Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 4 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3229339-3229383--74429-3286923- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
w i r werden .nicht z u l a s s e n, d a ß m a n n n s wie e i ne n S p i el b a l l v o n e i n e m O r t z u m a n d e r e n wirft, und man möge missen, daß das, was wir hier schreiben, nicht die Meinung eines Publizisten, einer Privatperson, eines Klubs, einer Partei ist, sondern den festen Willen der ganzen jüdischen Bevölkerung und Litauens ohne Ausnahme ausdrückt. Wilna ist unsere Stadt. Wir haben es in seiner wirtschaftlichen Struktur aufgebaut. Hier hat immer die Wiege aller jüdischen t u l t u r e l l e n Bewegungen g e st a n d e n. Hier haben um* uns heimisch gefühlt. Hier haben wir unsere Macht gehabt. Hier ist der Mittelpunkt der jüdischen Kulturarbeit gewesen. Und wir werden aufhören, stille Schäf-lein zu fein, wenn man uns verkaufen wird wie ewige Knechte an die geschworenen Feinde unserer Eigenart, an die degenerierten polnischen Magnaten. Die Magnaten haben Ansprüche auf Wilna: worauf haben die Magnaten nicht Ansprüche? Jeder Fleck, wohin der Wind zufällig ein Haar eines ausgezogenen polnischen Schnurrbarts getragen hat, heißt bei ihnen „polska". Die ganze Welt ist polnisch. Wer Wilna ist niemals polnisch gewesen und wird niemals polnisch sein. Selbst dann, wenn man es Polen hingeben wird, werden wir den Akt unzweideutig und hartnäckig ignorieren. Wir wollen nicht unter dem Kantschu des polnischen Maanaten stehen. Wir werden nicht die Souveränität eines polnischen Grafen über uns anerkennen. Wenn Deutschland meint, daß es Wilna nicht nötig hat und es durchaus abgeben muß, so hat das erste Recht auf Wilna ein anderer als Polen. Unser östlicher Nachbar ist uns lieber als die Monarchie der hoch-wohllöblichen polnischen Herren. Wir haben uns bis jetzt ganz ruhig, still, wie artige Kinder Verhalten, aber wenn man uns an Polen binden wird, so werden wir aushören ruhig, zu sein, werden wir uns gegen unsere Fesseln bäumen. Wir werden schreien so laut, daß der Wind unser Geschrei nach allen vier Enden der Wett verbreiten wird: Rettet uns, wir sind verkauft! Von Sah und Fern. — Herr Ludwig Vogelsdorff, i. Fa. M. Borchardt Nachf., hat aus Anlaß seines am 29. v. M. stattgehabten 70. Geburtstages in großherziger Weile folgende Stistunaen überwiesen: 10 000 Mark der Jüdischen Blindenanstalt für Deutschland: 10 000 Mark dem Jüdischen Kiurhospital' nv Kolberg; 10 000 Mark dem israelitischen Krankenheim der Adatz Jisroel und 10 000 Mark dem Verein für jüdische Geschichte und Literatur. — Tie im Juni. d. I. verstorbene Frau Mathilde Priester, geb. Knopf, hat in ihrem Testament d'.'r Sta-dtge-meinde Berlin 30 000 Mark ausgesetzlt, die als „Max- Nlathilde-Priester-S.tiftung" von der städtischen Blindenanstalt zugunsten armer blinder Kinder in- Ferienheimen verwaltet werden sollen. - In der nächsten Monatsversammlung der Vorderasiatischen Gesellschaft, die am Mittwoch, den 6. November, abends Uhr, int Klub der Landwirte, Berlin W, Dessauer Straße 14, Mttelportal, 1 Treppe, stattfindet, spricht Dr. Robert Eisler über: „Die Entzifferung der n e u e n t d e ck t e n K e n i t e r - I n s ch r i f t e n vom Sinai." - An Stelle des zum Staatssekretär ernannten Herrn Gustav Bauer wurde Kommerzienrat Tlax Simo n Zirm Vorsitzenden der Allgemeinen Ortskrankenkasse der Stadt Berlin gewählt. — Martin Gold sch m i d t, Direktor des Akttenban Vereins ,,Passage" und der Berliner Hotelgestllschalt, ist zum stellvertretenden Handelsrichter bei bettt Landgericht I in Berlin ernannt worden. — Kapellmeister Adolf Wohlan-er hat die Rote-Kreuz-Medaille und die österreichische Silberne Ehrenmedaille 2. Klasse erhalten. — Sanitätsrat Tr. Wilhelm Stern, der Berliner Arzt und philosophische Schriftsteller, ist am 18. Oktober, 75 Jahre alt, gestorben. Sein Hauptwerk ist die „Kritische Grundlegung der Ethik als positive Wissenschaft". Bon seinen kleineren Schriften ist besonders „Das Wesen des Mitleids" zu erwähnen. Eine ausführliche Würdigung des philosophischen Wirkens des Dahingeschiedenen ist zu seinem 70. Geburtstag in Nr. 32 (1914) unserer Zeitung erschienen. Seine Beerdigung fand am 23. Oktober statt. Rabbiner Tr. Weiße hielt die Trauerrede, Professor Tr. Ferd. Jac. Schmidt sprach für die Philosophische Gesellschaft, Dozent Tr. R. B a e r w a l d ftir die Psychologische Gesellschaft. Am 23. Oktober verstarb an der Grippe der Dozent am Berliner Rabbinerseminar Dr. Jacob S p e r b e r im 28. Lebensjahre. Ein Mann von großen Kenntnissen ans ds-m Gebiet -der Orientalistik und umfassender profaner und jübiische-r Allgemeinbildung ist mit ihm dahingegaingen. Am 16. Oktober starb an> den Folgen, einer schweren Lungenentzündung im. Alter von 35 Jahren die Gattin des- Rabbiners Dr. Wich. Lew Y, Frau. Betty Lewy, geb. Samuel. Ihre Beisetzung ersolgbe, unter großer Beteiligung auf dem. Friedhof der Gemeinde Adaß Jisroel. — Aus: Posen wird uns berichtet: Die Rote- Kreuz-Medaille 3. Klasse erhielten:. Frau. Talka P etiersdorf's, Gattin des Inhabers der Häuser Rudolf Petersdorfs in Posen, Breslau. und Königsberg; Frau Lehrer Trudel Sanier, geb. HMschjkoüvsiki., G>att,iN' des Lehrers Herrn Siegfried Sander in Posen, zurzeit Zahlmeister im Felde. — In Schrimm wurden in der letzten Stadtverordnetensitzung die Ratsherren Abraham Ja ff 6 und Z i mm t, deren Amtszeit am 31. Dezember abläuft, auf weitere sechs Jahre mit Stimmenmchrheit wiedergewählt. — Der Berbandder Deutschen Juden gedenkt in Breslau eine Reihe apologetischer Vorträge abha,lten zu lassen. Die Veranstaltung soll nach dem Muster -der Berliner erfolgen. Ms Zeitpunkt ist das' Frühjahr in Aussicht genommen. — Rabbiner Dr. Sa enger aus Berlin wurde, wie uns ails Breslau gemeldet wird, zum stellvertretenden Rabbiner der Neuen Synagoge gewählt. — Ter Reeder und Konsul Arthur Kunst mann in Stettin-, dem erst vor einiger Zeit von preußischen Orden die Rote-Kreuz-Medaille 3. Klasse und das Kriegsverdienstkreuz verliehen worden sind, ist nunmehr mit dem Eisernen Kreuz am weißchchwarzen Bande ausgezeichnet worden. — Aus Dresden wird geschrieben: Dem. Ruf der Stunde der Not des Vaterlandes folgend, fanden am- 20. Oktober toi."» in -allen Kirchen so auch in. der Synagoge Bittgottesdienste statt. Nach aemeinsamem Gem-ng: „Wir treten zu-m Beten" hielt Rabbiner Pro-fessor Tr. W, inte r die Predigt, anschiließend -an. den verklungenen Psalm 121: „Mci-ne Hilfe kommt von Gott" und gestützt aus den Psalm- 62. Mitseiner Ansprache, in der er das dents.ck'-e Judentum!, insbesondere die hiesige Gemeinde, unter gesamtes .Vaterland und Volk zum Stilleh,alten, zum' Aufblick und Vertrauen aus Gott ermahnte, lvie mit dem anknnpfenden innigen Gellet hat er die zahlreich anwesende Gemeindewohl'zu fesseln, ihrer Stimnt-nng Rechnung m tragen gewußt. Zum Schluß folgte Gesang von Wau Aulom („Du Herr, tu,eine Zuversicht"). — Leutnant Walther Meye r, Sohn, der verstorbenen Frau Jenny Meyer, einer Tochter von A b r a h a m Geiger, ist in den Kämpfen im Westen am 10. September gefallen. Er war Ritter des Eisernen Kreuzes 2. Klasse und zur 1. Klasse einaereicht. Der Verstorbene war lange Jahre Reisevertreter der Firma I. Elsbach in Herford und war wegen seiner Tüchtigkeit und seines edlen Wesens hochgeschätzt. — Der bekannte Orientalist Professor Dr. Enno Littmann (Bonn) wurde zum Geheimen Regierungsrat ernannt. — Leutnant d. R. FritzLoeb aus Trier, Inhaber des Eisernen Kreuzes 1. und 2. Klasse, erhielt das Ritterkreuz des Königlichen Hausordens von Hohenzollern mit Schwertern. — In Offenbach a. M. verschied dieser Tage ganz plötzlich Herr Hermann H i r s ch im 72. Lebensjahre. Er war ein hervorragendes Mitglied foei dem Institut der freiwilligen Feuerwehr der Stadt Qffenbach und mehrmalsdurch Verleihung der Verdienstmedaille vom Großherzog .ausgezeichnet. — Der M a nutze i m e r Syn-ag oge n r a-t -hat mit Genehmigung des Großen- Oberrats d-?r Israeliten dem langjährigen Sekreitäw und Rechner der Gemeinde, Herrn I. Schorsch, den Titel „Bureaudirektor" verliehen. — Aus Wien wird berichtet: Der von der niederösterreichischen Handels- -und Gewerbekammer sür den kaufmannischett Nachwuchs zur Pflege der türkischen'Sprache gestiftete Preise wurde in diesem Jahre dem Beamten des Banikhauses Rosenfeld u. Co., Herrn Hans B-ondy, einem Sohn des! Sekretärs Herrn Heinrich Bondy., verliehen. — Dieser Tage wurde in der türkisch-israelitischen 9lbteilung, des Z-entrals.riedho-ses die Leiche desin.jungen Jahren verstorbenen Botschaftssekretärs der ottoma-nischen Botschaft- -in Wen, T e w s,i k D a v o ind B e zu- Grabe -getragen. In der Zer-emonienhalle -der israelitischen A'btei'lun-g! w'aren die Vertreter der türkischen Botschaft erschienen. Nachdem! O-berkantor B -a u e r die Gesänge -des Rituals vorgetr-agen-, wurde der Sarg- N!ach vorans-gegangenem Rachr-nfe ins Grab -gesenkt. T-ann' n-a-hni! Botscha-stssekretär Ferid Bei namens der Botschaft von dem beliebten Amtskollegen Abschied. Verantwortlicher Redakteur: Albert Katz in Berlin-Pankow, Florastraße 58. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Max Junge, Berlin-Friedenau. Druck und Verlag von Rudolf Mosse.