Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1918)
- Date
- 1918-11-08
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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82. Jahrgang. Nr. 45 Berlin, 8. November 1918 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippfon Unter Leitung des Geheimen Regierungsrats Profeffor Vr. Ludwig Geiger Vertag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: dmck den Buchhandel oder die Post (in £etfttr und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32*. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße *6 *9, zu richten. Verlag von. Rudolf . Mosse, Berlin. ^et Gbist des Judentums. Briefwechsel^mit einem meiner jßAlüIUüL. zum Frontdienst abgehenden Schüler. Von J.Ziegler.— Die Woche. — Das Gebot der Stunde. Ein vaterländisches Bekenntnis der deutschen Juden. Von £. M. — Max Morris. Von L. G. — Aus und über Palästina. -- Feuilleton: Jedem das Seinige. Roman von M. Pulvermann.^ Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Beuchen O.-S., Posen, Halberstadt, Leipzig, Dresden, Wien, Warschau. — Von Nah und Fern. Der Geilt des Judentums. Briefwechsel mit einem meiner zum Frontdienst abgehenden Sch ü ler. Von I. Ziegler. Lieber Herr Doktor! Unsere Religion kennt die Beichte nicht; aber Berater und Helfer in religiösen Sachen kann und muß doch jeder Geistliche sein, und darum wende ich mich heute mit einem Bekenntnis und einer Bitte an Sie, da nur Sie allein sie mir erfüllen können. Ich will Sie nicht lange im unklaren lassen, worum es sich handelt: ich habe den inneren Zusammenhang mit dem Judentum verloren und will mich wieder zurücksinden in den alten Glauben. Etwas glauben muß der Mensch, und da mir die anderen Religionen nur Märchen und leere Worte sind, da dev „Konfessionslose" ein Schatten ist, mit dem Wolken und Winde spielen, so muß mein Weg wieder in die alte Bahn zurückführen; allein finde ich ihn nicht, aber Sie, lieber Herr Doktor, werden ihn mich führen. Wie es kam, weiß ich selbst nicht; ich war immer ein Sonnenkind, dem es stets gut gegangen ist, aber in den letzten Monaten — und auch heute noch — da war ich ganz besonders glücklich. Mein ganzes religiöses Empfinden hat sich da aus den einen Gedanken zusammengedrängt: es gibt einen Gott, besten erster Wille es ist, daß seine Kinder glücklich sein sollen. Alles, alles ist dieser einen mächtigen Vorstellung gegenüber in den Hintergrund getreten, klein, unbedeutend, ja sogar niedrig und häßlich erschienen. Ich glaube, Herr Doktor, daß das, was die Menschen aller Konfessionen ihrem Glauben angeheftet haben, nur dazu gedient hat, um „diesen Geist von seinem Urquell abzuziehen". Wer der Geist der Religionen in seiner ursprünglichen Form ist zu erhaben, zu schöpferisch, um jemals von den Menschen herabgezogen werden zu können. Ich glaube, daß der, der will, auch heute noch, von den Urgedanken des Glaubens ausgehend, sich seine eigene Religion schassen kann, wie es der erste, der Urgedanken fortbildete, getan hat. Das ist es, Herr Doktor: ich will wieder an die Urgedayken des Judentums anknüpfen, und nicht an die, die die Menschen heute verfechten, weil es so bequem ist, dasselbe nachzureden und nachzudenken, was die früheren Generationen glaubten. Ich denke viel zu hoch von dem Wesen des Judentums, um nicht fest überzeugt zu sein, daß es das Innerste eines denkenden Menschen auch heute noch erfüllen kann. Flößen Sie mir den Geist unserer Religion wieder ein und lassen Sie mich ihsi umsormen für mein Wesen: dann kann ich, glaub" ich, ein gläubiger, ein guter Mensch werden! Ich bin immer Ihr dankbarer, aufrichtiger Schüler. * Mein lieber Hans! Gestatte, daß ich dich so anspreche, auch mit dem trauten „Du"; ich behalte dadurch das Verhältnis des väterlichen Lehrers zu seinem geliebten Schüler fester im Auge. Weißt du, mein lieber Hans, was mich in deinem Briefe besonders tief berührt und mir viel zu denken gegeben hat? Daß ein „Glücklicher" den Weg zu Gott sucht. Du nennst dich ein „Sonnenkind". Seit alters her suchen die Geplagten, die gebrochenen Herzens sind, Heil und Rettung, Trost und Zuversicht in Gott. Nun kommt ein Glücklicher zu mir, ein Menschenkind, mit allen Vorzügen des Geistes begabt, ein Menschenkind starken, energischen Willens, das bis jetzt nur ein Ziel vor sich sah: sich durchzusetzen, seinen Weg zu gehen, und ruft mir zu: ich will zu Gott, ich will glauben, zeige mir, Lehrer und Meister, den Weg, aus dem ich Gott finden könnte, den Gott, den meine Seele herbeisehnt. Du verlangst, mein Hans, nach dem Geiste der Religionen in seiner ursprünglichen Form, wie er schöpferisch im Gehirn der ersten großen Religionsstifter geboren wurde, möchtest an die Urgedanken des Judentums anknüpfen, wie sie :u Mose und den Propheten zu herrlicher Blüte sich entwickelt -haben. Du hast recht. Denn nur ein Mensch, in dessen Seele es so brennt wie einst in der Seele der ahnenden Ahnen, dessen Herz so voller Sehnsucht ist wie das Herz des Urmenschen, nur ein solcher kann ein neuer Mensch, kann wahrhaft gläubig werden. Wonach sehnte sich denn der Urmensch mit seinem so unklaren und doch so intuitiv so sicheren Fühlen? Nach einem Zusammenhang mit all den Mächten, von denen er sich umgeben wußte und dachte. Feld und Wald, Pflanze und Tier, Gestein und Gewürm, das ganze Universum — und in dessen Mitte er selbst, er mit seiner Kraft und seiner Schwäche, mit Geburt und Tod, Krankheit und Genesung, Liebe und Haß, Freundschaft und Feindschaft. Er wollte e i n s sein mit dem All, das ihn umgab, eins mit den Mächten, die er sah und nicht sah. Und lebt nicht in dem Menschen von heute das gleiche ihm unbewußte Sehnen? Die Menschen leben heute mehr als früher jeder für sich selbst, und doch suchen wir ununterbrochen unsere Einsamkeit, unsere Iso-- lierung tu Alleinheit aufzulösen. So fand der Mensch einst seinen Gott, indem er sich die Verbundenheit schuf des Irdischen mit dem Ueberirdischen, des Physischen mit dem