Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 525 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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525 Intellektualismus diesen Gedanken überhaupt nicht aufkommen läßt. An Mitteln und Wegen, sie zu verjüngen, dürfte es nicht fehlen, sie brauchen nur ernstlich beschritten zu werden. Den Schattenseiten des Intellektualismus können wir nicht begegnen, eine Regeneration des Judentums können wir nicht bewirken ohne die Mitarbeit der Frauen und ohne ein r el ig iö f es I u d en tum. Discite, moniti. LmberiK. Von Elias Nacht (Berlin, zurzeit Bobrka). obrka, oder jiddisch ausgesprochen Boiberik, war einst eine Stadt, heute aber eine Ruine, die uns von vergangenen Zeiten spricht. Die verbrannten, zerschossenen, in sich zusammengefallenen Häuser reden eine deutliche Sprache. Sie erzählen, wie die Russen hier gelebt, und als die Zeit vorüber war, gebrannt und geplündert, gedroschen und gemordet haben. Und nun schießt Gras aus den Grundmauern heraus. Boiberik ist eine jüdische Stadt, denn Kaftans, Streimil, Talis und Pejes sind die Kennzeichen des galizischen Judentums, und wo sie in Mehrzahl vertreten sind, ist es eine jüdische Stadt. Aver nicht die>e Fatroren allein machen sie zur Judenstadi. Wersen wir einen Blick aus den Handel. Hier rn der Bude ein Jud, dort eine Jüdin; da sitzt ein grauköpfiger Uhrmacher, dort hämmert ern Jsraelssohn in Jarmeke auf dem Amboß, hier ein jüdischer Waperträger ufw. Reg^s raufmänntfches Leben. Und man ist fleißig in Boiberik, sehr fleißig, das peist man am Schweitzrriejen. Rur arveitiamen Menschen rinnt der Schweiß vom Gesicht herao. Das geht so tagtäglich. Am Tage wie am Avend. Jahraus, jahrein. AVer einen Ruhetag gibt es dennoch in Bowerik. Mit dem Untergang der L-viine am Freitag yort jede werträglge Aroeit auf, uno der Juoe wird ein König und ferne Frau eine Königin. Alan ivascht, man lehrt, räumt uno macht Ordnuyg; der eres «chaooes l>i vor oer Tür... Die Schänkenbefttzer haben vollauf zu tun, um den Bedarf an Kidduichwein zu bewältigen; denn der ärmste Jude gwl sein letztes Papier her, um sich den nötigen Kidduschwein zu ve- Ichassen. Was ist der eres Schabbes ohne Wein. Kerzen beleuchten die Zimmer, es muß hell fein; wie sollen denn sonst der König und die Königin zum Ausdruckkommen. Man scheut keine Unkosten und veschafft sich auch die Brennstangen. Während die Frau mit der Wirtschaft beschäftigt ist, betet der Gaue im Tempel zum Allmächtigen für das Wohl des ganzen Hauses und für das — ganze Judentum. Er betet für me Gesundheit, für das Geschäft und für den Frieden. Uno sieht man sich den Schabvestisch an, so vteivt man nachdenklich stehen und sagt sich, so, also genau so, hat es vor einigen tausend Jahren auch ausgesehen! Sauber, feierlich und appetitlich! Galizien hat einen eigenen Appetit und eine eigene Sauberkeit! Und seit jenen grauen Zeiten ist gar keine Veränderung, weder eme Besserung noch eine Verschlechterung, zii verzeichnen. Wenn man richtig nachdenkt, so ist dies entschieden ein Rückgang in der Kultur des Judentums. Schritt- Halten wollen sie nicht, sie befürchten dadurch eine Auflösung des jüdischen Volkes. So sehr unrecht haben sie ja nicht, denn im Augenblick, wo sie die Traditionen aufgeben, beginnen sie zu schwanken zwischen: Orthodoxie und Zweifel. Was wir „Datschen", so nennen sie uns Westjuden, von ihnen verlangen, ist ja lediglich mehr Anpassung an das Jahrhundert. Keinesfalls wollen wir ihnen das Beten, die Feiertage u. dgl. nehmen. Ich wünsche nur, für eine Zeitlang ihr Friseur und zugleich ihr Schneider zu sein; dann wäre das erreicht, was wir „Datschen" wünschen, und dann würden auch die Andersgläubigen mit mehr Achtung auf sie schauen, als es bis jetzt der Fall ist. Pejes, unschöner Bart, Kaftan und ein Streimil, das durch das Eigengewicht den Kopf gegen die Erde drücken muß, sind heutzutage überflüssige „Verzierungen". Heute ziemt es einem Juden beileibe nicht mehr so auszusehen. Man bedenke, ein Bauer, dessen Verstand hauptsächlich im Magen zu finden ist, kleidet sich modern. Und erst die Bäuerin — sie macht schon Bekanntschaft mit dem Apotheker, Drogisten und Parfümerieladen. Und der Boiberiker Jude sieht da so gelassen zu. Will er etwa, daß der Bauer ihm auch den Verstand raubt! . . . Denn so manches hat er ihm schon entwendet. Man kann ein guter Jude sein, ohne auffallend und abstechend auszusehen. Welche ungeheure Freude wurde ausgelöst, als der gelbe Fleck und der spitze Hut — das ehemalige Erkennungszeichen eines Juden — aus der Welt geschasst wurden. Und um welche Achtung und Hochschätzung würde das Judentum reicher werden, würde es den lockigen Fleck und die Pelzmütze, die weder wärmt noch abkühlt, in die Ecke — ad acta —, wo Erinnerungen ausbewahrt werden, legen. Ich bin davon durchdrungen, daß man ihm statt das alltägliche ,,Jid" das aristokratische „Pan" anbieten würde. Daß der Antisemitismus dadurch an Boden verlieren würde, dürfte als Tatsache angenommen werden. Hat denn jemand etwas dagegen, wenn der Jude früh aufsteht und sein Gebet verrichtet, oder nach dem Essen Gott für die selbsterworbene Nahrung dankt, oder noch am Abend ein Gebet verrichtet. Niemand. Nur die Straße muß von allem Auffälligen verschont bleiben. Also fort mit dem gelben Fleck. — Es ist schon das zwanzigste Jahrhundert! Kehren wir zum Sabbat zurück. JnS Bethaus. Es zählt zwar nicht zu den angenehmsten Aufenthaltsräumen — weder im Winter noch im Sommer —, doch schadet es nicht, wenn man es für einige Augenblicke betritt, um mitzuerleben, was dort vor sich geht. „Mehr Luft!" höre ich rufen. Licht und Luft gehören zur Atmung. Zum jüdischen Beten gehören eine gesunde Stimme und ein elastischer Körper. Denn betet der Jude leise, so befürchtet er, der Allmächtige könnte seine ciimme nichr vernehmen, und würde er sitzen oder gerade stehen, so könnte er mitten im Gebet an andere Dinge denken. Um nun diese „Fehler" zu vermeiden, betet er laut, ganz laur, denn ganz Boiberik muß wissen, daß das Judentum betet, und er schaukelt dabei seinen Körper wie die Aehren eines Kornfeldes. So werden einige Stunden des Tages verbracht . . . Nach dem Mittagsschlas raubt der Talmud, die Mischna, Gemara u. a. die Zeit. Durch die Fenster erschallen die Stimmen der fleißigen Talmudisten. Da wird gestritten, ob d e r oder j e n e r Gelehrte recht hat und über andere unwichtige und veraltete Fragen. So sitzt man den ganzen lieben Tag in der dunklen, staubigen, ungesunden Kammer über „heilige" Folianten und — studiert das Altertum. Die Neuzeit ist nicht wert, studiert zu werden, ist sie doch die Zeit der Epikuräer. Da man am Schabbes weder in den Taschen noch in den Händen etwas tragen darf, wird der Talis um den Hals gehängt und vom Hause ins Bethaus und zurück in die Wohnung durch die Straßen getragen. Das Geschästsleben ist am Schabbes tot. Wer nicht am Freitag alle Besorgungen vorgenommen hat, der kann am Sonnabend einen Fasttag begehen. Sie können sich dieses Vergnügen allerdings leisten, da sie keine Konkurrenz an diesem Tage zu befürchten haben. Dafür aber sieht man gegen Ausgang des Schabbes junge Mädchen und Jünglinge mit gepflegten Pejes die Straßen auf und ab gehen, gestikulierend, disputierend und die Pejes drehend. Es gereicht uns zwar nicht zur größten Ehre, wenn ich betone, daß die Boiberiker Juden unter sich wie Katze und Maus leben, und dies liegt in der Natur der Sachedenn alle von ihnen sind Kaufleute: ein Beruf, der Neid und Konkurrenz