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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-11-01 · Heft 44 (1.11.1918) · p. Seite 526

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 44 (1.11.1918)
Date
1918-11-01
Page
Seite 526 (sequence 10)
Language
German
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— 52ö hervorbringt; überdies haben sie ihre Läden und Buden auf einen Fleck konzentriert, so daß Hader und Zank die unausbleiblichen Folgen sein müssen. Kennzeichnend für dieses Zusammenleben sind ihre Beinamen/, die mit der Zeit entstanden sind. Hat einer die Gewohnheit, viel Wurst zu vertilgen, so wird er Kischke genannt, oder einer, dessen Verstand viel zu wünschen übrig läßt, ist der Herr Narr. Und so finden wir einen Herrn Parech, Pikkes (Maulmacher), Chazer (Schweinehändler) usw. Man sucht vergebens nach dem Familiennamen, denn der ist meist unbekannt; ein jeder kennt seinen und des anderen Spitznamen. Ein merkwürdiges Zusammenleben! Galizische Harmonie! Wie gesagt, ich bringe dieses mit blutendem Herzen zur Kenntnis. Man sollte doch annehmen, daß Glaubengenossen, die im Goluth leben und auf Schritt und Tritt Verfolgungen, Gehässigkeiten und Tätlichkeiten ausgesetzt sind, ein inniges, zusammenhängendes Leben fristen müßten. Einer für alle und alle für einen. Schlecht, sehr schlecht ist es um das Boiberiker Judentum bestellt. Stillstand in der Kultur, ergo Rückgang, Schmutz, Hader und Verachtung. Warum ich dieses alles mitteile, höre ich fragen. Man soll ja eigentlich nur Gutes über Glaubensgenossen berichten. Ich bin aber nicht derselben Meinung, denn um Menschen zu helfen und sie auf die richtige Bahn zu bringen, ist es notwendig, ja sogar Pflicht, ihre guten und schlechten Seiten kennenzulernen. Nur dann kann ihnen jene Unterstützung gewährt werden, der sie bedürfen. Wie weit ist Boiberik von Galizien entfernt? Nicht so weit, wie Boiberik von der Eisenbahn, denn Boiberik liegt in Galizien und die Eisenbahn 7 Kilometer von der Stadt; demnach ist Boiberik gleich Galizien und Galizien gleich Boiberik. Selbstverständlich sind Ausnahmen vorhanden, aber alles in allem ist die Aehnlichkeit ungeheuer groß. Solange nun dieses galizische Judentum so bleiben, mit anderen Worten, im Rückzuge sich befinden wird, so lange kann es von uns „Datschen" nicht jenes Entgegenkommen genießen, das ihm zuteil werden würde, wenn es sich reformieren wollte, d. i. fort mit Ueberflüssigem, sei hilfreich und edel und denke an das 20. Jahrhundert. Wenn dieses alles erreicht sein wird, dann erst kann ein erstarktes, felsenfestes, unerschütterliches Judentum erstehen, dann und nur dann kann es auf -Hilfe, Unterstützung und Entgegenkommen der übrigen Glaubensgenossen rechnen. Dann erst werden die Leiden und Verfolgungen ein Ende haben; ein neues Leben wird sich aus den Trümmern emporarbeiten und das alte, unerträgliche, vernichtende vergessen lassen, wie die Zeit des jetzigen Krieges einst vorüber sein wird. Jetzt ist es an der Zeit, diesen Uebergang mit Erfolg zu bewerkstelligen. Der Krieg ist ein Verwandler alles Vergangenen, und so könnte er als ein Reformator des Ostjudentums herangezogen werden. Wenn man das Nachbarland Bukowina betrachtet, so wirft sich die Frage auf: Woran liegt es wohl, daß die Bukowinaer Juden ein anderer Menschenschlag als die in ihrer nächsten Nähe lebenden galizischen Glaubensgenossen sind? Die Antwort ist so einfach wie eine rechnerische Ausgabe. Während der galizische Jude die Zeit im Bethause mit 'dem Drehen der Pejes verbringt und ausschließlich mit dem Handel beschäftigt ist, benutzt der Jude aus dem Buchenlande diese gleiche Zeit zu Bildungsz-wecken und Betätigungen in allen Schichten des modernen Lebens. Er ist Jude, wie er Bukowinaer Bürger ist. Er lebt und kämpft für seine Rechte wie der Andersgläubige. Dafür genießt er aber auch überall die Achtung und die ihm gebührende Ehre. Und darum wird niemand-wagen, ihm Leides zu tun, sondern wird ihn unterstützen, wie es jedem Kämpfer gebührt. Leider ist aber die Brücke zwischen Galizien und dem Buchenlande noch nicht einmal im Bau begriffen. Wie lange mit dem Angriff des Baues noch gewartet werden wird, ist ungewiß. Ich sehe dennoch die Zeit kommen, die meine Wünsche und die vieler Tausende und aber Tausende Mitkämpfer des Judentums in Erfüllung bringen wird. Wir wollen gewiß nur das Wohl unserer Glaubensgenossen. -Dessen können sie sicher sein. Tun sie das Ihrige, so bleibt uns dann nur übrig, das Unsrige zu tun. ^gyn|g|gg Jedem das Seinigr (18. Forts.) Roman von M. P u l» e r m ä n n. 7/^ lese beschwichtigenden Gedanken geleiteten Ellen auf dem Wege zu ihren Pflegeeltern, von denen sie heute die Nachricht erhalten, daß sie die Anstrengungen der langen Reise gut überstanden. Sie war zeitig aufgebrochen, und als sie vor dem Hause ihres Onkels stand, fiel es ihr ein, daß sie wohl noch eine ganze Weile warten müsse, bis die Alten ihr Mittagschläfchen beendet hätten. Daher benutzte sie die Zeit, Alice Mahlow aufzusuchen, die sehr leidend aussah. Es kam zu einem gleichgültigen Gespräch, bis Ellen sagte: „Vergiß nicht, Alice, daß du mir einen Besuch schuldig bist. Nicht wahr, du wirst bald zu mir kommen?" „Vielleicht," -erwiderte diese mit einem starren Blick ins Leere. „Vielleicht?" Ellen trat wieder ins Zimmer und schloß die Tür hinter sich. „Glaubst du, Alice, daß ich mich mit einer solchen Antwort zufrieden geben werde?" Alice schwieg eine Weile und stieß dann die Worte hervor: „Das kannst du ja halten, wie du willst." „Alice!" rief die junge Frau traurige „Mir gibst du eine solche Antwort? Oder willst du mit mir Scherz treiben?" „Durchaus nicht. Es ist mein voller Ernst," sprach Alice kampfbereit. „Und wenn es dir leid tut, dann mußt du die Schuld dir selber beimessen. Ich hatte nicht die Absicht, es dir zu sagen, aber du zwingst mich dazu." „Ich danke Gott, daß ich es getan, denn dadurch werde ich vielleicht über dein rätselhaftes Gebaren Aufschluß erhalten." „Du hast recht; vielleicht ist eS gut fo. Schließlich kann es auch, keinem schaden, wenn ich es dir sage. Ich habe doch so anhaltend darüber nachgedacht und nachgegrübelt, daß ich auch darüber sprechen kann." „Um des Himmels willen, Alice, worüber hast du so viel nachgegrübelt?" „Ueber meine Rückkehr nach der Stadt. Dort, am Meere, war es doch ein wenig erträglicher. Der große, weite und ruhige Ozean erinnert mich beständig, daß ich doch nur so ein winziger, unbedeutender Wurm im Weltall bin, daß es daher eine grenzenlose Anmaßung von mir sei zu glauben, daß ein kleines, menschliches Leid etwas in dem unermeßlichen All zählen sollte. Doch hier, das wußte ich ja, wird mir das Gegenmittel fehlen, daß daher der Stachel nur noch tiefer sich in meine Seele bohren und mein ganzes Leben vergiften wird." „Kann ich dir dabei nicht helfen?" zitterte es von Ellens Lippen. Das Mädchen sah sie mit glänzenden Augen an, vor denen sie zurückbebte.

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