Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 527 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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„Soll ich, dir die ganze Wahrheit sagen, Ellen? Ja, tm kannst mir helfen, indem du mein Leid noch schwerer gestaltest, so daß ich Aussicht habe, bald zusammenzubrechen. Nein, nein, halte mich nicht für wahnsinnig! Ich wäre ja den: Schöpfer dankbar, wenn ich nicht so verständig und scharfblickend sein müßte! Wenn ich etwas noch mehr gefürchtet, so war es der Umstand, daß ich bei meiner Rückkehr wieder mit dir in nähere Berührung kommen werde. Ich wußte, daß das meine Augen verdunkeln, mein Herz zerreißen wird, wenn ich dichglücklich sehe, den Gegensatz zwischen deinem und meinem Leben beständig vor Augen zu haben! Ellen, daß ich so offen und rückhaltlos mit dir davon spreche, soll dir ein Beweis meiner großen Liebe für dich sein!" Ellen war es, als ob ihr Herz zu schlagenaufgehört. „Dann willst du mich gar nicht mehr sehen, Alice?" „Wenigstens für längere Zeit nicht; wenigstens nicht, bis ich mich in mein Schicksal gefunden. So schwer kann ich doch nicht gesündigt Habens daß dieser Zustand ewig dauern sollte. Ich hoffe, daß Gott mich lehren wird, nicht vor der Berührung des Mannes zurückzubeben, den ich heiraten soll! Eines Tages werde ich mich vielleicht doch mit meinem Los ausgesöhnt haben, dann wollen wir auch unsere Freundschaft wieder aufnehmen, Ellen." „Alice, lebe wohl!" „Lebe wohl, Ellen! Sei nicht beunruhigt meinetwegen. Es hat jeder Mensch feine Kämpfe durchzumachen, mit denen er sich abfinden muß." Mit heißen Augen und wehem Herzen verließ Ellen das Haus. Sie mußte sich sagen, daß sie hier eine große Demütigung erfahren. Bei ihren Verwandten traf die junge Frau auch den Vikar Strömer, der dort gespeist hatte. Nachdem er Ellen kurz und förmlich begrüßt hatte, stand er auf, um sich zu verabschieden. Alle Versuche des alten Dumont konnten ihn nicht zu einem längeren Verweilen bewegen. „Wir werden uns ja heute doch noch sehen", sprach er als Begründung seiner beharrlichen Ablehnung. Der eigentliche Grund feiner Weigerung blieb Ellen nicht verborgen. Es sollte ihr dadurch Aar werden, daß er vertrauensvoll bei seinem Vorhaben verbleiben wolle, wie er es ihr bei jener Begegnung gesagt, daß er es vermeiden werde, irgendwelchen Persönlichen Einfluß auszuüben. Sie mußte über die Wörtlichkeit und Buchstäblichkeit seines Vorhabens lächeln. Sie dachte daran, ob sein Fortgehen doch nicht noch einen anderen Grund haben möchte: daß er sie fliehe, auf daß der Funke, der jetzt nur schwach in seinem Herzen glimme, nicht durch ihren Anblick wieder zu einer hellen Flamme angefacht werde... Dieser Gedanke aber gab ihr die Kraft, ihre frühere Furcht, die sich wieder in ihr Herz einnisten wollte, von sich zu weisen. Das Zusammensein mit ihren Verwandten gestaltete sich für Ellen sehr gemütlich. Es war nichts vorhanden, das die Herzlichkeit hätte'stören oder beeinträchtigen können. Ellen wunderte sich sogar, daß ein wahrhaft frommes Gemüt keinen Unterschied der Religionen aufkommen ließ, während der klügelnde Verstand sich im -hellen Zorn dagegen empörte. In vollen Zügen genoß sie darum die Herzlichkeit und Freundlichkeit des Onkels, die mütterliche und zärtliche Fürsorge der Tante, und es schien ihr unbegreiflich, /daß sich etwas ereignet haben sollte, was dieses schöne Verhältnis hätte gefährden können. Daher war es für sie eine schmerzliche Enttäuschung, als sie bald wahrnehmen mußte, daß die gemeinsame Innigkeit doch einen Riß erlitten. Sie hatte es nämlich bemerkt, daß der Onkel ungeduldige Blicke nach der Wanduhr warf, von dieser wieder auf die Tante, die ebenfalls in der letzten Viertelstunde etwas einsilbiger geworden war. Plötzlich wußte Ellen, was es zu bedeuten hat. „Was meinte denn Herr Strömer, daß ihr euch heute noch Wiedersehen werdet?" fragte sie. Das Gesicht des alten Herrn Aärte sich bei dieser Frage auf. „Er meinte damit unsere Anwesenheit bei dem heutigen Erntefest in der Kirche. Es sollte eigentlich gestern schon abgehalten worden sein, aber da er wußte, daß wir dem Gottesdienst gern beiwohnen wollten, hat er es bis heute verschoben. Die Feier beginnt um sechs Uhr." „Schon um sechs Uhr! Da ist es doch die höchste Zeit! Warum habt ihr es mir nicht gleich gesagt? Warte einen Augenblick, Tantchen, ich hole dir schnell Hut und Mantel." Das verlegene Zögern der alten Leute hatten ihr wiederum ihre Lage dahin klargemacht, daß sie ihr doch entfremdet worden waren, daß sie den Religionswechsel doch nicht so leicht genommen. Dieses kam Ellen aber noch stärker zum Bewußtsein, als sie bei dem Abschied vor der Kirche die verhaltenen Tränen in den Augen der Tante bemerkte. Ja, ja, es unterlag keinem Zweifel, daß sie fortan von ihren Verwandten getrennt bleiben, daß sie verschiedene Bahnen wandeln mußten. Ob ihr dieses leicht werden würde? Mit verhaltenem Atem lauschte sie den Orgeltönen, die aus dem Gotteshause an ihr Ohr drangen, und ihr Fuß blieb wie angewurzelt stehen. Schon wieder der Klang der so wohlvertrauten Stimme, abermals die Andacht, die ihr Herz höher schlagen ließ, das Beten, das sich wieder auf ihre Lippen legte, das sie aber unterdrücken mußte und daran sie zu ersticken drohte. Gewaltsam riß sie sich los. Was aber ihre Flucht noch mehr beflügelte, das war das sieghafte Bewußtsein, daß die Zeit ihres Triumphes ebenfalls nahe bevorstand. Noch eine einzige Woche nur, und das große Fest ihres neuen Glaubens, die Weihe eines neubeginnenden Jahres, wird gefeiert, bald darauf der heilige Tag der Versöhnung, wo die göttliche Heiligkeit und Versöhnung sich auch über sie ergießen wird. — Nein, nein, die Leute da in der Kirche sollen nichts voraus haben: sie sollen nicht spöttisch und schadenfroh mit stechenden Fingern nach ihr zeigen. Auch sie wird -bald wieder im Gebet schwelgen: auch sie wird bald wieder in Andacht zum Himmel emporschwingen, und der Herr wird segnend seine Hände ans heiligen Höhen ihr entgegenstrecken! 15. . Während der ganzen folgenden Woche befand sich das Klaßnersche Haus in einem wahren Aufruhr wirtschaftlicher Tätigkeit, in einem Wirrwarr festlicher Vorbereitungen. Chaje Rachel schien hundert Füße und hundert Hände zu besitzen, ohne aber nur eine einzige entbehren zu können. Scheuerfrauen und dienstbare Geister waren ein rarer und begehrter Artikel in der ganzen Nachbarschaft geworden. Chaje Rachel aber hatte es doch fertiggebracht, eine Frau aufzutreiben: allerdings für einen Preis, mit dem man, Wie sie meinte, in ihrer Heimat hätte eine Tochter verheiraten können. Aber sie rächte sich dafür, indem sie der Frau gleich am ersten Tage zu verstehen gab, daß sie unter Arbeit auch wirkliche Arbeit verstehe, daß Plauderstündchen und Kunstpau'sen gänzlich ausgeschlossen feien, so daß die Frau sich die Nase rieb und sich auch ein bißchen hinter die Ohren kratzte und darüber nachzudenken begann, wer von beiden eigentlich doch ein besseres Geschäft mache. Ehaje Rachel besaß einen ausgeprägten Spürsinn, gerade im kritischen Augenblick da zu erscheinen, wo sie am wenigsten erwartet wurde. Während der ersten drei Tage hatte sich Ellen von dem Arbeitsgebiet ferngehalten, wo sie doch nur im Wege gewesen wäve, und beschäftigte sich -nun mit Kaßners Büch, in welchem sie noch einige Verbesserungen vorzunehmen für angebracht hielt. Aber sie beeilte sich gar nicht damit. Sie ahnte, daß das Buch einen wesentlichen Bestandteil ihrer täglichen Beschäftigung bilde, die sie sehr stark vermissen werde, sobald es erst