren als Lenker und Schöpfer des Alls verehrt hast. Bewundere seine Macht, bete zu ihm, danke ihm, jubele ihm zu, bitte um seine Gnade und Barmherzigkeit, um seine Verzeihung und Vatergüte, wenn Not und Drangsal, Krankheit

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