Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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2. Jahrgang Nr. 44 Berlin, 1. November 1918 Der Gemeindevote. Vellage zur -„Allgemeinen Leitung deF Judentums". KorrrsponLrn?kn und Sachrichtrn. E. R. Berlin, 29. Oktober. Unter dem Vorsitz des Gehei mrats Direktor Dr. Georg Minden fand« vorigen Mittwoch abends eine Sitzung, der Rep r äse nannten Versammlung statt, über di-e -uns nachstehender Bericht zugeht: Nach. Eintritt in die Tagesordnung wurde zunächst die Annahme folgender Zuwendungen beschlossen: Von dem Rentier Herrn Aron Adler in Charlottenburg 4000 Mark sünfprozentige Kriegsanleihe unter den daran geknüpften Bedingungen. Von Fräulein Regina Boehm 500 Mark zu Grabespflegezwecken. Von Herrn Franz Pariser 10 000 Mark zur Errichtung einer Ursula-Ruth-Pariser-Stiftung. Von Frau Cäcilie Pariser '5000 Mark zur Errichtung einer Ernst-Reinhard^Pariser- Ltiftung. Von Frau Klara Saenger geb. Thorner 500 Mark für die Alterversorgungsanstalt zur Begehung einer Jahrzeit. Von Herrn Carl K a l l m a n n 4000 Mark für die WaisenkoMniission zur Verstärkung der Carl-und'-Emma-KallwannpStiftuN'g. Von Herrn Salli Baer 1000 Mark zur Errichtung einer Jlse-Baer- Stiftung und von Herrn Leopold Baer 100 Mark zur Verstärkung der Stiftung. — lieber die Bewilligung von Teuerungszulagen referierte Herr Benas L e v y. Mit einer kleinen Abänderung stimmt die Versammlung der Vorlage des Vorstandes zu. Es bestehen vier Gruppen. Vorbei ratete erhalten in Gruppe I 1000 Mark, in Gruppe II 900 Mark, in Gruppe III 800 Mark, in Gruppe IV 700 Mark, dazu für jedes Kind 150 Mark. Unverheiratete erhalten 80 Prozent der Sähe für Verheiratete ohne Kinder. — Auf Antrag des Herrn Professor Türk wurde eine Kommission zur Vorbereituna der Wahl eines Vorsitze nden des Gemeindevorstandes, bestehend aus den Herren M i n d e n . Dr. L e v h , T i e tz , K a l i s ch e r und Türk, einaesetzt. Herr Kirstein bittet-, die Arbeiten zu beschleunigen. Hierauf erfolgte die Einführung des neu gewählten Gemeindevorstehers Herrn Justizrat M a g n u s. Herr Geheimrat Minden begrüßte ihn mit herzlichen Worten. Er hob hervor, daß Justizrat Magnus sich in vielen Fällen, besonders bei der Kriegsfürwrae, außerordentlich 'bewährt und sich bei Beginn des Krieges der Rückwanderer unter den östlichen Juden angenommen habe. Herr Justizrat Maignus führe den Namen eines Mannes, dessen Andenken nie verloschen wird. Der Gemeindevorsteher Geheimer Kommerzienrat Meyer Magnus war ein aufrechter Mensch und guter Jude. Nomen et omen. Sodann fand die Vereidigung durch Handschlag statt. — Von fiämitlÄrt Mitgliedern der Reprösentantenversaunulung ist folgender Antrag eingegangen: Die Rep räsentantenver sa mmlim g lx-sM-ießt, den Genreindevorstaud zu ersuchen-, bei der zuständigen Behörde schleunigst zu beantragen', die für den 19. November anaesetzten (Hgänznngswahlen bis auf weiteres zu verschieben. Jur Begründung dies-es An'trages. nackd-em die Dringlichkeit beschlossen wurde, nabm Herr Professor Türk das Wort: „Der Gemeindevorstand hat beschlossen, für die im vorigen Jahre aus-geschiedenen- Repräsentanten Ersahwahlen vornehmen zu lassen. Diesem Beschluß ist die Repräsentcmteiwersammlung in ihrer Mehrheit beigetreten, obwohl es nicht an Mitgliedern fehlte, die da meinten, daß bei der kurzen Zeit, die uns von den regelmäßigen Wahlen trenne, es sich nicht lohne, einen großen Apparat und bedeutende Mittel auszuwenden. Gemäß den Beschlüssen hat der Borstand die Wahlen auf den 19. November ouqo'setzt und alle Vorbereitungen dafür getroffen. Dennoch sehen wir uns genötigt, den Vorstand zu ersluchen, die Wahlen um einige Mt zu verschieben. Wir sind der Meinung,, daß wir in dieser politisch hochgespannten Zeit unseren Gemeindemitgliedern nicht zunmten können, sich mit unseren Genreindeangelegenheiten so eingehend zu befassen, wie es in ruhigen Zeiten Gemeindewahlen erfordern. All unser Denken und Fühlen ist von der einen bangen Torge um die Zukunft und das Schicksal unseres Vaterlandes erfüllt, unb im Vergleich zu dieser Sorge erscheint uns alles andere klein und unbedeutend. Es ist daher auch nicht zu erwarten, daß auch nur eine nennenswerte Zahl von Gemeindemitgliedern an -diesen Wahlen sich beteiligen wird. Was kann gegen unseren Antrag eingewendet werden? Eine kurze Unterredung mit dem Dezernenten der Regierung wird genügen, um die Angelegenheit zu erledigen. Könnten die Wahlen in diesen Tagen stiattsinden, so ginge es vielleicht noch, aber wer will sagen, was uns die nächsten Wochen bringen werden. Wenn wir die Politischen Zeichen richtig deuten, so stehen wir vor einer nationalen Erhebungdie in der Geschichte .einzig daftehen wird. Noch weit mehr Männer als bisher werden an die Front eilen. Wir Alten werden in die Schreibstuben gehen, um jeden Arm frei zu machen, der eine Büchse tragen kann, lim die Feinde von dem heiligen Boden des Vaterlandes fernzuhalten. In solchen Zeiten wird man für Wahlen kein Interesse haben. Den Wahlen geht ein Wahlkampf voraus. Sollen wir jetzt nach, außen hin das Bild der Uneinigkeit geben? Und käme selbst eine Einigung unter den gegnerischen Richtungen zustande, kann es den zu wählenden Männern erwünscht fein, von einer geringfügigen Zahl von Wählern in die Repräsentantenversamm'lung entsandt zu werden, da doch die Zahl der wahlberechtigten Mitglieder viele Tausende beträgt? Nun, meine Herren, weiß ich wohl, daß unsere Versammlung >gegeuwartig einseitig zusammengesetzt ist, daß der Gedanke auskornmen könnte, als sei unser Antrag aus irgendwelchen Parteirücksichten entstanden. Wir haben daher uns mit den Führern der gegnerischen Richtungen ins Einvernehmen gesetzt und ich habe soeben die Mitteilung, erhalten, daß diese Führer mit unserem Anträge einverstanden sind. Leider können diese Herren erst morgen abend einen endgültigen Entschluß fassen. Wir aber dursten nicht zögern, diesen Antrag heute schon einzubringen, da wir nicht wissen können, wann wir wieder zusarnmenkommen werden. An den Gemeindevorstiand richte ich die Bitte, der einmütigen Willensmennmg der Versammlung sich nicht zu versagen. Sollte er noch Zweifel und Bedenken haben, so bitte ich ihn, sich heute noch nicht aus eine ablehnende Entscheidung sestzulegen. Ich bin überzeugt, daß eine zustimmen.de Erklärung der generischen Richtungen in wenigen Tagen in seinen Händen sein wird." Der Vertreter des Gemeindevorstandes, Herr Geheimrat Dr. Stern, erklärt, daß er nicht zusichern kann, daß der Vorstand den Antrag annehmen wird. Kürzlich habe eine Reichstagswahl in diesen bewegten Zeiten stattgefunden. Er hofft«, daß die Wahl, wenn sie stattfinden werde, ruhig verlausen wird. Ter Antrag der Repräsentanten wird einstimmig angenommen. — Mit der Bewilligung verschiedener Ausgaben schließt die öffentliche Sitzung. # Berlin, 29. Oktober. Der Vor st and der Jüdischen Gemeinde hat in seiner letzten Sitzung die Ersatzwahl für seinen am 12. August d. I. verstorbenen ersten Vorsitzenden Kommerzienrat Heinrich E i s n e r vorgenommen. Die Wahl siel auf den bisherigen stellvertretenden Vorsitzenden, Geheimen Sanitätsrat Dr. Julius Stern, der damit zum ersten Vorsitzenden der größten jüdischen Gemeinde Deutschlands gewählt worden ist. Der neue Vorsitzende steht im 66. Lebensjahre. Er gehört dem Vorstande seit dem Jahre 1900 an und ist einer der eifrigsten Arbeiter des Kollegiums. Geheimrat Dr. Stern, hat sich bereits auf den verschiedensten Gebieten dev weitverzweigten Gemeindeverwaltung betätigt. Seine Tätigkeit war anfänglich dem Schulvorstand und der Waisenkommission gewidmet, dann betätigte er sich im Kuratorium der Gemeindewaisenhäuser. Gegenwärtig leitet er als Vorsitzender der Vereinigten Shnagogenvorstände die Kultusangelegenheiten und widmet sich gleichzeitig weiter den Waisenhäusern der Gemeinde. Im Jahve 1912 wurde Geheimrat Dr. Stern zum stellvertretenden Vorsitzenden gewählt. Bei der letzten Konstituierung des Gemeindevorstandes wurden die Aemter des zweiten und dritten Vorsitzenden der Berliner Großgemeinde den Vorstandsmitgliedern Leopold Bad t und Sanitätsrat Dr. Wilhelm Feilchenfeld übertragen. Gegenwärtig ist die Stelle eines Aeltesten-Stellvertreters unbesetzt. Die Ersatzwahl steht bereits auf der Tagesordnung der nächsten Sitzung der Repräsentantenversammlung. E.M. Beplirr, 29. Oktober. Kommerzienrat Jacob Mandelbaum, Königlich Bulgarischer Generalkonsul und Ehrenbürger von Sofia, ist, wie bereits mitgeteilt, im 57. Lebensjahre einem Herzschläge erlegen. Der Verstorbene gehörte zu den bekanntesten Persönlichkeiten der Berliner Handelswelt. Mandelbaum, der vor' einem Vierteljahrhundert nach Berlin kam, ist der Typus des jüdischen Selfmademans in der guten Bedeutung des Wortes. Auf der Höhe des Erfolges, zu der ihn eiserner Fleiß, ein großes