Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 3 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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3 ihr Erscheinen; er gab dann einen kurzen Ueberblick über die hundertjährige Geschichte des Tempelverbandes und betonte, daß man heute habe den Grundstein zu einem neuen Tempel legen wollen, daß man aber wegen des Krieges davon Abstand habe nehmen müssen. Nachdem dann der Tempelchor den Psalm 84 in der Vertonung von Lewandowskh vorgetragen hatte, bestieg Herr Rabbiner Dr. Leimdörfer die Kanzel zur Festpredigt. Anknüpfend an den Vers aus Jescnas Kap. 56 Vers 7: „Und ich werde sie bringen nach meinem heiligen Bache und sie erfreuen in meinem Bethause, denn mein Haus soll ein Bethaus genannt werden für alle Völker", gab der Geistliche einen Rückblick der Entstehung des Tempels, der vorbildlich für eine Reihe anderer Gotteshäuser in Deutschland und dem Ausland geworden. In der wahren Menschenliebe, in Duldsamkeit, in Liebe zum Vaterlande und in Friedensliebe liege der Geist des Tempelverbandes begründet. Mit vielem Dank an die Behörden für die bisherige Unterstützung der Bestrebungen des Tempelverbandes und dem Gelübde unwandelbarer Treue zu Kaiser und Reich schloß die wirkungsvolle Rede. Weitere Ansprachen hielten Landesrabbiner Dr. R i e g e r, der hervorhob, daß der Tempelverband wie bisher auch in Zukunft kerndeutsch und echt jüdisch bleiben möge, sowie Rabbiner Dr. Kaelter (Danzig), der im Aufträge der Vereinigung für das liberale Judentum sprach. Der Hamburger Tempel sei das Mutterhaus des liberalen Judentums, er habe uns die Wege geebnet zur Freiheit, Wahrheit und Schönheit im Judentum. Herr Rabbiner. Dr. Sonderling sprach dann vor geöffneter Lade das Gebet für das Seelenheil der verstorbenen Prediger und Verbandsmitglieder und das Gebet für Kaiser und Reich und den Senat. Mit dem Chorgesang „Adon 01 am" schloß die dem Ernst der Zeit angemessene Feier, bei der Herr Oberkantor K o r n i tz e r als musikalischer Leiter fungierte. Aus Anlaß der Jahrhundertfeier sind der Verwaltung des Verbandes mehrfache Spenden zuteil geworden; so haben die Mitglieder des Tempelverbandes in großzügiger Weise eine Jubiläumsspende zugunsten des bestehenden Baufonds für den geplanten Neubau eines Tempels gestiftet. Herrn Rabbiner Dr. Leimdörfer ist ein größerer Betrag zur Begründung einer Stiftung zugunsten der Hinterbliebenen gefallener Krieger zur Verfügung gestellt worden. Die Stiftung wird den Namen „Nabbiner- Dr.-Leimdörfer-Stiftung" tragen und unter der Verwaltung des Tempelverbandes stehen. Von einem Mitglied des Vorstandes wurde ein Oelgemälde, den Mitbegründer des Tempelverbandes Herrn Joseph Warendorsf darstellend, für den Sitzungssaal des Vorstandes gestiftet. S£2 Köln, 25. Oktober. Am Freitag, den 18. d. M., ist der Rabbiner Dr. Kober aus Wiesbaden, der im Frühjahr dieses Jahres vom Vorstände und.der Repräsentanz der Synagogengemeinde Köln als Nachfolger des seligen Herrn Rabbiners Dr. Frank in Köln gewählt worden war, feierlichst in sein Amt -einge führt worden. Im Gemeindesttzunigssaale der Neuen Synagoge in der Roonftraße, woselbst sich der Vorstand, die Repräsentanz und das Rabbinat eingefunden hatten, wurde der neue Rabbiner Herr Dr. Kober von bem Vorsitzenden des Vorstandes, Herrn Stadtverordneten Louis E l i e l, dem Vorsitzenden der Repräsentanz, Herrn Bernhard G o l d - schmidt, und dem Gemeind-erabbiner Herrn Dr. Ludwig Rosenthal mit herzlichen Worten begrüßt, denen der neue Seelsorger für das ihm durch die Berufung als Nachfolger des Rabbiners Dr. Frank erwiesene Vertrauen auf das wärmste dankte und sie zugleich um weiteres Vertrauen und- Unterstützung für seine künftige Amtstätigkeit bat. Hieraus folgte die Einführung in den großen Tempel an der Noonstrahe, wobei Herr Rabbiner Dr. Kober, von Herrn Stadtverordneten Eliel und von Herrn Bernhard Goldschmidt geführt, von dem stellvertretenden Rabbiner Herrn Dr. Caro, dem Vorstand und dem Repräsentantenkollegium zu -dem- Platze seines Amtsvorgängers geleitet wurde. Nach einem feierlichen Orgel- und Gesangsvortrage unter Leitung des Herrn Musikdirektors Benito Sternberg hielt dann Herr Rabbiner Dr. Kober seine weihevolle Antrittsrede. An die Lichtgestalt des Patriarchen Abraham anknüpfend, von dem es heißt: „Durch bnch sollen alle Familien des Erdbodens gesegnet werden und du sollst ein Segen sein", beze-ichnete Dr. Kober -es als die Aufgabe des Rabbiners, die die ganze Menschheit in Gerechtigkeit und Liebe umfassende Lehre des Judentums zu künden, aber auch des historischen Zusammenhangs rnit dessen Vergangenheit sich stets bewußt zu bleiben. Die Größe der Aufgabe könnte den Rabbiner leicht verzagt machen. Allein, wer ein Dolmetsch der Wahrheit zu sein gewillt sei, stelle sich in -den Dienst eines Höheren, werde ein Werkzeug Gottes, der wirken kann durch Hohe und Geringe. Die Person des Verkünders des- Gotteswortes trete daher ganz zurück; persönlich sei seine Verkündigung nur in bezug auf diejenigen, an die siegerichtet ist. Sein Wort berücksichtige die verschiedenen Strömungen und Richtungen der Zeit und passe sich dem Bedürfnisse des einzelnen an. Hinter seinem Worte aber stehe der Rabbiner selbst; mit seiner ganzen Person trete er für das ein, was er auf der Kanzel verkünde, für die religiösen, sittlichen und sozialen Institutionen, für Erziehung und Unterricht. Bei dein Vorbilde eines Mannes wie Dr. Abraham Frank, seines verklärten Mntsvorgüngers, würden diese Aufgaben stets besonderslebendig vor seiner Seele stehen. Der Rabbiner müsse schließlich, sich selbst im Feuer seiner Aufgabe läutern und -rnit seinen höheren Zwecken wachsen, umein Segen für die Gesamtheit zu werden. — Mit einem Gebet für den Kaiser, das deutsche Vaterland, die Stadt Köln und die Synagogengemeinde schloß der Rabbiner seine eindrucksvollen Worte. Die besten Wünsche begleiten den neuen Rabbiner, und möge Herrn Dr. Kober eine seg-ens- und erfolgreiche Tätigkeit in der Großgerneinde Köln befchieden fein. g/g Seesen a. Harz, 5. Oktober. Der Fabrikbesitzer Herr Fritz Züchner zu Seesen a. H. hat der hiesigen Jacobson sch ule zur Unterhaltung einer Freistelle eine namhafte Summe gespendet. In der Geschichte der genannten Anstalt ist es das erstemal, daß von nichtjüdischer Seite eine so ansehnliche Stiftung gemacht wurde. — Dem Direktor der Jacobson schule, Professor Dr. Friedland, ist das braunschweigische Krieg sverdienftkreuz am Frieden sbande verliehen worden-, nachdem -er schon vor längerer Zeit das preußische Verdienstkreuz für Kriegshilfe erhalten hat. Seiner Gattin, welche Vorsitzende des Daterlän di s ch en F r au e n - V e r e i n s zu Seesen ist, wurde das braunschweigische Kriegsverdienstkreuz für Frauen verliehen. — Don ehemaligen jüdischen Schülern der Jacobso-nschule haben das- Eiserne Kreuz erster Klaffe erhalten: Ernst Kassel, Leutnant d. R., aus Hamburg (leider gefallen) und- Kurt E i ch e n b e r g , Leutnant d. R., aus Göttingen. Q/a Wiesbaden, 25. Oktober. Am Sabbat, den 12. d. M., fand in der hiesigen Hauptshnagoge nach vor-angegangener Vereidigung durch die Königliche Regierung die feierliche Einführung unseres neuen Stadt- und Bezirks-Rabbiners Dr. Paul L a z a r n s statt. Nach den einführenden Worten des beauftragten Vertreters des Regierungspräsidenten in Wiesbaden, Kammerherrn v. Hei mb u r g, hielt Herr Dr. Lazarus seine Antrittspredigt, der als Text bk Worte des Prophetenabschnittes zugrunde gelegt waren: „Ob Berge weichen und Hügel wanken, nreine Liebe zu dir soll nicht weichen und mein Friedensbund nicht wanken." Tief ergriffen folgten die zahlreich erschienenen Gemeindemitglieder den Worten des neuen Rabbiners, der mit feiner ganzen Kraft für das Wohl der Gemeinde und des Bezirks zu wirken feierlich gelobte. Litauen. Z. Wilna, im Oktober. Wilna d a r s n i ch L P o l n i s ch w e r - den! Die Gefahr schwebt. Man murmelt wieder von neuem, daß Wilna dem polnischen Staate hingegeberr werden soll. Wenn die jüdische Bevölkerung darüber nicht orientiert ist, so ist daran nicht die Presse schuld,, \wldje das Ihre getan hat, sondern, wie immer, das Zentralkomitee, welches fast aus wildfremden Menschen besteht und gefällt, wo man nur will, nur nicht der jüdischen Bevölkerung. Wir Juden haben uns die ganze Zeit über Im Schatten gehalten, wir sind nicht energisch mit unseren Forderungen unt Wünschen ausgetreten, da wir glaubten, jetzt sei nicht die Zeit dazu. Es ist Kri-eg, undwas i-m Krieg geschaffen wird, kann nicht die genügende Festigkeit haben. Manche Institutionen, die geschaffen worden sind, sind nicht gerade für unsere Interessen geeignet, aber nur haben demgegenüber die Augen verschlossen, indem wir uns dachten, das macht nichts! Causa eesset effectu-s. Wenn der Krieg vorbei ist, so werden jene Ju-stitutiv'nen auch vorbei sein, und wenn im Frieder: angesangen werden luirb, bk nötigen Vertretungen der einzelnen Gebiete zu errichten, dann werden auch wir mit der nötigen Energie für unsere Interessen agitieren: vorläufig haben wir -esfür besser gehalten, passiv zu sein. Anders steht -es -aber mit der Frage der Hingabe von Wilna an Polen. Hier können wir nicht passiv sein-, hier müssen und werden wir aktiv sein, und w i r e r f I n i* -e n offen u n d k l a r , tui r w e r d e n m i t alle n u ns e r e n K r ä f t e iv n n s e r W i l n a v o r d e r p o l n> i s ch e u S klav e r e i b e w a h r e n ,