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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-11-08 · Heft 45 (8.11.1918) · p. Seite 530

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 45 (8.11.1918)
Date
1918-11-08
Page
Seite 530 (sequence 2)
Language
German
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530 Metaphysischen; so findet der Mensch h eu t e seinen Gott/ wenn ihn derselbe Willen beseelt. Aber diese Einheit soll doch einen Zweck haben. Wozu ist sie da und warum verlangt sie der Mensch? Du hast das, mein lieber Hans, trefflich ausgesprochen. „Es gibt einen Gott," sagst du, „dessen erster Wille ist, daß seine Kinder glücklich sein sollen." So ist es. Da der Mensch glücklich zu sein allezeit als seinen ersten und einzigen Zweck erkannt hat, kann in seinen Augen auch seine Einheit mit dem ganzen Sein kein anderes Ziel haben. Auf sich allein gestellt, fühlt er sich vereinsamt, die Alleinheit macht ihn stärker, glücklicher. So haben Einheits- und Glücksverlangen überall in der Tiefe der Menschenseele den Glauben geschaffen. Wie dann um diese beiden Triebe von den verschiedenen Völkern, von jedem in seiner Art, Märchen und Legenden in Millionen Fäden gesponnen wurden, das ist die Geschichte des Mythos, der menschlichen Phantasie. Unberührt davon bleibt das Wesen der Sache. Die beiden Kerne jeden Glaubens sind die Alleinheit und das Glück. Sie sind es gewesen und sind es auch heute noch. Wie aber, wenn Wissenschaft und Erfahrung von Tag zu Tag Stein um Stein von dem Bau deines Glaubens niederreißen? Du suchst die Einheit? Ja, sie besteht, aber nur mit dem All, das du siehst und das du kennenzülernen erst beginnst, mit Stein und Pflanze und Tier. Eine andere suche nicht! Schöpfer, Lenker, Vater, Weltwille; das alles sind leere Worte. Siehst du denn nicht die entsetzliche Willkür der Natur, ihre Ohnmacht, ihren Zufall, die dich terrorisieren und beherrschen? Und zu dem grausamen Wahrheitsdurst der Wissenschaft gesellt sich die Erfahrung unseres kurzen Daseins. Wo ist im Schicksal der Individuen und Familien, der Völker und Nationen jener höhere Wille zu finden, dessen Ziel wäre, die Sterblichen glücklich zu machen? Siehst du irgendwo eine andere Logik als die des gewaltigen, schicksalsschwangeren Kausalgesetzes? Ist dein Leben etivas anderes als die unentrinnbare Verkettung von Erbe und Milieu? Allen Respekt vor der Selbstzucht, dem kleinen Rest von freiem Willen, den uns Menschen die Moira mitleidsvoll hinwirft, wie dem hungrigen Hund einen Knochen; die Zähne mußt du dir an diesem Knochen zerbeißen. Und gelingt es dir schon da und dort durch ungeheure seelische Kraftanstrengnng deines Schicksals Herr zu werden, im nächsten Augenblicke ist die Kausalität wieder da und Weift dein Kartenhaus um. So stürmen Wissenschaft und Erfahrung gegen den Glauben, um ihn als Gaukelbild der Phantasie, als Rohrstab kranker Herzen lächerlich zu machen, um uns von dem alten Wahne „Gott" gu befreien, zu „erlösen". Auf all das gibt es nur eine Antwort. Sie lautet: „Und trotz alledem!" Ich habe gar nicht die Absicht, den „Beweisen" der Wissenschaft und der Erfahrung mit Gegenbeweisen zu begegnen. Alle diese Reden und Widerreden sind Kämpfe mit Windmühlen. Ich lasse mir eben meinen Gott nie und nimmer rauben. Ich weiß nur so viel, daß auch die stolze Wissenschaft in ungezählten Fällen an das „Glauben" appelliert, und die Chamäleonfarben der „Erfahrung" sind jedem männiglich bekannt: guvt eapita, tot sonsus. Ich sehe einfach nicht ein, warum ich an so vieles soll glauben dürfen, nur nicht an Gott. Warum gerade den Glauben von mir weisen, wo der Mensch, ohne zu glauben, gar nicht handeln, schassen, fast gar nicht leben kann? Ich glaube an die Ehrlichkeit, an die Wahrheitsliebe meines Nebenmenschen, an die Weisheit und Fürsorge der Regierung, an die Treue meines Weibes, meines Freundes. Kann ich, darf ich anders? Glaubt nicht in einem Kriege, in einem Prozesse jeder Teil an die Gerechtigkeit seiner Sache? Nimm weg das „Glauben", das „Fürwahrhalten" aus unserem Leben, was wird aus uns? Wäre das Leben des Lebens wert, wenn ich nicht glauben dürste? Mögen Wissenschaft, Erfahrung mit tausend Zungen sprechen: Laß ab von deinem Gott! Trotz alledem, ich glaube. Eine kürzere, bündigere und bessere Antwort kenn' ich nicht. Lebt nur der Glaube in dir unerschütterlich und unwandelbar, dann wird ihn auch von außen nichts erschüttern können. Du verlangst aber, mein lieber Hans, noch viel mehr von mir als die Stärkung des Glaubensan Gott. Du schreibst: „Flößen Sie mir den Geist unserer Religion wieder ein, . . . dann kann ich, glaub' ich, ein gläubiger, ein guter Mensch werden." Ein gläubiger, ein guter Mensch werden! Du scheinst also, mein lieber Hans, vorauszusetzen, daß. ein wahrhaft gläubiger Mensch zugleich ein guter Mensch sein müsse. Ich gestehe, daß diese Verbindung im Leben nur allzuoft fehlt; diese beiden Güter der Seele decken sich keineswegs. Man kann an Gott glauben, tief und echt, ohne dabei gut zu sein. Es gehört noch ein sehr Wichtiges dazu, um die Verbindung: gläubig—gut herzustellen. Und diese Zutat heißt: Der Gott, an den ich glaube, ist zugleich das sittliche Prinzip. Das sittliche Prinzip! Oh, mein Freund, wer das einmal in seiner ganzen großen Tiefe er- | kannt und ausgeschöpft hat, weiß, daß es nichts Erhabeneres, nichts Reineres gibt unter der Sonne. Fass' es von welcher Seite immer an, es bleibt unergründlich. Das Rätsel aller Rätsel. Auch das möchte die Wissenschaft nur zu gern benagen, vom Thron stürzen. Es gelingt ihr noch viel weniger als beim Glauben an Gott. Sie nennt das sittliche Prinzip einen gesellschaftlichen Entwicklungsprozeß. Wie aber, wenn die Forderungen des sittlichen Prinzips schon bei den primitivsten Völkern zu Hause sind, was dann, wo bleibt die Entwicklung? Und wenn schon Entwicklung, was liegt daran und was schert mich das? Es ist da, das sittliche Prinzip der Menschheit, und so wie es ist, bleibt es das größte aller Wunder. Weiß ich denn nicht, wie ein Baum wird? Oderweiß ich nicht, daß das menschliche Auge, das menschliche Ohr sich in Milliarden Jahren aus Ohr- und Sehnerven herausgebildet hat? Ist die Eiche, ist mein Auge, ist mein Ohr deshalb ein kleineres Wunder? Und sind Demut, Güte, Wohlwollen, Liebe, Gerechtigkeit kleinere Wunder, wenn ich schon zugeben will, daß sie sich in der Tiergattung nach und nach zu jener Vollkommenheit herauskristallisiert haben, die nunmehr in einem Teil der Menschheit der Stolz des Menschengeschlechtes geworden ist? Wäre das Wunder deS sittlichen Prinzips größer, wenn ich Nachweise, wie es wirklich nachgewiesen ist, daß es schon vor Jahrtausenden in gleicher Vollendung vorhanden war? Oder wird es minderwertiger, wenn ich zugestehe, daß sich das Menschengeschlecht von Jahrhundert zu Jahrhundert an ihm emporgearbeitet, es vertieft und erweitert hat? Der Widerspruch zwischen dem sittlichen Prinzip und unserer animalischen Selbstzucht und Selbstliebe, die mit der wachsenden Kultur und Zivilisation immer größer wird und sich immer mehr differenziert, sich auf immer weitere Gebiete des Lebens ausdehnt, dieser Widerspruch ist so ungeheuer, so riesig, so unüberbrückbar und unfaßbar, daß mich nichts im Leben derart zu erschüttern, bis in mein tiefstes Innere zu ergreifen vermag als eine edle, gute Menschenseele, ein edles, gutes Menschenkind. Und nur ein solches ist wahrhaft glücklich. Ich erinnere dich nochmals gern an die schönen Worte deines Briefes: „Mein ganzes religiöses Empfinden hat sich auf den! einen Gedanken zusammengedrängt: es gibt einen Gott, dessen l erster Wille ist, daß seine Kinder glücklich sein sollen." Glück-! lich! Angeblich die Achillesferse jedes Glaubens sin Gott. Ich , brauche das nicht näher zu erörtern, die Spatzen auf dem Dach; erzählen sich davon. 'Und doch ist aller Zweifel gerade hierin

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